Navid Kermani (persisch نوید کرمانی, * 27. November 1967 in Siegen) ist ein deutscher Schriftsteller, Reporter, Essayist, Publizist und habilitierter Orientalist. Er gilt als einer der einflussreichsten Intellektuellen in Deutschland. Sein literarisches Schaffen widmet sich vor allem menschlichen Grenzerfahrungen angesichts des Todes, des Alltags, der Religionen, der Erfahrungen mit der Musik oder der Sexualität. Sein wissenschaftliches Werk setzt sich insbesondere mit dem Koran und der islamischen Mystik auseinander. 2015 erhielt Kermani den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.
Kermani wurde als vierter Sohn iranischer Eltern geboren, die im Jahr 1959 in die Bundesrepublik Deutschland eingewandert waren. Sein Vater war Arzt und arbeitete im katholischen St.-Marien-Krankenhaus Siegen. Kermanis drei ältere Brüder sind ebenfalls praktizierende Ärzte. Navid Kermani hat die deutsche und die iranische Staatsbürgerschaft. Er wuchs in der vom Protestantismus geprägten Stadt Siegen auf und besuchte dort das Fürst-Johann-Moritz-Gymnasium und das Gymnasium am Rosterberg (heutiges Peter-Paul-Rubens-Gymnasium). Nach dem Abitur hospitierte er bei Roberto Ciulli am Theater an der Ruhr in Mülheim, bevor er 1988 zum Studium nach Köln zog.
Bis 2020 war er mit der Islamwissenschaftlerin Katajun Amirpur verheiratet; sie sind Eltern von zwei Töchtern. Seit 1971 ist er Fan des 1. FC Köln und seit August 2026 Mitglied des Kölner Zentral-Dombau-Vereins (ZDV).
Kermani studierte Orientalistik, Philosophie und Theaterwissenschaft in Köln, Kairo und Bonn. In den Semesterferien arbeitete er als Regieassistent und später als Dramaturg am Schauspiel Frankfurt und am Theater an der Ruhr. Seine Magisterarbeit schrieb Kermani 1993 an der Universität Bonn (Betreuer: Stefan Wild und Monika Gronke) über den verfolgten ägyptischen Koranwissenschaftler Nasr Hamid Abu Zaid, den er später auch in Kairo traf und der zu einer prägenden Figur für Kermanis religiöses Denken wurde. Unterstützt von der Studienstiftung des deutschen Volkes verfasste er eine Dissertation mit dem Titel Gott ist schön. Damit wurde er 1998 im Fach Orientalistik an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität in Bonn unter der Betreuung des Arabisten Stefan Wild und der Iranistin Monika Gronke promoviert. 2006 habilitierte er sich im Fach Orientalistik mit der Schrift Der Schrecken Gottes – Attar, Hiob und die metaphysische Revolte. Von 2000 bis 2003 war Kermani Long Term Fellow am Wissenschaftskolleg zu Berlin und leitete in dieser Zeit den Arbeitskreis Moderne und Islam. Initiiert wurden mehrere internationale Forschungsvorhaben, darunter das Projekt Jüdische und islamische Hermeneutik als Kulturkritik. Daraus erwuchs der Vorschlag für eine Jüdisch-Islamische Akademie in Berlin. Von 2009 bis 2012 war Kermani Senior Fellow am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen (KWI). 2009 wurde Navid Kermani außerdem zum Korrespondierenden Mitglied der Akademie der Wissenschaften in Hamburg ernannt. Im Sommersemester 2010 war Kermani Gastdozent für Poetik an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main und hielt damit die Frankfurter Poetik-Vorlesungen, die später als Buch unter dem Titel Über den Zufall. Jean Paul, Hölderlin und der Roman, den ich schreibe erschienen sind. Im Wintersemester 2011/12 hielt er die Göttinger Poetikvorlesungen und 2014 die Mainzer Poetikvorlesungen. Im Sommersemester 2013 war er Gastprofessor für Ideengeschichte des Islam an der Goethe-Universität Frankfurt. Im Frühjahr 2014 lehrte er als Max Kade Visiting Professor deutsche Literatur am Dartmouth College in den Vereinigten Staaten. Von 2017 bis 2020 lehrte Kermani als Gastprofessor Literarisches Schreiben an der Kunsthochschule für Medien in Köln.
Auf Kermanis Idee aus dem Jahre 2007 – zusammen mit dem Intendanten des Hauses der Kulturen der Welt in Berlin, Bernd M. Scherer – geht die am 27. Oktober 2012 in Köln eröffnete Akademie der Künste der Welt zurück.
