Nikolai Iwanowitsch Jeschow (russisch Николай Иванович Ежов, wiss. Transliteration Nikolaj Ivanovič Ežov; * 19. Apriljul. / 1. Mai 1895greg. in Sankt Petersburg oder Marijampolė; † 4. Februar 1940 in Moskau) war von 1936 bis 1938 der Chef der sowjetischen Geheimpolizei NKWD. Er war für die Ausführung des von Stalin angeordneten „Großen Terrors“ verantwortlich, der zu fast 800.000 dokumentierten Todesopfern führte. Inklusive der Dunkelziffer wird von 950.000 bis 1,2 Millionen Todesopfern ausgegangen. Verhaftet wurden insgesamt etwa 2,5 Millionen Menschen. Diese Zeit war in der sowjetischen Bevölkerung daher auch als Jeschowschtschina (ежовщина, ‚Jeschow-Zeit‘) bekannt. Die Erschießung Jeschows hatte auch den propagandistischen Zweck, ihn als den Hauptschuldigen am Großen Terror darstellen zu können und im öffentlichen Bewusstsein das stalinistische Regime entsprechend von der Verantwortung zu „reinigen“. Jeschow war der einzige ethnische Russe, der den Posten des Geheimdienstchefs während der Regierungszeit Stalins innehatte.
Viele Angaben zu Jeschows frühen Jahren sind unklar. Bei seiner Verhaftung im April 1939 gab Nikolai Jeschow an, am 1. Mai 1895 in Sankt Petersburg geboren zu sein.
Nach einer kurzen schulischen Ausbildung war er als Jugendlicher der Gehilfe eines Schneiders, später Fabrikarbeiter und arbeitete in verschiedenen Städten. Währenddessen eignete er sich autodidaktisch weiteres Wissen an und engagierte sich in ersten Streiks. 1915 wurde er in die russische Armee eingezogen. Von 1916 bis 1917 leistete er Dienst in einer Artilleriewerkstatt in Witebsk.
Jeschow trat der bolschewistischen Partei am 5. Mai 1917 in Witebsk bei. Während des Russischen Bürgerkrieges kämpfte er in der Roten Armee, wo er den Posten eines Politkommissars einnahm. Aufgrund seiner Parteitreue wurde er 1921 Leiter der Agitation und Propaganda der Kommunistischen Partei in mehreren Provinzkomitees und schließlich in das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei in der Tatarischen ASSR gewählt. Während eines Kuraufenthalts in Moskau traf er in dieser Zeit vermutlich zum ersten Mal Stalin. Ab dem März 1922 arbeitete er als Sekretär in den regionalen Parteikomitees der Bolschewiki im turkmenischen Mary-Gebiet. Hier wurde er nicht akzeptiert und wechselte im Herbst desselben Jahres nach Semipalatinsk (heute Semei). Weitere Stationen waren Orenburg und Ksyl-Orda (heute Qysylorda) in Kasachstan, wo er im Mai 1924 seine Tätigkeit aufnahm. Nachdem in dieser Region Widerstand gegen die NÖP aufgekommen war, der laut dem Historiker Alexander Fadejew aufgrund einer „fehlerhaften Interpretation der Eigentumsverhältnisse“ entstanden, und die kasachische Unabhängigkeitsbewegung erstarkt war, gelang es Jeschow, den Aufstand vorläufig friedlich zu beenden. In Kasachstan begann er auch mit dem Studium der Werke von Marx und Lenin, um seine marxistisch-leninistische Rhetorik verbessern zu können.
1927 wurde er wegen seiner Fähigkeiten als „idealer Exekutor“ von Iwan Michailowitsch Moskwin in die Organisations- und Distributionsabteilung des Zentralkomitees der KPdSU übernommen. Dort agierte er als Ausbilder und später als Chef dieser Abteilung. Von 1929 bis 1930 war er stellvertretender Volkskommissar für Landwirtschaft. In dieser Position wurde er zum ersten Mal Zeuge von massenhaften Repressionen gegen die Landbevölkerung durch die OGPU, die Vorläuferorganisation des NKWD. Er veröffentlichte Artikel, in denen er die Zwangskollektivierung und die neuen proletarischen Ausbildungsformen rechtfertigte. Zu dieser Zeit war er noch nicht gefürchtet. I. A. Stats, zu dieser Zeit ein Kollege Jeschows, beschrieb später, dass Jeschow „in dieser Zeit im Großen und Ganzen kein ‚rücksichtsloser Kader‘ war […] Er machte den Eindruck eines nervösen, jedoch freundlichen und aufmerksamen Menschen, welcher keine Arroganz oder bürokratische Verhaltensweisen an den Tag legte.“
Jeschow engagierte sich weiter im Parteiapparat. Im November 1930 wurde er auf Betreiben Josef Stalins zum Chef der Kommissariate für besondere Angelegenheiten, Personalfragen und Industrie ernannt. In diesen Funktionen war er 1933 einer der Leiter der Säuberung der Bolschewiki von „opportunistischen“ Mitgliedern sowie von „Oppositionellen“ gegen Stalins Politik. Es wurden insgesamt 200.000 Mitglieder aus der Partei ausgeschlossen. Etwa ein Zehntel der Betroffenen wurde verhaftet.
