Das Musical [ˈmju:zɪkəl] ist ein Genre populären Musiktheaters, das Gesang, Tanz, Schauspiel/Dialog und Musik in einem durchgängigen Handlungsrahmen verbindet.
Die Geschichte des modernen Musicals begann im New York der 1920er-Jahre, fand jedoch neben dem New Yorker Broadway auch rasch Verbreitung im Londoner West End, die noch heute beide als Metropolen des Musicals gelten. Ausgehend von diesen Zentren hat das Musical weltweite Verbreitung gefunden. Neben der temporären Aufnahme in Spielpläne zahlreicher großer wie kleiner Theater haben sich auch in vielen anderen Städten Musical-Theater etabliert, die ausschließlich Musicals als meist längere und aufwendig gestaltete Produktionen (sog. En-suite-Produktionen) zeigen. Auch Tournee-Produktionen diverser Musicals sind häufig zu finden. Trotz der weltweiten Verbreitung dominieren noch heute Musicals US-amerikanischen oder britischen Ursprungs, wobei es jedoch auch erfolgreiche Musicals anderer Herkunft gibt. Wegen ihres großen Erfolgs sind viele Musicals auch verfilmt worden.
Thematisch wird eine breite Fülle von tragischen wie auch humorvollen Stoffen behandelt, die zu unterschiedlichen Zeiten und an unterschiedlichen Orten spielen. Auch für gesellschaftlich oder politisch sensible Themen hat sich das Musical stets offen gezeigt. Viele Musicals basieren auf literarischen Vorlagen verschiedener Gattungen und Epochen und in neuerer Zeit gelegentlich auch auf Filmen unterschiedlicher Genres.
Auch musikalisch ist ein breites Spektrum stilistischer Einflüsse erkennbar: von Popmusik, Tanz- und Unterhaltungsmusik bis zu Jazz, Swing, Soul und Rock ’n’ Roll, um nur einige zu nennen. Gattungsgeschichtlich haben Elemente des Dramas, der Komödie, der Revue, der Operette, des Balletts, des Varietés und der Oper Einfluss auf die Entwicklung des Musicals genommen. Das Musical ist ein Gesamtkunstwerk und ist sowohl eine literarische als auch eine musiktheatralische Gattung.
Etymologie und Begriffsabgrenzung
Das Wort Musical ist eigentlich ein Adjektiv (engl. musikalisch) und wurde in ergänzenden Bezeichnungen zu den Stücktiteln gebraucht wie A Musical Comedy, A Musical Play, Musical Drama, Musical Fable, Musical Revue. Eine genaue Definition des Begriffes ist schwierig, da er eine große Stilfülle umfasst und sich die Vorstellungen im Lauf der Zeit geändert haben. Häufig werden „Musical“ und „Musical Comedy“ synonym verwendet. Das überwiegend ernste Musical (im Stil von Show Boat, 1927) wird Musical Play genannt. In der Regel wechseln sich Dialoge und Gesangsnummern ab. Seit den 1970er Jahren gibt es durchkomponierte Musicals.
Das Broadway-Musical grenzte sich einst von den Operetten an diesem Ort ab, indem es kaum Musiknummern im 3/4-Takt enthielt. Das Musical hat in der Regel einen durchgehenden Handlungsstrang, die Revue nicht.
Die Grenze zwischen diesen Gattungen war (besonders in der Frühzeit bis etwa 1940) fließend.
Die im 18. und im frühen 19. Jahrhundert stets noch kleinen amerikanischen Städte hatten kein wesentlich anderes Theaterangebot als in Europa, und wie dort dominierten auch hier Mischformen aus Sprech- und Musiktheater, die von der Opéra comique und der europäisch geprägten Operette herstammten. Im Bereich der Kleinkunst gab es spezifisch amerikanische Gattungen wie die Minstrel Show. Wie die europäischen Music Halls oder Singspielhallen waren die amerikanischen Vaudeville-Shows seit etwa 1880 privatwirtschaftlich organisiert.
Die Ursprünge des Musicals finden sich in London und New York im 19. Jahrhundert und haben mit dem Wachstum dieser Städte und der steigenden Nachfrage nach Unterhaltung zu tun. Als erstes Musical überhaupt wird oft das 1866 produzierte Spektakel The Black Crook genannt: Weil eine angereiste europäische Balletttruppe nicht in der zwischenzeitlich abgebrannten New Yorker Academy of Music auftreten konnte, wurde das Ballett in ein Melodram von Charles Barras integriert, was unerwartet ein großer Erfolg wurde. Zahlreiche musikalisch-szenische Produktionen versuchten, auf diese Weise ebenfalls Erfolge zu werden.
