Niki de Saint Phalle (Aussprache [də sɛ̃ ˈfal], eigentlich Catherine Marie-Agnès Fal de Saint Phalle, * 29. Oktober 1930 in Neuilly-sur-Seine bei Paris; † 21. Mai 2002 in San Diego) war eine französisch-amerikanische Malerin und international bekannte Bildhauerin der Moderne.
Einer breiten Öffentlichkeit wurde sie als Künstlerin vor allem durch ihre „Nana“-Figuren bekannt, die ab 1965 entstanden und 1966 sowie 1968 während der 4. documenta im und vor dem Staatstheater Kassel sowie 1974 in Hannover am Leibnizufer aufgestellt wurden, wo sie heute Teil der Skulpturenmeile sind. Ihre Schenkung von Werken ihres Ehemannes Jean Tinguely ermöglichte nach seinem Tod den Bau des Museums Tinguely in Basel.
Catherine „Niki“ de Saint Phalle wurde im Pariser Nobelvorort Neuilly-sur-Seine als Tochter von André Marie Fal de Saint Phalle und Jeanne Jacqueline (geborene Harper) geboren. Der Vater, ein Bankier aus einem alten französischen Adelsgeschlecht, war ein Börsenmakler, der während des Börsenkrachs von 1929 verarmte. Die Mutter war Amerikanerin. Niki wuchs hauptsächlich in den USA auf und erhielt infolge ihrer Heirat mit dem Schweizer Jean Tinguely im Jahr 1971 das Schweizer Bürgerrecht (heimatberechtigt in Basel). Sie war ebenso wie Tinguely eng mit der Familie des ebenfalls in der Schweiz lebenden Kunstmäzens und Sammlers Theodor Ahrenberg befreundet.
Von 1936 bis 1945 besuchte Niki de Saint Phalle die Klosterschule Sacré-Cœur in New York. Gemäß eigener Aussage soll sie ab dem elften Lebensjahr von ihrem Vater mehrere Jahre sexuell missbraucht worden und über eine spätere Therapie zur Kunst gelangt sein.
Ihr Künstlerfreund Pontus Hultén schrieb über sie:
Mit 18 Jahren heiratete sie heimlich ihren Jugendfreund Harry Mathews, 1951 und 1955 bekamen sie ihre Kinder Laura und Philip. 1952 kehrte sie nach Paris zurück, um Schauspielunterricht zu nehmen. 1953 entstanden ihre ersten Gemälde. Dies war auch das Jahr, in dem sie in eine Klinik nach Nizza kam. Dort kam sie zur Kunst. Zunächst arbeitete sie als Aktionskünstlerin und machte ab 1956 mit ihren „Schießbildern“ auf sich aufmerksam. Dies waren Gipsreliefs mit eingearbeiteten Farbbeuteln, auf die sie während der Vernissage schoss. 1960 wurde die Ehe mit Mathews geschieden, nachdem Niki sich von ihrer Familie trennte, um als freie unabhängige Künstlerin zu leben.
Niki hatte ein gespaltenes Verhältnis zu ihrer Rolle als Mutter. Die zwei Geburten ihrer Kinder waren traumatische Ereignisse, welche sie in Werken wie die „Crucifixion“ verarbeitete. Dieses Assemblage-Relif steht heute im Centre Pompidou. Auch in späteren Werken sind Motive von Gewalt, Schmerz und Waffen deutlich sichtbar. So verarbeitet sie vergangene Erfahrungen, gleichzeitig stellt sie allgemeine Probleme der Gesellschaft dar. Ihre Bilder und Werke sind nicht privat, sie sind öffentlich zugänglich und sollen Aufmerksamkeit erregen.
Sie starb am 21. Mai 2002 im Alter von 71 Jahren im Süden des US-Bundesstaates Kalifornien in San Diego, das für sein mildes pazifisches Klima bekannt ist. Ärzte hatten ihr den Aufenthalt dort aus gesundheitlichen Gründen empfohlen. Sie selbst war der Meinung, dass sie nach jahrzehntelanger Arbeit mit den giftigen Dämpfen, die bei der Verarbeitung des Kunststoffes entstehen, schwere Gesundheitsschäden der Atemwege davongetragen hatte. Später verstärkten die giftigen Kunststoffdämpfe, das Einatmen von Pigmenten und das Passivrauchen wahrscheinlich das Lungenleiden.