1934 wurde Jeschow in das Zentralkomitee der KPdSU gewählt. Nach dem Mord an Sergei Kirow wurde Jeschow Sonderbeauftragter des Generalsekretärs Stalin und beteiligte sich daran, dass die nun dem Volkskommissariat für innere Angelegenheiten (NKWD) angegliederte OGPU unter Genrich Jagoda ihre Nachforschungen auf die Oppositionellen Lew Kamenew, Grigori Sinowjew und Nikolai Bucharin ausrichtete und schließlich eine terroristische Verschwörung konstruierte, an der viele Gegner Stalins gemeinsam beteiligt gewesen sein sollten. Seine Treue gegenüber Stalin und dessen Zielen bewies er auch durch Schriften, die er 1935 verfasste und in denen er argumentierte, dass politische Opposition zu „Chaos und Anarchie“ führten, wenn sie nicht konsequent vernichtet werde.
Der Umgang mit als oppositionell gebrandmarkten Parteimitgliedern wurde nun härter. Jeschow spielte bei der Verschärfung der Maßnahmen zur Unterdrückung Andersdenkender eine entscheidende Rolle. Er setzte sich mehrmals für längerfristige und härtere Kontrollen ein, forderte hohe Ausschluss- und Verhaftungszahlen und steuerte eine chauvinistische Kampagne zur Durchsetzung der politischen Linie Stalins. Überall deckte er „Verschwörungen“ auf. Sein Engagement führte schließlich zu seiner eigenen Überarbeitung und einem Kuraufenthalt, um seine zahlreichen körperlichen Beschwerden zu lindern. Während des ersten Moskauer Prozesses von 1936, der zur Verurteilung und Hinrichtung von Kamenew und Sinowjew führte und Stalins Macht weiter festigte, erstellte Jeschow vermutlich durch Folter Geständnisse, Denunziationen und Scheinbeweise. Wie anhand mehrerer Quellen später deutlich wurde, hatte sich Jeschow bei vielen Tätigkeiten in Moskau von Stalin dirigieren lassen.
Nachdem Jeschow dem NKWD-Chef Jagoda bereits in der Anfangsphase des Großen Terrors assistiert hatte, löste er diesen am 30. September 1936 ab. Mit ihm wurden etwa 300 Gefolgsleute in die Hierarchie des NKWD aufgenommen. Nach der mehrjährigen Bewährungszeit in höheren Positionen des Parteiapparats erwartete Stalin nun von Jeschow, dass er schnellere und intensivere Säuberungsmaßnahmen umsetzen sollte. Durch Stalins Protektion wurde er schnell in seiner neuen Position akzeptiert. Auch in der Bevölkerung wurde seine Einsetzung positiv als Ende des Terrors unter dem unbeliebten Jagoda interpretiert. Jeschow begann jedoch gemäß den Erwartungen Stalins mit der praktischen Umsetzung seiner ein Jahr zuvor geäußerten Ideen.
Jeschow erwies sich bei 1,52 m Körpergröße von nun an als der „blutrünstige Zwerg“, als der er später bezeichnet wurde. Ab diesem Zeitpunkt entfaltete sich der Terror des NKWD in einer Brutalität, wie sie während der gesamten Geschichte der Sowjetunion einzigartig war. Es wurden als NKWD-Troikas bezeichnete Pseudo-Gerichte eingeführt, die beliebige Urteile gegen echte und vermeintliche Oppositionelle aussprechen durften. Plan-Solls zur Liquidierung und Verhaftung von Staatsfeinden wurden festgesetzt, die mit fortschreitender Dauer der Verfolgungen immer weiter erhöht wurden. Die regionalen und lokalen NKWD-Kräfte fürchteten, bei Nichterfüllung der Sollzahlen selbst der Verschwörung verdächtigt zu werden, und trieben durch die Übererfüllung der Forderungen die Anzahl der festgenommenen Personen noch weiter in die Höhe. Die Zahl der Opfer der Repression in Jeschows Amtszeit ist umstritten. Sie schwankt zwischen 1.575.259 verhafteten und 681.692 ermordeten echten und vermeintlichen Oppositionellen und 767.000 Personen, von denen 387.000 hingerichtet wurden.
In einer ersten Phase, die bis in den Sommer 1937 andauerte, wurden prominente Opfer wie Kamenew, Sinowjew und Bucharin in drei großen Schauprozessen, die als Moskauer Prozesse bekannt sind, zum Tode verurteilt. Jeschows Vorgänger Jagoda wurde am 18. März 1937 wegen der von ihm tatsächlich begangenen Unterschlagungen und als ehemaliger zaristischer Polizeichef denunziert. Zeitgleich wurden Jeschows höherrangige Gefolgsleute angewiesen, die politische Zuverlässigkeit aller Staatsorgane in der Sowjetunion zu überprüfen. Ungefähr 3.000 NKWD-Angehörige wurden als Jagoda-Anhänger denunziert und aus der Behörde entfernt. Genrich Jagoda wurde im Ergebnis des letzten Moskauer Prozesses hingerichtet.