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Nikolai Frederik Severin Grundtvig

Dänischer Theologe und Historiker, Begründer der Volkshochschulen (1783-1872)

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Nikolai Frederik Severin Grundtvig [ˈgʀondviːʔ] (* 8. September 1783 in Udby (Seeland); † 2. September 1872 in Kopenhagen) – bekannt auch als N. F. S. Grundtvig oder nur Grundtvig – war ein dänischer Schriftsteller, Dichter, Philosoph, Historiker, Pfarrer, Pädagoge und Politiker.

Frederik Grundtvig war der jüngste Sohn von fünf Kindern des Pfarrers Johan Grundtvig († 1813) und dessen Ehefrau Cathrine Grundtvig, geb. Bang. Grundtvigs Mutter war eine Nachfahrin der altdänischen Familie Bang. Sein Onkel F. L. Bang, ein Bruder der Mutter und Mediziner in Kopenhagen, war der Stiefvater von Jakob Peter Mynster, der 1834–1854 Bischof von Seeland war. Aus einer Ehe der Schwester seiner Mutter stammte der Naturphilosoph Henrik Steffens (1773–1845).

Am 12. August 1818 heirateten – nach einer siebenjährigen Verlobungszeit – Grundtvig und Elisabeth Blicher († Januar 1851). Dieser Ehe entstammen die Söhne Johan Grundtvig und Svend Grundtvig (1824–1883). Nach dem Tod seiner ersten Frau schloss Grundtvig seine zweite Ehe am 25. Oktober 1851 mit Marie Toft († 1854), Witwe eines Gutsbesitzers auf Seeland. Grundtvigs Liebeslied Hvad er det, min Marie („Was ist das, meine Marie?“) gehört zum dänischen Liedgut. In seiner dritten Ehe war Grundtvig ab dem 14. April 1858 mit der im Vorjahr verwitweten Asta Reedtz verheiratet, einer geborenen Gräfin Krag-Juel-Vind-Frijs. Wegen seines Alters von 75 Jahren kam es in der Öffentlichkeit wegen der Eheschließung zu Diskussionen.

Von 1792 bis 1798 erhielt Grundtvig privaten Unterricht beim Pfarrer Laurits Feld in Tyregod bei Vejle (Jütland). Danach besuchte er bis 1800 die Lateinschule in Aarhus. Ab 1800 studierte Grundtvig Theologie an der Universität Kopenhagen, wo der Theologe Friedrich Münter und sein zehn Jahre älterer Cousin, der Philosoph Henrik Steffens, lehrten. Vorlesungen bei Steffens hörte er 1802/03. Das Studium beendete Grundtvig 1803 mit dem Ersten Theologischen Examen.

Anschließend kehrte er nach Udby zurück. Von 1805 bis 1807 war er Privatlehrer auf dem Landgut Egeløkke (Langeland). Dort verliebte er sich unglücklich in die Hausherrin Constance Steensen de Leth. Von 1807 bis 1811 war Grundtvig Geschichtslehrer am Schouboeske Institut. Hier entstanden seine ersten Dichtungen sowie die frühen Werke zur nordischen Mythologie.

In der Predigt anlässlich seiner Ordination am 29. Mai 1810 sprach sich Grundtvig gegen den Rationalismus aus, in dem seiner Meinung nach das Wort Gottes nicht richtig verkündet werde. In den folgenden Jahren vertrat er eine biblizistische und bewusst lutherische Theologie. Nach seiner Ordination arbeitete er in seinem Heimatort Udby bis 1813 als Hilfspfarrer. Nach dem Tode des Vaters bewarb er sich vergeblich um dessen Nachfolge als Pfarrer.

Grundtvig ging nach Kopenhagen, wo er zwar noch predigte, doch begannen hier verstärkt seine Tätigkeiten als Dichter. In der Frederiksberger Kirche erklärte er am 26. Dezember 1815, er werde nach dieser Weihnachtspredigt fortan nicht mehr predigen. Von 1816 bis 1819 erschien seine Monatszeitschrift Danne-Virke, in deren vier Jahrgängen Grundtvig eigene Artikel über die Themen Vernunft und Offenbarung sowie über die Rolle der Phantasie in Kunst und Poesie veröffentlichte. Des Weiteren erschienen seine Gedichte und Aufsätze über Kirche, Staat und Schule.

