Die Novemberrevolution in Braunschweig war eine von Arbeitern und Soldaten getragene Erhebung in Braunschweig kurz vor Ende des Ersten Weltkriegs, die am 8. November 1918 zur Abdankung Ernst Augusts, des letzten Herzogs von Braunschweig und bis Mai 1919 zur Umwandlung seines Landes in einen demokratischen Freistaat führte. Angestoßen durch den Kieler Matrosenaufstand war sie Teil der landesweiten Novemberrevolution, die den Sturz der Monarchien im Kaiserreich und seinen Bundesstaaten bewirkte.
Wie im gesamten Reich brachte der Aufstand auch für Braunschweig tief greifende politische und soziale Veränderungen mit sich. Die Ereignisse der Jahre 1918/19, die zur Errichtung der parlamentarisch-demokratischen Weimarer Republik führten, hatten nachhaltigen Einfluss auf deren weitere politische Entwicklung.
In der Endphase des Ersten Weltkrieges befand sich das Deutsche Kaiserreich in einer schweren wirtschaftlichen, sozialen und politischen Krise. Die Oberste Heeresleitung hatte bereits Ende September 1918 die militärische Lage als für Deutschland aussichtslos erklärt, General Ludendorff forderte deshalb ein Waffenstillstandsgesuch. Um eine zentrale Forderung des US-Präsidenten Woodrow Wilson zu erfüllen, wurde ab Anfang Oktober die Reichsregierung auf eine parlamentarische Basis gestellt und der liberale Prinz Max von Baden von Kaiser Wilhelm II. zum neuen Reichskanzler berufen. Nach Kenntnisnahme der weiteren Waffenstillstandsbedingungen der Alliierten versuchte Ludendorff trotz seines Eingeständnisses vom Vormonat, dass der Krieg verloren sei, diesen fortzusetzen.
Als nach dem Kieler Matrosenaufstand ab dem 3. November die daraus entstehende „Novemberrevolution“ in das gesamte Land getragen wurde, brachen deutschlandweit Streiks aus. In zahlreichen Städten wurden Arbeiter- und Soldatenräte gebildet. Am 7. November wurde Ludwig III. von Bayern als erster deutscher Monarch abgesetzt, in München rief Kurt Eisner den Freistaat Bayern als Republik aus (siehe auch inkl. der nachfolgenden Ereignisse unter Münchner Räterepublik). Zur gleichen Zeit verhandelte der alliierte Oberkommandierende, Marschall Foch, mit deutschen Politikern über einen Waffenstillstand. Am 9. November 1918 erreichte die Revolution Berlin, wo Reichskanzler Prinz Max von Baden die Abdankung Wilhelms II. bekanntgab und die Kanzlerschaft Friedrich Ebert (SPD) übertrug. Am Nachmittag desselben Tages rief Philipp Scheidemann die erste deutsche Republik aus, woraufhin Karl Liebknecht (Spartakusbund) seinerseits die „Freie Sozialistische Republik Deutschland“ proklamierte. Ab dem 11. November 1918, 11 Uhr vormittags, schwiegen die Waffen – der Erste Weltkrieg war zu Ende.
Die Lage in Braunschweig am Ende des Ersten Weltkrieges
Gegen Ende des Jahres 1918 bereitete man sich in Braunschweig auf den fünften Kriegswinter vor. Die Versorgung mit Lebensmitteln, wichtigen Gütern des täglichen Bedarfs und Brennmaterial hatte sich mit jedem weiteren Kriegsjahr zusehends verschlechtert. Auch die sozialen Leistungen der Betriebe waren immer weiter reduziert worden. Der Schwarzhandel blühte. Wie in großen Teilen Europas grassierte die Spanische Grippe auch in Braunschweig und forderte zahlreiche Opfer. In der Endphase des Krieges hatten Mitglieder der „Spartakusgruppe Braunschweig“ unter Führung von August Merges, Mitglied der USPD, ein Netzwerk für Deserteure aufgebaut. Die Negativnachrichten von den Fronten rissen nicht ab, die Verluste stiegen beständig, 15.000 Soldaten des Herzogtums Braunschweig waren bereits gefallen, gegen Ende des Krieges wurde schließlich begonnen, auch die jüngsten einsetzbaren Jahrgänge einzuberufen, während gleichzeitig Tausende von Frontsoldaten – durch das Erlebte z. T. für den Rest ihres Lebens traumatisiert – in eine ungewisse Zukunft zurückkehrten. In der städtischen Arbeiter- und Bürgerschaft brodelte es seit Jahren. Bereits ab Dezember 1914 hatte Merges zusammen mit August Thalheimer, Albert Genzen und August Wesemeier, dem späteren Präsidenten des Braunschweigischen Landtages, Unzufriedene im „Braunschweiger Revolutionsclub“ um sich geschart.
