Norbert Jacques (* 6. Juni 1880 in Luxemburg-Eich; † 15. Mai 1954 in Koblenz, Deutschland) war ein luxemburgischer Schriftsteller, der seine Texte in deutscher Sprache verfasste und hauptsächlich für die von ihm geschaffene Figur des Dr. Mabuse bekannt ist.
Frühe Jahre und Erster Weltkrieg
Norbert Jacques war der Sohn des Kaufmanns François Jacques und dessen Ehefrau Marie geb. Schmidt. Nach der Reifeprüfung verließ er seine Heimat und ging nach Deutschland. Im November 1901 begann er an der Universität Bonn Rechtswissenschaften zu studieren. Da er sich aber in dieser Zeit nur mit Kunst und Literatur beschäftigte (und gleichzeitig auch ein privates Theater gründen wollte), beendete Jacques sein Studium nach zwei Semestern.
Am Stadttheater von Bonn hatte Jacques seine erste Frau, die Schauspielerin Olga Hübner, kennen gelernt. Ende 1902, kurz nach der Eheschließung, nahm Hübner ein Engagement am Theater in Beuthen an. Jacques ging mit ihr, obwohl die Ehe zu dieser Zeit wohl schon als zerrüttet gelten konnte.
Seinen Lebensunterhalt verdiente sich Jacques dort als Journalist bei der Oberschlesischen Grenzzeitung. Er wurde damit ein Kollege des späteren Schriftstellers Balder Olden. Von Anfang an fiel Jacques durch seine politischen Artikel auf, die im Sommer 1903 zu seiner Entlassung führten. Jacques ließ sich in dieser Zeit scheiden und ging nach Berlin. Mit Wirkung vom 1. Januar 1904 wurde er Redaktionsmitglied im Berliner Büro der Frankfurter Zeitung. Nach drei Monaten wurde er auch hier entlassen, da seine politischen Aussagen sich nicht mit der politischen Haltung der Zeitung vereinbaren ließen.
Nach einem kurzen Intermezzo am Bodensee ließ sich Jacques 1905 in Hamburg nieder. Als freier Journalist machte er dort die Bekanntschaft des Reeders Albert Ballin. Dieser ermöglichte Jacques auf seinem Dampfer Rhätia eine kostenfreie Überfahrt nach Rio de Janeiro, über Lissabon und Funchal. Nach vier Wochen in Südamerika angekommen, begann Jacques eine rund achtwöchige Rundreise durch Brasilien. Anschließend kehrte er wieder nach Deutschland zurück und ließ sich später in Salenstein (Kanton Thurgau, Schweiz) am Bodensee nieder.
1912 heiratete Jacques Margerite Samuely aus Wien, eine ehemalige Sekretärin von Arthur Schnitzler. Mit ihr hatte er zwei Töchter, Aurikula und Adeline. Die Hochzeitsreise dauerte 16 Monate und führte das Paar auf abenteuerliche Weise um die Welt. Sie starteten in Triest mit einem Schiff über Singapur nach Hongkong. In China unternahmen sie eine 3000 Kilometer lange Reise zu Boot und zu Pferd den Jangtsekiang aufwärts bis in die Nähe Tibets und wieder zurück. Anschließend segelte das Ehepaar auf einem Frachtsegler nach Sydney und von dort weiter nach Peru. Nach ausgedehnten Ausflügen ins Landesinnere brachte sie ein weiteres Schiff nach Rio de Janeiro. Von dort traten die beiden ihre Heimreise nach Hamburg an, nur unterbrochen von einem Aufenthalt auf Madeira.
Zurück in Europa mietete Jacques zusammen mit seiner Ehefrau in der Nähe von Romanshorn (Kanton Thurgau, Schweiz) Schloss Luxburg. Im Sommer 1914, sofort nach Beginn des Ersten Weltkrieges, meldete sich Jacques in Berlin als Kriegsfreiwilliger, wurde aber als Ausländer zurückgewiesen. Als Korrespondent der Frankfurter Zeitung reiste er in Folge immer wieder an verschiedene Frontabschnitte, um – nach eigenen Aussagen – dem Deutschen Reich publizistische Schützenhilfe zu leisten.
