Odilo Lothar Ludwig Globocnik, auch Globotschnig(g), Spitzname Globus (* 21. April 1904 in Triest, Österreich-Ungarn; † 31. Mai 1945 in Paternion, Kärnten), war ein österreichischer Kriegsverbrecher, Nationalsozialist, SS-Gruppenführer und als Generalleutnant der Polizei ab 1943 Höherer SS- und Polizeiführer (HSSPF) für die Operationszone Adriatisches Küstenland. Nach Kriegsende wurde er Ende Mai 1945 durch Angehörige der britischen Armee festgenommen und beging kurz darauf Suizid.
Nach dem „Anschluss Österreichs“ an das Deutsche Reich war er für einige Monate Gauleiter in Wien und dort maßgeblich für die Judenverfolgung mitverantwortlich. Nach der deutschen Besetzung Polens wurde er im Distrikt Lublin des Generalgouvernements SS- und Polizeiführer (SSPF). Als Leiter der Aktion Reinhardt zur Vernichtung der Juden im Generalgouvernement unterstanden ihm die Vernichtungslager Belzec, Sobibor und Treblinka. In seiner Eigenschaft als Geschäftsführer der Ostindustrie GmbH organisierte er die Ausbeutung jüdischer Arbeitskräfte. Als HSSPF war er in seinem Einsatzgebiet für die so genannte Bandenbekämpfung und die Deportation von Juden in das KZ Auschwitz-Birkenau zuständig.
Familiärer Hintergrund, Schulzeit und (abgebrochenes) Studium
Odilo Globocnik war das zweite Kind des Postbeamten Franz Globocnik. Die Familie stammte väterlicherseits aus Neumarktl (slowen. Tržič) in der Oberkrain. Seine Mutter Anna, geborene Petschinka/Pecsinka, kam aus Werschetz im Banat. Der Vater war zunächst Berufsoffizier und trat dann als Rittmeister a. D. in den Postdienst ein. Globocniks Familie zog 1914 von Triest nach Lanschütz um.
Nach dem Besuch der Volksschule in seiner Heimatstadt trat Globocnik 1915 in die Militär-Unterrealschule St. Pölten ein. Er wird als „recht begabt“ und „sehr fleißig“ beschrieben, soll über „sehr anständige und gefällige Umgangsformen“ verfügt und sich stets „musterhaft“ benommen haben. Laut Fragebogen des Reichssicherheitshauptamtes wurde er am 18. November 1918 in Österreich eingebürgert. Er übersiedelte mit seiner Familie nach Klagenfurt und besuchte dort von Herbst 1919 bis Juli 1923 die höhere Staatsgewerbeschule, wo unter anderem Italienisch und Slowenisch zu den Unterrichtsfächern gehörten. Die Schulausbildung schloss er mit der Matura ab. Nebenbei arbeitete er als Kofferträger auf dem Bahnhof Klagenfurt.
Ab 1922 war Globocnik mit Margarete Michner (* 1908) verlobt, die er jedoch nie heiratete.
Globocnik erhielt 1923 bei der Kärntner-Wasserkraft-AG (KAWAG) seine erste Anstellung als Bautechniker in Frantschach im Lavanttal und war bis 1930 an mehreren Kraftwerksbaustellen beschäftigt. Anschließend fand er eine Beschäftigung bei dem Klagenfurter Bauunternehmen Rapatz, wo er bis Januar 1934 als Bauleiter (möglicherweise nur Polier) beschäftigt war. Wegen nationalsozialistischer Betätigung nach dem NSDAP-Verbot in Österreich wurde er mehrmals festgenommen, konnte aber in der Haft 1933 die Prüfung zum Bauleiter ablegen. Danach durfte er seinen Beruf nicht mehr ausüben und wurde hauptamtlicher NSDAP-Funktionär.
Globocnik nahm von 1918 bis 1920 am sogenannten Kärntner Abwehrkampf teil und war während der Vorbereitungen für die Volksabstimmung als „‚illegaler‘ Propagandist“ tätig. Als sich anschließend ein „Heimatschutz“ bildete, aus dem eine nationalsozialistisch geprägte Sturmabteilung entstand, schloss er sich dieser Gruppierung an. 1922 trat Globocnik der DNSAP bei, aus der er später wieder ausschied. Zum 1. März 1931 trat er der NSDAP bei (Mitgliedsnummer 442.939). Bis zum NSDAP-Verbot in Österreich am 19. Juni 1933 war Globocnik Propagandaleiter der Nationalsozialistischen Betriebszellenorganisation.
Globocnik wurde mehrmals wegen politischer Vergehen als illegaler Nationalsozialist verhaftet und viermal zu Haftstrafen verurteilt. Neben einer sechs- und einer vierwöchigen Haftstrafe im August bzw. November 1933 erhielt er im Dezember 1934 und August 1935 jeweils eine sechsmonatige Haftstrafe. Insgesamt befand er sich von 1933 bis 1936 jedoch weniger als ein Jahr in Haft. Seine Rolle bei der Ermordung des jüdischen Juweliers Norbert Futterweit im Juni 1933 in Wien ist ungeklärt.
