Die Neue Nationalgalerie am Kulturforum ist das Museum für die Kunst des 20. Jahrhunderts der Berliner Nationalgalerie. Der 1968 eröffnete Bau des Museums stammt von Ludwig Mies van der Rohe und gilt als Ikone der Klassischen Moderne. Wegen umfangreicher Sanierungsarbeiten war die Neue Nationalgalerie von 2015 bis 2021 geschlossen.
Im Jahr 1962 erhielt Ludwig Mies van der Rohe im Alter von 76 Jahren den Auftrag, die Neue Nationalgalerie in West-Berlin zu errichten. Er griff dabei auf seinen Entwurf von 1957 für das Verwaltungsgebäude des Rumherstellers Bacardi in Santiago de Cuba und auf den ebenfalls eigenen zwischen 1960 und 1963 entwickelten Entwurf des Museum Georg Schäfer in Schweinfurt zurück. Beide Entwürfe waren nie realisiert worden und beruhen – mit geringeren Abmessungen – auf einem auf acht Stützen gelagerten Dach sowie dem stützenfreien Innenraum. Mies bat seinen Freund Frei Otto um Unterstützung bei der Statik des 1.260 Tonnen schweren Daches. Otto ersetzte die ursprünglich vorgesehenen vier mittigen Stützpfeiler durch je zwei an den vier Seiten.
Der Bau der Neuen Nationalgalerie begann am 23. September 1965, drei Jahre nach Auftragserteilung, mit der Grundsteinlegung und wurde nach knapp drei Jahren Bauzeit 1968, ein Jahr vor Mies’ Tod, fertiggestellt. Dieser war zwei Mal in Berlin (1965 zur Grundsteinlegung und 1967 nach Aufsetzen der Dachkonstruktion), konnte aber 1968 zur Eröffnung wegen einer chronischen Erkrankung nicht mehr anreisen. Die Umsetzung der Pläne erfolgte durch seinen Enkel Dirk Lohan, der nach seinem Diplom an der TH München ab 1962 im Büro seines Großvaters in Chicago mitarbeitete.
Die Neue Nationalgalerie ist das einzige Bauwerk, das Mies van der Rohe nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland umsetzte und das erste Museum, das am damals neu entstehenden West-Berliner Kulturforum unweit des durch die Mauer durchschnittenen Potsdamer Platzes eröffnet wurde. In direkter Nachbarschaft befinden sich heute Hans Scharouns Staatsbibliothek und Philharmonie sowie weitere Museen, darunter die Gemäldegalerie, das Kunstgewerbemuseum, das Kupferstichkabinett und das Musikinstrumenten-Museum. Ab voraussichtlich 2029 wird das Ensemble durch das Ausstellungshaus Berlin Modern ergänzt werden.
Mit der Neuen Nationalgalerie realisierte Mies den von ihm entwickelten Gedanken des Universalraums. Auf einer 105 × 110 Meter großen Granitterrasse, die den leichten Abhang am Ufer des Landwehrkanals ausgleicht, setzt der quadratische Pavillon als Stahl-/Glaskonstruktion auf. Die Kantenlänge des den Bau dominierenden, ebenfalls quadratischen Daches beträgt 64,8 Meter; die umschließenden Glaswände sind allseitig um 7,2 Meter zurückgesetzt und bilden so die Haupthalle. Das Dach wurde beim Bau als ein Gesamtelement von der Montagehöhe auf der Sockelplattform mit 24 synchron gesteuerten Hebern in neun Stunden über die acht Stahlstützen gehoben und dort auf den vier Seiten auf je zwei Stützen abgesetzt. Der sich darunter ergebende Raum bildet die große, stützenfreie Haupthalle, die nunmehr beliebige Ausstellungsgestaltungen zulässt und achsensymmetrisch von zwei freistehenden, raumhohen Versorgungskernen (Heizung/Lüftung/Dach-Entwässerung), zwei niedrigeren Garderobeneinbauten und zwei Treppen ins Untergeschoss strukturiert wird. Diese Haupthalle ist für die Wechselausstellungen bestimmt. Im Untergeschoss befinden sich Räume für die Dauerausstellung der Sammlung; an der Westseite des Gebäudes schließt an diese Räume ein ummauerter Skulpturengarten an, der auch von der höher liegenden Sockelplattform einsehbar ist, die sich um die Halle des Erdgeschosses erstreckt. Auf der Terrasse vor der Nationalgalerie befindet sich Henry Moores Bronzeplastik Three Way Piece No. 2: Archer.
Mies’ Lösung ist mit ihrem latenten Klassizismus eine moderne Vergegenwärtigung des antiken Podiumstempels, die der durch Karl Friedrich Schinkel und seine Schule geprägten Berliner Bautradition entspricht (Altes Museum, Alte Nationalgalerie).
