Die Nicaraguanische Revolution bezeichnet einen Abschnitt der nicaraguanischen Geschichte, in der die Diktatur des Somoza-Clans mit zahlreichen Opfern gestürzt wurde. Die Kampfhandlungen fanden in den Jahren 1978 und 1979 statt. Oft wird mit der nicaraguanischen Revolution jedoch auch der darauf folgende Zeitraum der gesellschaftlichen Umwälzung bezeichnet, die sich bis 1990 vollzog. Letzterer Zeitraum ist geprägt vom Contra-Krieg.
Anastasio Somoza Debayles zweite Amtsperiode
Bereits vor Beginn der zweiten Amtsperiode Anastasio Somoza Debayles am 1. Dezember 1974 waren 1973 und 1974 die Bauarbeiter in Streiks getreten, denen sich auch andere Berufe anschlossen. Im Dezember 1974 schloss sich die bürgerliche Opposition in der Unión Democrática de Liberación (UDEL, deutsch „demokratische Union für die Befreiung“) zusammen, diese wurde von Pedro Chamorro angeführt. Die UDEL strebte milde Reformen an: So forderte sie etwa die Absetzung Somozas, nicht jedoch die Auflösung der Nationalgarde.
Am 27. Dezember 1974 um 23 Uhr stürmten einige Mitglieder der FSLN (Omar Halleslevens, Leticia Herrera, Hilario Sánchez, Javier Carrión, Joaquín Cuadra, Alberto Ríos, Róger Deshon, Eduardo Contreras, Germán Pomares, Hugo Torres, Olga Avilés, Eleonora Rocha und Félix Pedro Picado) bewaffnet eine Festveranstaltung im Haus des Regierungsministers Dr. José María Castillo Quant in der Colonia Los Robles in Managua. Castillo Quant, ein früherer Direktor der Banco Nacional de Nicaragua, wollte die FSLN nicht hereinlassen und wurde erschossen. US-Botschafter Turner Shelton und General José R. Somoza hatten mit ihren Leibwächtern die Party bereits verlassen. Etwa 20 Gäste waren noch anwesend, darunter der Botschafter der Organisation Amerikanischer Staaten, Noel Pallais, der Botschafter von Chile begleitet von seinem Militärattaché und einem General der Carabineros, der Bürgermeister von Managua, Luis Valle Olivares, Kabinettsmitglieder wie Alejandro Montiel Arguello. Die Gruppe setzte auf der Party die Freilassung von acht Gefangenen der FSLN, darunter Daniel Ortega, mit einer halben Million United States Dollar und einen Flug nach Havanna am 30. Dezember 1974 durch. Bei dem Austausch vermittelte Monseñor Miguel Obando Bravo. Mit auf der Party war Guillermo Sevilla Sacasa, der Ehemann von Lillian Somoza Debayle – einer Schwester von Anastasio Somoza Debayle. Anastasio Somoza Debayle erklärte anschließend einen 33 Monate währenden Ausnahmezustand, unter dem bis zum 19. September 1977 die bürgerlichen Freiheitsrechte in Nicaragua ausgesetzt waren.
Überfälle der FSLN auf Kasernen der Guardia Nacional de Nicaragua folgten. Der Somoza-Clan ließ Verdächtige verschwinden. Es gab verschiedene Orte, an denen die Leichen der Opfer dieser Praxis des Verschwindenlassens aufgefunden wurden. Zu diesen gehörte der Krater des Vulkans Momotombo; es wurden auch Leichen an der Küste angeschwemmt; die Opfer waren lebendig über dem offenen Meer aus Hubschraubern geworfen worden. Spätestens ab 1977 führte Somoza einen undifferenzierten schmutzigen Krieg gegen die Zivilbevölkerung Nicaraguas.
Zwischen dem 12. und dem 17. Oktober 1977 führte ein Flügel der FSLN, die Terceristas, eine Offensive gegen die Guardia Nacional aus, indem er von Honduras aus im Norden des Landes Guerillataktik gegen die Armee anwendete und die Bevölkerung zu ihrer Unterstützung bewaffnete. Die Offensive hatte keinen militärischen Erfolg. Die Terceristas nutzten sie im Nachgang jedoch erfolgreich, um die von ihnen verfolgte Revolution zu propagieren.
Politisch öffneten sich die Terceristas in der zweiten Jahreshälfte 1977 gegenüber konservativen und liberalen oppositionellen Gruppen und Organisationen. Sie sagten marxistischen Zielen zunächst ab und verschoben diese Ziele auf eine Phase, die nach der zuerst zu errichtenden Demokratie folgen sollte.