Globocnik wurde 1933 Stellvertreter des Gauleiters von Kärnten Hubert Klausner. Sehr wahrscheinlich nahm er nicht aktiv am Juliputsch 1934 teil. Am 1. September 1934 trat Globocnik in die SS (SS-Nummer 292.776) ein. Er baute für diese Organisation einen illegalen Nachrichtendienst in Kärnten auf. Über die Schweiz und Italien schleuste er acht Millionen Schilling an „geheimen Hilfsgeldern aus dem Deutschen Reich“ nach Österreich. Als sich fast alle Spitzenfunktionäre der österreichischen NSDAP in Haft befanden, leitete Globocnik im Sommer 1935 die Partei vorübergehend von Budapest aus. Globocnik übernahm 1936 kurzzeitig kommissarisch die Landesleitung der NSDAP in Kärnten und wurde dann Stabsleiter der österreichischen Landesleitung.
Eroberung der Macht in Österreich
Fünf Tage nach Abschluss des „Juliabkommens“ 1936 beorderte Adolf Hitler Globocnik zusammen mit Friedrich Rainer zu sich auf den Berghof, um ihnen Instruktionen für das weitere Vorgehen der NSDAP in Österreich zu geben: Er forderte eine diszipliniert auftretende NSDAP in Österreich und nach Abstimmung mit Rainer und Globocnik eine Zusammenarbeit mit der Vaterländischen Front. Globocnik gehörte neben Klausner und Rainer zur sogenannten „Kärntner Gruppe“, die in Opposition zum revolutionären Kurs des SA-Führers und Landesleiters der NSDAP in Österreich Josef Leopold stand. Er wurde zum wichtigsten Verbindungsmann dieser innerparteilichen Opposition zur NSDAP im Deutschen Reich. Durch den von ihm aufgebauten österreichweit operierenden illegalen Nachrichtendienst (Sonderdienst der Gauleitung) konnte diese Gruppierung erheblich an Einfluss gewinnen. Leopold enthob während des parteiinternen Konflikts Globocnik und Rainer im Herbst 1936 ihrer Parteifunktionen und verkündete im Österreichischen Beobachter im November 1937 Globocniks NSDAP-Ausschluss wegen „parteischädigenden Verhaltens“. Dieser Konflikt, der die Partei spaltete, führte im Februar 1938 zur Absetzung Leopolds als Landesleiter. Hitler ernannte am 21. Februar 1938 Klausner zum Landesleiter in Österreich, Rainer zum politischen Leiter und Globocnik zum Organisationsleiter.
Nach dem „Anschluss“ Österreichs wurde Globocnik am 12. März 1938 zum Staatssekretär in der von Arthur Seyß-Inquart geführten und nur wenige Wochen bestehenden österreichischen Landesregierung ernannt. Nach der Reichstagswahl vom 10. April 1938 zog er als Abgeordneter für das Land Österreich in den nationalsozialistischen Reichstag ein. Im Mai 1938 wurde er rückwirkend zum 12. März 1938 zum SS-Standartenführer befördert.
Am 24. Mai 1938 wurde Globocnik durch Hitler als Gauleiter im Gau Wien eingesetzt. Diese Entscheidung wurde von vielen Wiener Parteigenossen und österreichischen SA-Führern kritisiert, da er Kärntner und SS-Führer war und Leopold in Wien noch über erheblichen Rückhalt in der Partei verfügte. Zum Antritt seines Amtes verkündete er die Reorganisation der Wiener Partei und die Übernahme von SA-Führern in Führungspositionen der Wiener NSDAP.
Globocnik sah sich selbstgefällig in einer bedeutenden Rolle beim „Anschluss“ Österreichs und verfasste diesbezüglich sogar ein Memorandum, in dem er seine Aktivitäten für die Partei und beim Anschluss Österreichs hervorhob. In Personalunion wurde er örtlicher Gauwalter der DAF in Wien.
Als Gauleiter versagte er vollkommen. Zunächst geriet er mit dem Reichskommissar für die Wiedervereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich, Josef Bürckel, in Konflikt. Nach der Verwüstung des Erzbischöflichen Palais durch Mitglieder der Hitlerjugend am 8. Oktober 1938 distanzierte sich auch der noch katholische Seyß-Inquart. In der Wiener Bevölkerung wurde ihm vielfach übelgenommen, dass er Wien im Vergleich mit Berlin nicht als ebenbürtig ansah.
In Wien war Globocnik maßgeblich für die Vertreibung, Misshandlung und Enteignung der örtlichen jüdischen Bevölkerung verantwortlich. Während der Arisierungen kam es in Wien zu willkürlichen Enteignungen und Korruption. Durch fehlende Verwaltungsstrukturen gab es auch finanzielle Unregelmäßigkeiten beim Parteivermögen: Globocnik hatte den Adolf-Luser-Verlag zu teuer erworben und das Haus der Vaterländischen Front weit unter Wert verkauft. Darlehen vergab er an Freunde, so 13.000 RM an den Salzburger Gauleiter Rainer. Weiterhin wurden im Gau Wien Parteispenden nicht korrekt verbucht und zweckentfremdet. Schließlich geriet Globocnik auch mit dem Reichsschatzmeister Franz Xaver Schwarz in Konflikt, da er sich der „Finanzhoheit der Münchner NS-Behörden“ nicht unterordnen wollte. Nach einer Buchprüfung des Gaus Wien im September 1938 wurde Globocniks Finanzgebarung stark kritisiert und ihm die Finanzhoheit entzogen. Globocnik hinterließ im Gau Wien ein finanzielles und organisatorisches Chaos, als er am 30. Januar 1939 wegen dubioser Devisengeschäfte, Geheimkonten für erpresstes jüdisches Geld und wegen Unterschlagung von Parteigeldern aus dem Amt entfernt wurde.