Durch die ungewöhnliche Raumaufteilung im Untergeschoss und die Monumentalität der Haupthalle ist die Parallel- wie auch die Getrenntnutzung der zwei Geschosse des Gebäudes für Ausstellungen aus Erschließungsgründen nicht immer unproblematisch. Die große Halle beschäftigte in jüngerer Vergangenheit einige Künstler, sich mittels Installationen und Interventionen mit der Einzigartigkeit des Mies’schen Universalraums auseinanderzusetzen.
Die Neue Nationalgalerie beherbergt die Bestände der Staatlichen Museen zu Berlin im Bereich der Malerei, Skulptur und Plastik des 20. Jahrhunderts, von der klassischen Moderne bis zur Kunst der 1960er Jahre. Sie knüpft ausdrücklich an die Tradition der Neuen Abteilung im Kronprinzenpalais an, die unter der Leitung von Ludwig Justi von 1919 bis 1937 aufgebaut worden war, bis sie durch die Aktion Entartete Kunst zerstört wurde.
Noch 1945 beschloss der Magistrat von Berlin die Gründung einer Sammlung des 20. Jahrhunderts. Die treibenden Kräfte dabei waren Adolf Jannasch und abermals Ludwig Justi. Es dauerte aber bis 1947, ehe sich die Ankaufkommission zusammenfand. Sie bestand aus je einem Stadtverordneten der CDU, der SPD und der SED, drei Kunsthistorikern und drei Künstlern. Der inzwischen 69-jährige Justi war zum Generaldirektor der ehemaligen Staatlichen Museen ernannt worden. Er wollte zunächst die Lücken im Bereich des Expressionismus durch den Ankauf einiger Hauptwerke füllen, kollidierte damit aber mit Strömungen, die die aktuelle Nachkriegskunst dokumentieren wollten.
Ausstellungen fanden zu dieser Zeit im Staatsratssaal des Stadtschlosses statt.
Alle weiteren Bemühungen waren mit der Spaltung des Magistrats im November 1948 und der Gründung der beiden deutschen Staaten 1949 obsolet. Deshalb wurde die Galerie des 20. Jahrhunderts 1949 in West-Berlin ein zweites Mal als städtische Galerie gegründet und musste ihren Bestand erneut aufbauen. Nach wie vor sah sie sich in der Tradition des Kronprinzenpalais und versuchte, um die Kontinuität sichtbar zu machen, wann immer möglich, verlorene Werke zurückzuerwerben – was allerdings nur vereinzelt gelang, wie bei Noldes Christus und die Samariterin. Insbesondere die Lücke, die durch den Verlust der Werke des Blauen Reiters entstanden war, war auch langfristig nicht angemessen zu schließen.
Ausstellungsort der Galerie war zunächst das ehemalige Landwehrkasino an der Jebensstraße hinter dem Bahnhof Zoo, wo sich auch die Kunstbibliothek befand und heute das Museum für Fotografie und die Helmut-Newton-Stiftung untergebracht sind. 1953 kehrten auch die im Westen ausgelagerten Bestände der Nationalgalerie nach West-Berlin zurück und wurden zunächst in Dahlem, ab 1959 im Schloss Charlottenburg ausgestellt. Beide Institutionen bemühten sich parallel, die Lücken im Bereich der klassischen Moderne wieder zu schließen. Nachdem 1957 die Stiftung Preußischer Kulturbesitz gegründet worden war, wurde es leichter, die Ankaufspolitik der Nationalgalerie enger mit der der städtischen Galerie des 20. Jahrhunderts zu koordinieren, und als 1961 mit dem Bau der Mauer klar wurde, dass eine Zusammenführung der Bestände aus Ost und West auf lange Sicht nicht mehr möglich sein würde, entschloss man sich zur Vereinigung der beiden Rumpfsammlungen und zu dem repräsentativen Neubau am neu gegründeten Kulturforum Berlin, mit dem Mies van der Rohe beauftragt wurde.
Dieser wurde am 15. September 1968 mit einer Mondrian-Ausstellung eingeweiht. Erster Direktor wurde Werner Haftmann, der daranging, der Öffentlichkeit aus beiden Rumpfsammlungen eine geschlossene Sammlung vorzulügen, wie er selbst sagte. In den Bau zogen zunächst die Galerie des 20. Jahrhunderts und alle Werke der Nationalgalerie, bis 1986, eher aus Platzmangel, die Galerie der Romantik zurück ins Schloss Charlottenburg kehrte, so dass die ständige Ausstellung erst jetzt auf die Kunst des 20. Jahrhunderts konzentriert war.
Der Ankaufetat der Neuen Nationalgalerie war von Anfang an eher gering, Ende der 1960er betrug er etwa 200.000 DM. Viele Bilder konnten aber mit Hilfe der Stiftung Deutsche Klassenlotterie und ab 1977 durch die Unterstützung des Vereins der Freunde der Nationalgalerie erworben werden.