Publizistischer und literarischer Werdegang
Bereits als Schüler im Alter von fünfzehn Jahren arbeitete Kermani als freier Mitarbeiter für die Lokalredaktion der Westfälischen Rundschau. Während seines Hochschulstudiums schrieb er für überregionale deutsche Zeitungen und war von 1996 bis 2000 fester Autor im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Mit dem Buch der von Neil Young Getöteten trat Kermani 2002 erstmals als Schriftsteller in Erscheinung. 2003 verließ Kermani das Wissenschaftskolleg, um nach Köln zurückzukehren, wo er seither als freier Schriftsteller im Eigelsteinviertel unweit des Ebertplatzes lebt.
Kermani ist seit 2006 mit dem Schriftsteller Guy Helminger Gastgeber des Literarischen Salons im Kölner Stadtgarten. Das Jahr 2008 verbrachte er an der Villa Massimo in Rom. Seit 2012 leitet er mit dem Dramaturgen Carl Hegemann das „Herzzentrum“ am Hamburger Thalia Theater.
In den Themen seiner literarischen Arbeit kreist Kermani um menschliche Grenzerfahrungen angesichts des Todes, im Alltag, der Erfahrung der Musik oder der Sexualität. Seine Romane und Prosabücher bewegen sich an der Grenze zwischen Autobiografie und Fiktion. Kermanis wissenschaftliche Schwerpunkte liegen in der Ästhetik des Korans und der islamischen Mystik. Kermani ist auch als Reporter aus den Krisengebieten der Welt bekannt geworden. Im September 2014 berichtete er für das Nachrichtenmagazin Der Spiegel aus dem Irak; im Oktober 2015 reiste er den Flüchtlingen auf deren Route in umgekehrter Richtung von Budapest in die Türkei entgegen. Viele seiner Reportagen, die er vor allem für die Frankfurter Allgemeine Zeitung, das Nachrichtenmagazin Der Spiegel und die Wochenzeitung DIE ZEIT schrieb, erschienen in erweiterten Fassungen auch als Bücher und wurden Bestseller. Mit dem von seinem Vater Djavad Kermani gegründeten Hilfswerk Avicenna hat Kermani nach der Rückkehr von Reportagenreisen Spendenaktionen für Hilfsprojekte in Aceh (Indonesien), auf Lesbos, in Madagaskar und in Tigray initiiert. Kermanis Bücher sind in zahlreiche Sprachen übersetzt. In seinen öffentlichen Stellungnahmen und Reden nimmt Kermani immer wieder Stellung zu Fragen der Gesellschaft, Politik und Religion. Jan Werner Müller bezeichnete ihn in der New York Review of Books als „eine der anregendsten intellektuellen Stimmen Deutschlands“.
Am 22. Oktober 2023 las Kermani in der Berliner Philharmonie bei einem Konzert des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin unter Robin Ticciati Texte zu Beethovens Neunter Symphonie.
Kandidatur zur Wahl des deutschen Bundespräsidenten
Bei der Wahl des deutschen Bundespräsidenten 2010 gehörte Kermani auf Vorschlag der hessischen Grünen der 14. Bundesversammlung an.
Für die Wahl des deutschen Bundespräsidenten 2017 wurde Kermani als möglicher Kandidat ins Gespräch gebracht. Der damalige SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel wollte ihn nach einem Bericht des Spiegel gemeinsam mit anderen Parteien als Bundespräsident nominieren, doch scheiterte er am Widerstand der Grünen; vor allem von den Realos wurde Kermani abgelehnt, weil sie nach der Bundestagswahl ein schwarz-grünes Bündnis anstrebten und somit kein Signal in Richtung Rot-Rot-Grün senden wollten. Kermani selbst hat sich zu einer möglichen Kandidatur nie geäußert.
1994 gründete Kermani in Isfahan, der Heimatstadt seiner Eltern, ein Sprach- und Kulturzentrum und leitete es bis 1997. In diesem Jahr musste es aufgrund der Verschlechterung im deutsch-iranischen Verhältnis schließen. Im Herbst 2014 übernahm Kermani die Schirmherrschaft Willkommen für Flüchtlinge über die Projekte Ehrenamt und Flüchtlinge der Kölner Freiwilligenagentur, die zusammen mit dem Kölner Flüchtlingsrat angeboten werden.
Übersicht des religionswissenschaftlichen Werks und Charakterisierung durch Klaus von Stosch
Der Bonner komparative Theologe Klaus von Stosch, seit Wintersemester 2021/2022 Inhaber des Lehrstuhls für Systematische Theologie an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn, kennt das religionswissenschaftliche Werk Kermanis seit Anbeginn und ordnet es folgendermaßen ein: