Oleh Hennadijowytsch Senzow (ukrainisch Олег Геннадійович Сенцов; * 13. Juli 1976 in Simferopol) ist ein ukrainischer Filmregisseur und ehemaliger politischer Häftling in Russland.
Senzow wurde in Simferopol auf der Halbinsel Krim geboren. Er studierte Ökonomie an der Nationalen Wadym-Hetman-Wirtschaftsuniversität in Kiew. Sein erster Kurzfilm A Perfect Day for Bananafish erschien 2008 und im darauffolgenden Jahr wurde Senzows zweiter Kurzfilm Das Horn von einem Stier veröffentlicht. Mit seinem ersten Spielfilm Gamer über einen Videospiel-Wettbewerb debütierte er auf dem Internationalen Filmfestival in Rotterdam (IFFR) im Jahr 2012. Der Film stieß auf viel Beachtung und Lob und sicherte Senzow die Finanzierung für seine nächste Filmproduktion Rhino.
Die Arbeit an seinem geplanten Spielfilm Rhino unterbrach er im November 2013 für sein Engagement in der Euromaidan-Protestbewegung. Senzow war ein Aktivist der sogenannten AutoMaidan-Bewegung und lieferte Lebensmittel und Vorräte an Soldaten der von russischen Einheiten blockierten ukrainischen Krim-Basen. Er ist ein Gegner der russischen Annexion der Krim und sieht sie als illegitim. Auch die russische Militärpräsenz im Donezbecken lehnt er ab.
Am 11. Mai 2014 wurde Senzow auf der Krim zusammen mit dem Aktivisten Oleksandr Koltschenko, dem Fotografen Gennadij Afanasjew und dem Historiker Oleksij Tschirnij wegen des Verdachts der Planung terroristischer Handlungen verhaftet und nach Moskau überstellt. Ihnen wurde vorgeworfen, Terroranschläge auf öffentliche Denkmäler vorbereitet zu haben. Zum anderen wurde ihnen unterstellt, Mitglieder der rechtsextremen paramilitärischen Organisation Rechter Sektor zu sein. Dies bestritten Senzow und Koltschenko und ihre Anwälte stets.
Nach der Untersuchungshaft im Lefortowo-Gefängnis in Moskau wurde Senzow im August 2015 zu 20 Jahren Straflager wegen Terrorismus verurteilt, der mitangeklagte Koltschenko zu zehn Jahren Haft. Am 6. Februar 2016 wurde bekannt, dass Senzow nach Irkutsk verlegt würde, um seine Strafe anzutreten. Seine Strafkolonie IK-8 (Weißer Bär) liegt in Charp bei Labytnangi am Polarkreis. Koltschenko wurde nach Tscheljabinsk überstellt.
Die Anklagen gegen Senzow und Koltschenko basierten in erster Linie auf den Aussagen der mitangeklagten Afanasjew und Tschirnij, die unmittelbar nach der Festnahme mit den Ermittlern zu kooperieren begannen. Nach Angabe von Menschenrechtsorganisationen stammten die Aussagen gar nur von einem der beiden, und der Betreffende habe zugegeben, die Aussage unter Folter gemacht zu haben. Das Untersuchungsmaterial des FSB war für Außenstehende nicht zugänglich, weil von den Anwälten eine Geheimhaltungsvereinbarung unterschrieben wurde. Laut Dmitry Dinze gibt es keine weiteren Beweise für die Beteiligung Senzows an einer terroristischen Vereinigung, weder Abhöraufnahmen noch irgendein Material aufgrund operativer Suchaktivitäten. Aus dem Gerichtsprozess ist zudem bekannt, dass bei Senzows Festnahme und Durchsuchung weder Sprengstoff noch Waffen gefunden wurden.
Senzow bestritt alle Anklagepunkte und nannte den Fall politisch und konstruiert, die WOZ nannte ihn einen „abstrusen Schauprozess“, während in einem Gastkommentar in der NZZ vom gleichen Tag die Rede davon war, dass ein solches Urteil vor allem eine Botschaft an diejenigen sei, die sich gegen die Besetzung der Krim wehren wollten: Es solle zeigen, dass Urteile in keinem Zusammenhang mit der Anklage stehen müssten und dass Beweise ebenfalls nicht erforderlich seien, da solche Urteile einzig zeigen sollten, wie schnell man in einem Straflager landet.