Am 10. Januar 1978 ließ der „Kronprinz“ der Diktatur, Anastasio Somoza Portocarrero, den Verleger und Koordinator der konservativen Anti-Somoza-Vereinigung UDEL, Pedro Chamorro, ermorden. Seine Zeitung „La Prensa“ war inzwischen zu einem Sprachrohr der Opposition geworden. Protestdemonstrationen zehntausender Menschen, ein Wirtschaftsboykott von oppositionellen Unternehmern, ein mehrtägiger Aufstand in Monimbó (dem indigenen Viertel von Masaya) sowie Streiks waren die Folge seiner Ermordung. Die Proteste richteten sich zunehmend gegen das Regime der Somozas. Es kam zu Straßenkämpfen zwischen Demonstrierenden und der Guardia Nacional. Zudem verhängte Venezuela in Reaktion ein Ausfuhrverbot von Öl nach Nicaragua.
Besetzung des Nationalpalastes
Am 22. August 1978 besetzte eine Gruppe von 26 Mitgliedern der FSLN, geführt von Edén Pastora Gómez, Hugo Torres Jiménez und Dora María Téllez, den Nationalpalast in Managua und nahm das anwesende Parlament sowie mehrere Minister und Familienangehörige Somozas, insgesamt 1500 Menschen, als Geiseln. Die den Terceristen angehörigen FSLN-Mitglieder trugen zur Verwirrung Uniformen einer neu gegründeten Infanterieschule der Nationalgarde und nannten sich Kommandogruppe „Rigoberto López Pérez“. Mit der Geiselnahme gelang es ihnen, 60 Gefangene freizupressen, unter denen auch Tomás Borge war, und eine hohe mediale Aufmerksamkeit zu erzielen. Die Forderungen der Sandinisten waren neben der Freilassung eine Generalamnestie aller politischer Gefangener, das Abdrucken der Sandinistischen Forderungen in Zeitungen und das Verlesen im Radio und Fernsehen, insgesamt 10 Millionen US-Dollar für die FSLN und andere Guerillaorganisationen Mittelamerikas und die Bereitstellung eines Fluchtflugzeuges. Die Verhandlungen mit der Regierung führte seitens der Sandinisten fast ausschließlich Dora María Téllez. Bis auf die Generalamnestie und Zahlung des Geldes (von denen Somoza nur 500.000 US-Dollar entrichtete) wurden alle anderen Forderungen erfüllt und die FSLN-Mitglieder flohen nach zwei Tagen nach Panama und Venezuela.
Die Geiselnahme führte zu einer starken Reaktion der nicaraguanischen Medien und war somit eine ausschlaggebende Erniedrigung Somozas. Der moderate Tonfall der in den Massenmedien veröffentlichten Selbstdarstellung der FSLN förderte ihre Legitimität in der Bevölkerung und mit dem charismatischen Pastora personifizierte sich die Bewegung in den Köpfen vieler Nicaraguaner und Nicaraguanerinnen. Die Frente Amplio de Oposición (FAO), ein friedliches Oppositionsbündnis, dem viele linke und liberale Parteien und Organisationen angehörten, rief am 28. August 1978 zum Generalstreik auf. Tägliche Massendemonstrationen im ganzen Land und spontane Aufstände steigerten sich am 9. September 1978 zu einem allgemeinen Aufstand, den die Nationalgarde mit größter Brutalität, Luftangriffen und Panzereinsätzen beantwortete: Etwa 5.000 Tote und 10.000 Verletzte unter der Zivilbevölkerung waren das Resultat. Tausende Nicaraguaner flohen nach Costa Rica und Honduras.
Weitere Aufstände, etwa die zeitweise Einnahme Matagalpas durch 400 Jugendliche ab dem 27. August 1978, überzogen das Land. Die Terceristas planten mit ihrer Septemberoffensive die systematische Eroberung der fünf wichtigsten Städte Nicaraguas. Sie arbeiteten mit den anderen Flügeln der FSLN zusammen und bewaffneten Bürger. Mit der Ausnahme Managuas konnten vier der Städte innerhalb kürzester Zeit eingenommen werden. Ihre Verteidigung war jedoch gegen die technische und anzahlmäßige Übermacht der Nationalgarde nicht möglich. Die Städte fielen zwischen dem 12. und 20. September wieder zurück an Somoza.
Der beginnende Bürgerkrieg ließ die Augen der Weltöffentlichkeit auf Nicaragua blicken. In der UNO verurteilten Mexiko, Panama, Venezuela und Kolumbien den von Somoza durchgeführten Genozid scharf. Weitere Demokratien und Parteien stellten sich daraufhin gegen Somoza. US-Präsident Jimmy Carter distanzierte sich von Somoza und machte die Gewährung weiterer Militärhilfe für das Regime von der Einhaltung der Menschenrechte abhängig. In der Folge kürzte er diesem die Militär- und Wirtschaftshilfe, um sie später endgültig einzustellen. Der von US-Präsident Jimmy Carter eingesetzte US-Sonderbotschafter William Bowdler trat mit einer Vermittlungskommission der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) in Managua zusammen. Die Sozialistische Internationale stellte sich öffentlich auf die Seite der Sandinisten. Der Internationale Währungsfonds gewährte Somoza jedoch weitere 66 Millionen US-Dollar Kredit.