Von 1821 bis 1822 war er als Pfarrer an der Kirche in Præstø tätig. Von 1822 bis zur Amtsniederlegung im Jahr 1826 war Grundtvig Pfarrer an der Erlöserkirche in Kopenhagen. In dieser Zeit legte er großen Wert auf das Glaubensbekenntnis, die Sakramente und die altkirchliche Tradition, also das Dogma.

In den Jahren 1829, 1830 bis 1831 und 1843 reiste Grundtvig nach England. Er interessierte sich für angelsächsische Handschriften. Die Studienreisen – König Frederik VI. setzte sich für die Finanzierung ein – beeinflussten Grundtvigs kirchliches Denken in die Richtung der Aufklärung. Zugleich übten die Reisen einen Einfluss auf seine pädagogischen Ideen aus.

Im Jahr 1832 erhielt Grundtvig von der Regierung die Erlaubnis, in der Kopenhagener Christianskirche zu predigen. Das Jahr markierte seine Hinwendung zur Aufklärung. Sein Grundproblem war (nach Auffassung des Biografen Kaj Thaning) die Frage nach dem Verhältnis zwischen Christenleben und Menschenleben. Dies manifestierte sich fortan in Grundtvigs Grundsatz: Menneske først og kristen så – „Zuerst Mensch und dann Christ“. Er interessierte sich immer mehr für den Humanismus.

Am 9. Juni 1839 bekam Grundtvig das Pfarramt am Kopenhagener Vartovhospital, wo er bis zu seinem Tode im Jahr 1872 predigte. Grundtvig galt nach dem Eklat von 1826 (vgl. Abschnitt Theologisches Wirken) wieder als rehabilitiert. Zu seiner Gemeinde zählte unter anderem Königin Caroline Amalie. Seine Psalmensammlung Festsalmer wurde das Gesangbuch der Gemeinde. Von dort begann der Grundtvigianismus, der das geistliche Leben Dänemarks veränderte. Heute befindet sich hier die Grundtvig-Bibliothek.

Nach der Märzrevolution 1848 in Dänemark begann der parteilose Grundtvig seine politische Laufbahn. Er galt als äußerst liberal, setzte sich für Religionsfreiheit ein und gehörte zu den wenigen Männern seiner Zeit, die die beginnende Frauenbewegung unterstützten. 1849 und 1855 erkämpfte Grundtvig in Dänemark die Schulfreiheit.

Weltanschaulich wandelte er sich vom konservativen Lutheraner zum Reformer. Das dänische Internetprojekt Grundtvig på Nettet („Grundtvig im Netz“) hat sich zur Aufgabe gemacht, seine 600 überlieferten Predigten, die in Manuskripten erhalten sind, zu entziffern und dann (meist erstmals) zu veröffentlichen.

Johann Gottfried von Herder hat Grundtvigs Denken beeinflusst. Als Kritiker und Gegner seiner theologischen Anschauung – er setzte sich für eine Erneuerung des Luthertums gegen den in seiner Zeit dominierenden Rationalismus ein – gelten:

der Rationalist Henrik Nicolai Clausen (1793–1877), der von Schleiermachers Vermittlungstheologie beeinflusst war,

der dänische Philosoph Sören Kierkegaard (1813–1855) und

der isländische Theologe Magnús Eiríksson (1806–1881).

In seinem Pamphlet Kirkens Genmæle („Erwiderung der Kirche“) reagierte er 1826 auf Clausens Schrift Verfassung, Lehre und Ritus des Katholizismus und Protestantismus, die 1825 erschienen war. Von Clausen wegen Beleidigung angezeigt, verzichtete Grundtvig 1826 auf sein Pfarramt. Zudem wurde er am 30. Oktober 1826 zu einer Geldstrafe verurteilt und unter lebenslange Zensur gestellt, die 1837 wieder aufgehoben wurde.

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