Im Juni 1961 nahmen Saint Phalle und Tinguely zusammen mit Jasper Johns und Robert Rauschenberg an einem Happening und Konzert mit dem Titel Variations II teil, das von dem amerikanischen Komponisten John Cage orchestriert und in der amerikanischen Botschaft in Paris durchgeführt wurde. Während David Tudor die Kompositionen von Cage am Klavier spielte, schufen die Künstler ihre Kunstwerke während der Kunst-Aktion vor Publikum auf der Bühne.
Ab 1962 wurde sie von Alexander Iolas finanziell unterstützt, er organisierte ihr Ausstellungen und führte sie in den Kreis prominenter Künstler ein. 1962 nahm sie gemeinsam mit Jean Tinguely an der Ausstellung Dylaby in Amsterdam teil. Ab 1965 entstanden die ersten „Nanas“ – Frauenfiguren mit betont üppigen und runden Formen –, anfangs noch aus Draht und Textilien gefertigt. Schon bald wechselte sie ihre Technik und arbeitete vorwiegend mit Polyester. 1965 entstand für die Peter-Stuyvesant-Zigarettenfabrik in Zevenaar die 2 Meter hohe Lili ou Tony.
1966 installierte sie auf Veranlassung des Direktors Pontus Hultén (unter Mitarbeit ihres späteren zweiten Ehemanns Jean Tinguely, den sie 1955 kennengelernt hatte) und des Schweden Per Olof Ultvedt im Stockholmer Moderna Museet eine 29 Meter lange liegende Skulptur mit dem Namen Hon (schwedisch: „sie“), die durch die Vagina betreten werden konnte und in deren Innerem sich unter anderem eine Bar und ein Kino befanden. Die Nanas wurden mit bunten Farben bemalt.
1968 nahm Niki de Saint Phalle erstmals an einer Ausstellung des Museum of Modern Art in New York teil. Weitere Ausstellungen folgten 1968 in Düsseldorf (Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen), 1969 in München und in Hannover sowie 1970 in Paris, 1971 in Amsterdam, Stockholm, Rom und New York.
1979 begann sie in der Toskana in Capalbio, südlich von Grosseto, mit dem Bau des Giardino dei Tarocchi. Dieser Garten des Tarot wurde 1998 für die Öffentlichkeit freigegeben mit 22 Tarot-Figuren teilweise auch als Gebäude realisiert. Die Künstlerin hat einige Jahre auch darin gewohnt und dazu Innenausstattungen gestaltet.
Noch bekannter ist der 1982 begonnene Bau des Strawinski-Brunnens vor dem Centre Pompidou in Paris, der von ihr zusammen mit Jean Tinguely gestaltet wurde.
Niki de Saint Phalle gehörte zu den Gründungsausstellerinnen der Bundeskunsthalle in Bonn. Von Juni bis November 1992 stellte sie unter anderem auf deren Dachgarten über 20 zum Teil begehbare Großplastiken aus. 1999 übernahm Niki de Saint Phalle den Auftrag zur Ausgestaltung der Grotten im Großen Garten in Hannover-Herrenhausen, die seit 2003 für Besucher offen stehen. Ihr Werk L’ange protecteur („Schutzengel“, schwebende Frauenfigur) befindet sich in der Halle des Zürcher Hauptbahnhofes.
Seit 2008 ist sie mit einigen Werken im museum FLUXUS+ in Potsdam vertreten. Ihr siegreicher Entwurf für die Neugestaltung des Hamburger Spielbudenplatzes konnte wegen ihres Todes nicht mehr verwirklicht werden.
Im Jahr 2000 wurde sie mit dem japanischen Praemium Imperiale ausgezeichnet.
Am 17. November 2000 wurde sie zur Ehrenbürgerin der Stadt Hannover ernannt. Sie vermachte am 19. November 2000 aus diesem Anlass über 400 ihrer Werke dem Sprengel-Museum in Hannover. Der vorgesehene Ergänzungsbau des Museums soll eine Dauerausstellung ihrer Werke ermöglichen.