Im Oktober 1914 besuchte Jacques die Front in Belgien und verarbeitete seine Eindrücke ein Jahr später in seinem Werk „Die Flüchtlinge“. Im November desselben Jahres besuchte er London, um verschiedene Politiker zu interviewen. Anschließend begab er sich durch die Schweiz nach Frankreich, um auch von dort aus zu berichten. Eine Zusammenfassung dieser Reportagen erschien 1915 unter dem Titel London und Paris im Krieg. Im Herbst des darauffolgenden Jahres berichtete Jacques von verschiedenen Frontabschnitten im Osten und veröffentlichte darüber 1916 sein Buch In der Schwarmlinie des österreichisch-ungarischen Bundesgenossen. In diesen drei Werken bezog Jacques offen Stellung für das Deutsche Reich. Alle diese Reisen unternahm Jacques mit seinem luxemburgischen Reisepass, was im Großherzogtum aus neutralitätspolitischen Erwägungen absolutes Unverständnis auslöste.
Weimarer Republik und Nationalsozialismus
Im Sommer 1918 kaufte Jacques das Wasserschloss Gaissberg in Kreuzlingen (Kanton Thurgau, Schweiz), musste aber innerhalb eines Jahres Konkurs anmelden, da er sich finanziell völlig übernommen hatte. Aber bereits 1920 konnte er einen Hof („Das Haus war neu und scheußlich, billig gebaut, doch geräumig“) in Thumen in der Gemeinde Schlachters (heute Sigmarszell) bei Lindau erwerben, der zeit seines Lebens sein Eigentum und Hauptwohnsitz blieb.
Mit Wirkung vom 17. Oktober 1922 erhielt Norbert Jacques die deutsche Staatsbürgerschaft verliehen.
1924 wurde Jacques von einer Filmfirma als Berater engagiert und bereiste mit einer Filmcrew mehrere Wochen Brasilien.
Jacques half mit bei Gründung der Künstlervereinigung Der Kreis (Bodenseegebiet) („ohne Beachtung der bestehenden politischen Landesgrenzen“), die vom 18. Dezember 1925 bis zur Auflösung 1937 bestand und der 12 Künstler als Gründungsmitglieder angehörten.
1928 durchquerte er die Anden, zu Pferd ritt Jacques von Kolumbien bis nach Ecuador. Ein Jahr später reiste er ganz auf sich gestellt von Ägypten nach Rhodesien. Zwischen seinen Reisen weilte Jacques auf Gut Adelinenhof und brachte seine Reiseerlebnisse zu Papier.
1938 wurde auch für Jacques und seine Familie zum Schicksalsjahr, denn seine Frau gehörte dem jüdischen Glauben an. Die Eheleute ließen sich scheiden und Margerite emigrierte Anfang 1939 in die USA. Seinen beiden Töchtern konnte Jacques mittels seiner Verwandten in Luxemburg die luxemburgische Staatsbürgerschaft verschaffen, er selbst konnte sich nicht überwinden, seine geliebte Wahlheimat Deutschland für immer zu verlassen.
1940 heiratete Jacques Maria Jäger aus der Schweiz. Bedrängt durch die Auflagen der Reichsschrifttumskammer, verlegte er sich schriftstellerisch immer mehr auf historische Themen. Zu nennen ist hier vor allem „Leidenschaft“, ein Roman über den frühen Schiller. Die Darstellung des Herzogs Carl Eugen wurde damals als kaschierte Kritik an Hitler gelesen und bereitete ihm einige Schwierigkeiten; dennoch wurde der Roman unter dem Titel Friedrich Schiller – Triumph eines Genies verfilmt. Seinen Lebensunterhalt verdiente sich Jacques in diesen Jahren meistenteils als Lohnschreiber beim Film, aber er verfasste auch allein mehrere Drehbücher.
Als 1940 der Krieg nach Westen ausgeweitet wurde, kehrten seine beiden Töchter – inzwischen staatenlos – auf Gut Adelinenhof zurück. Bis Kriegsende 1945 unterstützte Jacques mit seinen Lesungen vor allem in den Benelux-Staaten die deutsche Propaganda. Hierin ist der Grund für die bis heute andauernde Ablehnung Jacques’ in seiner Heimat zu sehen. Die letzten Kriegstage erlebte der 65-Jährige als Bürgermeister von Schlachters. Sofort nach Kriegsende wurde er verhaftet und von der französischen Militärpolizei nach Luxemburg überstellt. Dort wurde er noch im selben Jahr wegen Landesverrats angeklagt und 1946 „für immer“ aus dem Großherzogtum ausgewiesen.