Arthur Neville Chamberlain [ˈɑːθə ˈnɛvɪl ˈtʃeɪmbəlɪn] (* 18. März 1869 in Birmingham; † 9. November 1940 in Heckfield, Hampshire, bei Reading, Berkshire) war ein britischer Politiker der Conservative Party und von 1937 bis 1940 Premierminister des Vereinigten Königreichs. Vor seiner Amtszeit als Premierminister bekleidete er seit 1922 verschiedene Posten im britischen Kabinett und war vor allem als Gesundheitsminister aktiv. Anfänglich vor allem in der Innenpolitik tätig, wurde Chamberlain durch seine Appeasement-Politik gegenüber dem nationalsozialistischen Deutschland bekannt und war 1938 maßgeblich am Münchner Abkommen beteiligt.
Herkunft und Leben vor der Politik
Neville Chamberlain war ein Sohn des britischen Politikers Joseph Chamberlain und von Florence Kenrick. Durch eine vorherige Ehe seines Vaters war er außerdem der Halbbruder von Austen Chamberlain, dem britischen Außenminister und Friedensnobelpreisträger. Von 1890 bis 1897 war er auf den Bahamas erfolgloser Sisalplantagenmanager seines Vaters, ab 1897 erfolgreicher Fabrikant in Birmingham. Mit 40 Jahren noch Junggeselle, verliebte sich Chamberlain 1910 in Anne Cole (1883–1967) und heiratete sie im Jahr darauf. Sie bekamen einen Sohn und eine Tochter.
Erst 1911 begann er mit seiner politischen Aktivität als Mitglied des Stadtrats in Birmingham. Dieses Amt behielt er bis 1918. Von 1915 bis 1916 war er zudem Bürgermeister von Birmingham. Während des Ersten Weltkrieges war Chamberlain für kurze Zeit in der Regierung Lloyd George Minister für den nationalen Arbeitsdienst. In dieser Funktion scheiterte er aber am Widerstand der Gewerkschaften gegen eine allgemeine Dienstpflicht. Mit seiner Wahl ins britische Unterhaus als Mitglied der Konservativen Partei endete 1918 seine politische Tätigkeit auf lokaler Ebene.
Unterhausabgeordneter und Minister
In der Unterhauswahl 1918 wurde er zum ersten Mal ins britische Unterhaus gewählt und blieb dort bis zu seinem Tod 1940. Bis 1922 galt er, da er keine wichtigen Posten bekleidete, als Hinterbänkler.
Von 1922 bis 1923 war er Postminister Großbritanniens (Postmaster General), 1923 Generalzahlmeister. Als der bisherige Schatzkanzler Stanley Baldwin zum Premierminister ernannt wurde, trat Chamberlain seine Nachfolge an. Nach nur fünf Monaten verlor er sein Amt infolge der Unterhauswahl im selben Jahr. In der Unterhauswahl 1924, einer weiteren Unterhauswahl ein Jahr später, gewannen die Konservativen die Mehrheit zurück. Chamberlain siegte in seinem Wahlkreis mit nur 77 Stimmen Vorsprung vor Oswald Mosley, den damaligen Kandidaten der Labour Party und späteren Gründer der British Union of Fascists.
Chamberlain lehnte es ab, als Schatzkanzler ins britische Kabinett zurückzukehren, und wurde stattdessen Gesundheitsminister. In dieser Funktion trieb er die Reform der Kommunal- und Grafschaftsverwaltung voran und setzte Sozialgesetze durch, wodurch die konservative Partei sich eine große Anhängerschaft unter den Arbeitern sicherte. Das Amt behielt er bis 1929, als infolge der Unterhauswahl 1929 ein hung parliament entstand.
Nach der nächsten Unterhauswahl wurde er wieder Schatzkanzler. Von 1931 bis 1937 setzte Chamberlain eine Schutzzollpolitik durch und wurde zum wichtigsten Politiker in den Kabinetten dieser Zeit. Er verfolgte dabei ganz ähnlich wie sein Vater Joseph Chamberlain eine Politik der imperial preference, welche den Handel mit den britischen Dominions und Kolonien bevorzugen sollte. Während der britischen Verfassungskrise 1936 befürwortete er wie fast alle Mitglieder des Kabinetts eine Abdankung Eduards VIII., falls er Wallis Simpson heiraten sollte. Über Wallis Simpson urteilte er in seinem Tagebuch:
Als Eduard VIII. abdankte und der bisherige Premierminister Stanley Baldwin zur Krönung von Georg VI. seinen politischen Rückzug ankündigte, wurde Chamberlain 1937 sein Nachfolger.
Mit 68 Jahren war Chamberlain zu Beginn seiner Amtszeit einer der ältesten neuernannten Premierminister. Im gesamten 20. Jahrhundert war nur Henry Campbell-Bannerman zum Zeitpunkt seiner Ernennung älter. Vielen galt er deshalb als „Übergangspremier“, der spätestens zur nächsten Unterhauswahl Platz für einen jüngeren Nachfolger machen würde. Von Beginn an kursierten verschiedene Namen, die als mögliche Nachfolge in Frage kämen.
Innenpolitisch legte Chamberlain verschiedene Gesetzesentwürfe vor, welche die Lage der britischen Arbeiter verbessern sollten. Mit dem Factories Act 1937 verbesserte er die Arbeitsbedingungen und begrenzte die maximale Arbeitszeit für Frauen und Kinder. Mit dem Holidays with Pay Act 1938 wurde ein einwöchiger bezahlter Urlaub eingeführt.
Verschiedene andere Gesetzesentwürfe sind wegen des Ausbruchs des Zweiten Weltkrieges nie verabschiedet worden. Die Schulpflicht sollte etwa zum 1. September 1939 bis zur Vollendung des fünfzehnten Lebensjahres ausgedehnt werden, wurde aber verschoben.
Vor 1937 war Chamberlain hauptsächlich innenpolitisch tätig. Er selbst sah seine Ernennung zum Premierminister als einen Höhepunkt seines innenpolitischen Schaffens – nicht ahnend, dass man ihn später vor allem wegen seiner außenpolitischen Entscheidungen kennen würde.
In der Zwischenkriegszeit war die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg lebendig und dementsprechend beliebt war eine Politik des Appeasements, um einen zukünftigen Krieg zu verhindern. In einer Rede 1938 fasste Chamberlain seine Außenpolitik folgendermaßen zusammen:
Chamberlain führte die bereits von seinen Vorgängerregierungen begonnenen Gespräche (siehe dazu: Stresa-Front) mit dem faschistischen Italien fort, auch wenn dieses wegen des völkerrechtswidrigen Abessinienkrieges international geächtet war. Davon versprach er sich, die „Achse Berlin–Rom“ zu schwächen. Die Gespräche intensivierten sich 1938, als Hitler immer stärkeren Druck auf Österreich ausübte. Auf dem Höhepunkt dieser Phase erkannte Großbritannien durch den Abschluss des Osterabkommens die faktisch bestehende italienische Kolonialherrschaft über Äthiopien de jure an.
Von Chamberlains Italienpolitik fühlte sich der Außenminister Anthony Eden mehrfach übergangen und musste feststellen, dass jener ohne Einbeziehung des Kabinetts oder des Foreign Office Außenpolitik betrieb. Eden versuchte, mit zwei eilig einberufenen Kabinettssitzungen, gegen Chamberlain zu opponieren scheiterte aber und trat in der Folge zurück. Lord Halifax wurde sein Nachfolger.
Appeasement-Politik gegenüber Deutschland