Eine große Rolle ungefähr seit dem Ersten Weltkrieg spielte das Theaterviertel am Broadway als Schmelztiegel vieler Nationalitäten, Kulturen, Hautfarben, Konfessionen und sozialer Schichten. So flossen verschiedene Einflüsse in die ersten Musicals ein: Swing und Jazz der Minstrel Shows, französische Revuen und Music-Hall-Konzerte, Theaterformen der britischen Einwanderer wie das aus artistischen Nummern bestehende Vaudeville und die Burlesque, die Operette aus Paris und Wien und das Flair der Wild-West-Sideshows. Zum klassischen Operngesang gesellten sich neue Techniken wie das Belting. In aufwendigen Extravaganzas hatten Bühneneffekte, Bühnenmaschinerie, Tanzeinlagen und Kostüme große Bedeutung.
Zu Beginn des Jahrhunderts bestand die Broadway-Unterhaltung noch hauptsächlich aus Revueshows wie den Ziegfeld Follies. Von einer spezifischen, eigenständigen Gattung „Musical“ kann man erst seit den 1920er-Jahren sprechen, als die amerikanische Operette eines Victor Herbert oder Rudolf Friml an Einfluss verlor. Aus dieser Zeit stammen etwa George Gershwins Lady, Be Good (1924) und Jerome Kerns Show Boat (1927). In diesem Stück ergaben sich die Songs aus der Handlung, ohne diese zu unterbrechen. Außerdem wurde Sozialkritik mit eingeflochten, wie gegen die Diskriminierung der Afroamerikaner. Mit dieser Loslösung des an Nummernrevues erinnernden Konzepts und der Integration von Musik, Gesang und Tanz in einer durchgängigen Handlung (dem „book“) war das „Book-Musical“ und damit das erste Musical des heutigen Verständnisses geboren.
Der New Yorker Broadway gilt neben dem West End in London nach wie vor als Zentrum der Musicalwelt. Infolge der zunehmenden Konkurrenz durch den Tonfilm löste sich das Musical mit Stücken, die sich mit einem literarischen Buch immer mehr von den bunt zusammengestellten Revuen und Nummernshows sowie den inhaltlich weniger zusammenhängenden Musical Comedys abhoben, von den frühen Werken. Der Wandel zum Book Musical wurde immer offenkundiger. Von Mitte der 1940er-Jahre bis zum Aufkommen des Rockmusicals Ende der 1960er-Jahre erlebte das Musical eine Blütezeit, die heute als das „Goldene Zeitalter“ des Musicals bezeichnet wird.
Auf eine erste Generation US-amerikanischer Komponisten, wie Cole Porter, Irving Berlin und George Gershwin (1920er- bis 1940er-Jahre), folgte auf dem Höhepunkt der „klassischen“ Zeit eine zweite mit Richard Rodgers, der zunächst gemeinsam mit dem Textdichter Lorenz Hart (Babes in Arms (1937), The Boys from Syracuse (1938), Pal Joey (1940) und weitere) und später mit Oscar Hammerstein (Oklahoma! (1943), Carousel (1945), South Pacific (1949), The King and I (1951), The Sound of Music (1959) und weitere) zahlreiche Musicals schuf. Dabei wurden auch bereits sensible gesellschaftliche Themen aufgegriffen, so zum Beispiel 1949 in South Pacific.
Weitere Vertreter dieser klassischen Zeit sind beispielsweise in den USA Frederick Loewe (z. B. My Fair Lady (1956)), Jule Styne (z. B. Blondinen bevorzugt (1949), Gypsy (1959), Funny Girl (1964)) und Jerry Herman (z. B. Hello, Dolly! (1964), Mame (1966), La Cage aux Folles (1983)).
In Großbritannien waren beispielsweise Lionel Bart (z. B. Oliver! (1960)) und David Heneker (z. B. Half a Sixpence (1963)) erfolgreiche Komponisten dieses Goldenen Zeitalters.
Ganz wesentlich prägte West Side Story (1957) von Leonard Bernstein die zunehmende Entfernung des Musicals von Pathos und drolliger Komik, womit das Musical-Genre eine ganz neue Qualität erlangte. Auch Sweet Charity (1966) von Cy Coleman (Musik) und Dorothy Fields (Liedtexte) sowie Cabaret (1966) und Chicago (1975) von John Kander (Musik) und Fred Ebb (Texte) entfernten sich inszenatorisch und musikalisch von älteren Klassikern.
Das Filmmusical, das durch die Erfindung des Tonfilms seit 1927 (The Jazz Singer mit Al Jolson) möglich geworden war, machte die Gattung Musical weltweit beliebt. Auch beim Filmmusical lässt sich eine ähnliche Entwicklung feststellen wie beim Bühnen-Musical, das erst allmählich zum Book-Musical heutiger Prägung wurde: Während Musik, Gesang und Tanz die Handlung zunächst ergänzten und auflockerten, wurden sie später integraler, handlungstragender Bestandteil des Werks.