Während des Prozesses berichtete Senzow von Versuchen, während der Verhöre die Beweise mit Folter zu erzwingen: Dafür wurde er mit Händen, Füßen und Schlagstock geschlagen, mit einem Paket gewürgt und sogar mit Vergewaltigung bedroht. Der zweite Angeklagte, der linke Aktivist Oleksandr Koltschenko, berichtete ebenfalls über die während der Ermittlungen angewandte Folter. Der Zeuge der Anklage, Gennadij Afanasjew, widerrief während des Prozesses seine Aussage und erzählte, dass er seine früheren Zeugenaussagen unter Zwang abgegeben hätte.
Senzow war zum Zeitpunkt der Haft alleinerziehender Vater zweier Kinder. Nicht einmal zum Wohle seines autistischen Sohns habe er Putin um Gnade ersucht, erklärte seine Cousine Natalia Kaplan; Senzow sei sehr prinzipientreu.
Proteste gegen die Inhaftierung
Die Europäische Filmakademie (EFA) forderte in einer Erklärung vom 19. Mai 2014 die Freilassung Senzows, ebenso die Geschäftsführerin des Medienboards Berlin-Brandenburg, Kirsten Niehuus. Senzows in Berlin lebender Kollege Sergei Loznitsa äußerte sich laut Tagesspiegel zu den Gründen der Verhaftung: „Oleg Sentsov hat aktiv an den Protesten teilgenommen, nur deshalb wird er jetzt verfolgt.“
In einem Aufruf vom 30. Mai 2014 machte Amnesty International auf den Fall aufmerksam. In einem offenen Brief der Europäischen Filmakademie (EFA) vom 10. Juni 2014 an den russischen Präsidenten Wladimir Putin setzten sich u. a. Regisseure wie Wim Wenders, Agnieszka Holland, Ken Loach, Mike Leigh und Pedro Almodóvar für Senzows Freilassung ein. Weitere Solidaritätsbekundungen und -aktionen der EFA folgten zwischen 2014 und 2018, darunter auch die Einrichtung eines Hilfsfonds zur Unterstützung von Senzows Kindern und der Kosten für seinen Rechtsbeistand.
Am 26. Juni 2014 appellierte der russische Präsidialrat für Menschenrechte an den stellvertretenden Generalstaatsanwalt Wiktor Grin, die Umstände der Verhaftung Senzows und seines Mitstreiters, des ukrainischen Ökologen Oleksandr Koltschenko, zu untersuchen und neu zu bewerten. Ungeachtet der Proteste erklärte der zuständige Richter am 7. Juli 2014, die Untersuchungshaft Senzows bis zum 11. Oktober 2014 zu verlängern. Ukrainischen Behörden wurde der Kontakt zu Senzow nicht gestattet, weil Senzow mit der Eingliederung der Krim in die Russische Föderation die Staatsbürgerschaft der Ukraine verloren habe.
Am 30. September 2014 richtete Klaus Staeck, der Präsident der Akademie der Künste in Berlin, im Namen der 400 Akademiemitglieder einen Appell an den russischen Botschafter, den Generalstaatsanwalt und an den Leiter des russischen Geheimdienstes FSB, die willkürliche Inhaftierung Senzows aufzuheben.
In einer Resolution vom Juli 2015 forderte die Parlamentarische Versammlung der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa die Russische Föderation zur Freilassung Oleh Senzows auf und bezeichnete die Inhaftierung als illegal.
Die Berlinale wie auch das Film-Festival in Cannes führten 2017 Solidaritätsaktionen durch.
Bei einer Pressekonferenz mit Emmanuel Macron im Mai 2018 wurde Präsident Putin auf den Fall Senzow angesprochen. Er nannte die russische Justiz „unabhängig“ und Senzow sei von ihr eingesperrt wegen „Terrorismus“. Zwei Monate vor Beginn der Fußballweltmeisterschaft 2018 begann Senzow einen Hungerstreik. Weltweit fanden in 78 Städten Aktionen statt, um auf den Fall aufmerksam zu machen.
Senzows Mutter reichte gegen Ende der Fußball-Weltmeisterschaft 2018 ein Gnadengesuch beim Kreml ein. Lech Wałęsa nominierte ihn für den Friedensnobelpreis und die Fraktion der Europäischen Volkspartei nominierte ihn für den Sacharow-Preis 2018.