Norbert Leo Elias (geb. 22. Juni 1897 in Breslau; gest. 1. August 1990 in Amsterdam) war ein deutsch-britischer Soziologe, der nach seiner Emigration 1933 hauptsächlich in England und den Niederlanden lebte. Er wurde 1952 naturalisierter britischer Staatsbürger. Lange Zeit unbeachtet, wird sein Werk seit den 1970er Jahren breit rezipiert. Mit seinem Namen sind die Begriffe „Figuration“ sowie „Prozess- und Figurationssoziologie“ verbunden, die eine methodologische Neuprägung der Soziologie in Anknüpfung an Karl Mannheim bezeichnen. Sein Werk Über den Prozeß der Zivilisation aus dem Jahre 1939 (Neuauflage: 1969/1976) wird zu den bedeutendsten Werken der Soziologie im 20. Jahrhundert gezählt. Eine bedeutende Ergänzung hierzu stellt Über die Zeit (1984) dar. Er befasste sich auch mit der problematischen Integration von wissenschaftlichen Eliten in ihre jeweilige Gesellschaft.
Kindheit, Jugend, Kriegsdienst
Norbert Elias wuchs in Breslau in einer jüdischen Familie auf. Er war das einzige Kind der Eheleute Hermann und Sophie Elias (geb. Galevski). Der wohlhabende Vater war Besitzer einer Textilfabrik, in der Anzüge für den Großhandel produziert wurden. Der erfolgreiche Selfmademan zog sich noch vor dem Ersten Weltkrieg aus dem Berufsleben zurück und wurde Rentier. Die Mutter war Hausfrau und pflegte ein geselliges Leben. Seine Eltern seien, so äußerte sich Elias in einem Interview mit Carmen Thomas, nicht besonders gläubige Juden gewesen, seine Mutter habe aber den Haushalt koscher gehalten, damit seine Großeltern bei ihnen hätten essen können.
Elias, ein schwächliches Kind, das häufig krank war, wurde von Gouvernanten erzogen und in den drei Vorschuljahren von einem Hauslehrer unterrichtet. Sein Schulbesuch begann erst mit der Sexta des Johannesgymnasiums. In seinen Notizen zum Lebenslauf betonte er, die Zeit am Breslauer Gymnasium sei eine Zeit großer Bedeutung für die Ausrichtung seiner intellektuellen Interessen gewesen. Zudem zählte das Breslauer Johannesgymnasium aus ihm unbekannten Gründen zu der Minorität der städtischen Gymnasien, „an denen jüdische Schüler den Druck versteckter oder offener antisemitischer Feindseligkeit von seiten der Lehrer und Mitschüler kaum zu spüren bekamen.“ Der Unterricht am Gymnasium war vom klassischen Bildungsideal des deutschen Bürgertums bestimmt. Im Mittelpunkt standen die Klassiker der griechisch-römischen Antike und die der Schiller- und Goethezeit. Deshalb wünschte sich der dreizehnjährige Elias zu seiner Bar Mitzwa deutsche Klassiker in der Ausgabe des Bibliographischen Instituts.
Am 8. Juni 1915 bestand er die Reifeprüfung, am 22. Juni immatrikulierte er sich an der Universität Breslau für die Fächer Philosophie und Germanistik. Am 1. Juli meldete er sich, wie alle seine Klassenkameraden, als Kriegsfreiwilliger. Er wurde Telegraphist, kam anfangs an die Ostfront und nahm dann an der Schlacht an der Somme teil. Dort erlitt er einen Zusammenbruch, wurde in die Heimat zurückgeschickt und als nicht mehr felddienstfähig als Sanitätssoldat in einer Genesenden-Batterie eingesetzt. Parallel zum Sanitätsdienst nahm er ein Medizinstudium auf. Am 4. Februar 1919 wurde er aus dem Militärdienst entlassen. Die meisten seiner Klassenkameraden waren gefallen.
1918 begann Elias an der Universität Breslau ein Studium der Philosophie und der Medizin, letzteres nur bis zum Physikum 1919. Er unterbrach sein Studium durch Studienaufenthalte an der Universität Heidelberg im Sommersemester 1919 und der Universität Freiburg im Breisgau im Sommersemester 1920. Während seiner gesamten Studienzeit bis 1925 war Elias engagiertes Mitglied der zionistischen Jugendbewegung Blau-Weiß. Ab Beginn des Wintersemesters 1915/16 war er auch Mitglied der Hasmonaea Breslau im „Kartell Jüdischer Verbindungen“ (K. J. V.). Bereits aus jenen Tagen kannte er viele gleichaltrige jüdische deutsche Intellektuelle wie Erich Fromm, Leo Strauss oder Leo Löwenthal.