Am 1. Mai 1916 wurde ein erster Streik junger Arbeiter, der „Sparzwangstreik“, durch eine Verordnung des Generalkommandos Braunschweig ausgelöst, die es Jugendlichen untersagte, frei über ihren vollen Lohn zu verfügen. Der größte Teil wurde direkt auf ein Sparkonto eingezahlt, über das der Lohnempfänger nur unter bestimmten Bedingungen selbst verfügen konnte. Ziel dieser Maßnahme war vordergründig, die Jugendlichen in der Kriegszeit zum Sparen anzuhalten; in Wahrheit erhielt der Staat jedoch so mehr Finanzmittel zur Kriegsführung zur Verfügung. Aufgrund des Streiks nahm das Generalkommando die Verordnung am 6. Mai wieder zurück. Vom 15. bis zum 20. August 1917 wurde unter dem Motto „Friede! Brot! Freiheit!“ der erste Generalstreik in der Stadt durchgeführt.
In der Braunschweiger Vorkriegssozialdemokratie hatte der linke Parteiflügel eine zahlen- wie einflussmäßig relativ große Bedeutung. Dies zeigte sich u. a. auch, als sich die SPD 1917 spaltete: In Braunschweig wechselte die Mehrheit der Mitglieder zur USPD, nur eine Minderheit blieb in der SPD (dann MSPD genannt) – im übrigen Reich war es zumeist andersherum. Das örtliche SPD-Organ, der „Braunschweiger Volksfreund“, zählte zu den wenigen sozialdemokratischen Zeitungen, in denen (mit bedingt durch die Redaktionsmitgliedschaft von August Thalheimer bis 1916) auch nach Kriegsbeginn Gegner des Krieges und der Burgfriedenspolitik der Parteiführung zu Wort kamen. Braunschweig erwies sich als besonders fruchtbarer Nährboden für revolutionäre Bewegungen, die in dieser Radikalität im restlichen Reich kaum zu finden waren.
November 1918: Die Revolution erreicht Braunschweig
Anfang November kursierten allerhand Gerüchte in der Stadt. Für den 3. November hatten die Spartakisten eine große Protestversammlung auf dem Leonhardplatz organisiert, bei der Merges Hauptredner war. Um noch mehr Menschen dorthin zu locken und um gleichzeitig das Bürgertum einzuschüchtern, wurde das Gerücht verbreitet, Karl Liebknecht komme nach Braunschweig und werde auf dieser Veranstaltung sprechen, außerdem würden 1000 Matrosen in die Stadt kommen – beides geschah zwar nicht, hatte aber aus Sicht der Revolutionäre dennoch seine Wirkung nicht verfehlt.
Im Laufe des 6. November 1918 erreichten die ersten Matrosen aus Kiel und Wilhelmshaven kommend Braunschweig und wurden von Merges empfangen. Noch während die Revolutionäre am Abend berieten, kam es zu ersten Unruhen. Am nächsten Tag fand eine Großdemonstration statt, eine große Menschenmenge zog durch die Stadt, das Gefängnis Rennelberg wurde gestürmt und Gefangene befreit, Revolutionäre besetzten den Braunschweiger Bahnhof, die Post sowie die Schlosswache, diverse Amtsgebäude wie das Polizeipräsidium der Polizeidirektion Braunschweig in der Münzstraße, Arbeiter bei Büssing und anderen Fabriken wurden mobilisiert. Tausende standen von der Münzstraße bis zum Hagenmarkt. Fast die gesamte Braunschweiger Garnison lief zu den Aufständischen über. Welfen-Herzog Ernst-August hatte dem Standortältesten die Weisung erteilt, ein Blutvergießen um jeden Preis zu vermeiden.
8. November 1918: Abdankung des Herzogs
Am 8. November 1918 gingen erneut Tausende auf die Straße. Im Laufe des Tages versammelten sich zwischen Ackerhof und Schlossplatz ca. 20.000 Menschen und warteten, dass etwas geschehe. Merges hatte am Morgen mit einer Gruppe Bewaffneter das „Volksfreund“-Gebäude der SPD besetzt und so den Linksradikalen mit der dort erscheinenden Zeitung ein eigenes Sprachrohr verschafft. Während Merges gegen 10 Uhr gerade von einem Balkon zur Menge sprach, wurde auf dem Schloss die Rote Fahne gehisst.
Am Nachmittag ging eine Abordnung unter Merges’ Führung in das Schloss zu Herzog Ernst-August und forderte ihn zur Abdankung auf. Nach kurzer Bedenkzeit und nach Beratung mit seinen Ministern unterzeichnete dieser die Urkunde und verließ Braunschweig am folgenden Tage zusammen mit seiner Familie nach Gmunden ins österreichische Exil. Zuvor hatte Ernst-August noch seine Minister veranlasst, geschlossen zurückzutreten und ihre Amtsgeschäfte in die Hände des Arbeiter- und Soldatenrates zu legen.