Ab 1922 arbeitete Elias in einer Fabrik zur Herstellung von Kleineisenteilen als Leiter der Exportabteilung, um dadurch sein Studium zu finanzieren. 1924 erfolgte seine Promotion zum Dr. phil. an der Universität Breslau. Der Titel seiner Dissertation lautete Idee und Individuum – Ein Beitrag zur Philosophie der Geschichte; sein Doktorvater war Richard Hönigswald.
Im Jahr 1924 zog Elias nach Heidelberg und setzte dort sein Studium der Soziologie fort. Von Alfred Weber wurde er für eine Habilitation akzeptiert. Die Arbeit über Die Bedeutung der Florentiner Gesellschaft und Kultur für die Entstehung der Wissenschaft galt der Entstehung der modernen Naturwissenschaften. 1930 brach Elias sein Habilitationsprojekt ab und folgte Karl Mannheim nach Frankfurt am Main. Er arbeitete als dessen Assistent an der dortigen Universität und begann seine Habilitation mit der Schrift Der höfische Mensch.
Die Habilitationsschrift war bereits eingereicht und Mannheim als Gutachter bestimmt, als im März 1933 zu Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft das Institut für Soziologie geschlossen und damit auch Elias’ Habilitationsverfahren abgebrochen wurde. Die Schrift erschien erst 1969 in veränderter Form unter dem Titel Die höfische Gesellschaft.
Elias ging noch 1933 ins Exil, zunächst nach Paris, 1935 nach Großbritannien. Während seiner achtmonatigen Internierung als Enemy Alien auf der Isle of Man im Central Camp (Douglas) sowie im Hutchinson Internment Camp brachte Elias 1940 im Internierungslager ein selbst verfasstes Drama Die Ballade vom armen Jakob zur Aufführung. Unterstützt wurde Elias in dieser Zeit durch Morris Ginsberg und seine ebenfalls in England im Exil lebenden Freundinnen Evelyn Anderson und deren Schwester Ilse Seglow, die bei Elias promoviert hatte, sich nun um seine Freilassung bemühte und ihn mit Lebensmittel- und Büchersendungen versorgte.
Seine Eltern blieben in Breslau, wo sein Vater 1940 starb. Seine Mutter wurde am 30. August 1942 ins Ghetto Theresienstadt deportiert und in Treblinka ermordet.
Nach seiner Entlassung aus der Internierung war Elias kurzzeitig als Lecturer für die Workers’ Educational Association tätig, und danach hielt er Volkshochschulkurse in Leicester. Hinzu kamen 1951/52 Lehraufträge am University College Leicester (der heutigen University of Leicester) und 1952/53 am Bedford College in Bedford (Bedfordshire). In dieser Zeit kam es auch zur Zusammenarbeit mit dem 1933 ebenfalls aus Frankfurt emigrierten Psychoanalytiker S. H. Foulkes.
University of Leicester und University of Ghana
Von 1954 bis 1962 hatte Elias eine Dozentenstelle am neugegründeten Department of Sociology der University of Leicester inne (Schüler waren u. a. Martin Albrow und Anthony Giddens). In diese Zeit fiel auch seine erste umfangreiche empirische Studie Etablierte und Außenseiter. Davor war er lange Zeit in der Erwachsenenbildung tätig und beschäftigte sich mit Gruppentherapie. 1962 bis 1964 war er Soziologieprofessor an der University of Ghana in Accra (Schüler war Willie B. Lamousé-Smith), anschließend kehrte er nach England zurück, wo er als Privatgelehrter lebte.
Niederlande und Gastprofessuren in Deutschland
Ab 1978 hatte er seinen festen Wohnsitz in Amsterdam und war Gastprofessor an verschiedenen deutschen Universitäten (Aachen, Münster, Bielefeld). Erst jetzt – und insbesondere mit dem Erfolg der Taschenbuchausgabe von Über den Prozeß der Zivilisation (1976) – wurde Elias’ Arbeit in Deutschland rezipiert und anerkannt.
Norbert Elias arbeitete von 1978 bis 1984 im Zentrum für interdisziplinäre Forschung (ZiF) in Bielefeld. Unter anderem war er in den ZiF-Forschungsgruppen „Funktionsgeschichte literarischer Utopien in der frühen Neuzeit“ und „Philosophie und Geschichte“, in letzterer unter Leitung von Reinhart Koselleck, tätig.
Norbert Elias entwickelte eine eigenständige soziologische Theorie, deren Grundsätze in den Begriffen Figurationssoziologie bzw. Prozesssoziologie zum Ausdruck gebracht werden.