Muhammad Ali Jinnah (Urdu محمد علی جناح; Gujarati:મહંમદ અલી ઝીણા) (* 25. Dezember 1876 als Mahomedali Jinnahbhai in Karatschi; † 11. September 1948 ebenda) war ein pakistanischer Jurist, Politiker und Widerstandskämpfer, der als Gründer des Staates Pakistan gilt. Als Qaid-e Azam (قائد اعظم „Größter Führer“) und Baba-e-Qaum (بابائے قوم „Vater der Nation“) verehrt, führte Jinnah den muslimischen Teil Britisch-Indiens zur Unabhängigkeit und übernahm von 1947 bis zu seinem Tod die Position des ersten Generalgouverneurs Pakistans sowie als erster Sprecher der Nationalversammlung.
Jinnah gewann an Prominenz im Indischen Nationalkongress, wo er zunächst für eine politische Zusammenarbeit zwischen Hindus und Muslimen eintrat. Er spielte eine Schlüsselrolle beim Lucknow-Pakt von 1916, der die Kongresspartei und die Muslimliga vereinte, und engagierte sich in der All-India Muslim League. Doch zunehmende Differenzen mit Mahatma Gandhi und seine Frustration über die Kongresspartei führten 1920 zu seinem Austritt und dazu, dass er die Präsidentschaft der Muslimliga übernahm. Angesichts seiner wachsenden Sorge um die politischen Rechte der Muslime formulierte er 1929 einen Vierzehnpunkteplan, der diese in einem selbstverwalteten Indien sichern sollte. Nach Jahren in London kehrte er 1934 auf Drängen mehrerer Politiker nach Indien zurück, um die Muslimliga zu reorganisieren. Da die Kongresspartei eine Einigung ablehnte, forderte die Muslimliga in der Lahore-Resolution die Teilung Indiens und die Schaffung eines unabhängigen muslimischen Staates. Bei den Wahlen 1946 gewann die Liga in den mehrheitlich muslimischen Regionen Punjab, Bengalen und Sind, was zur Zustimmung der Kolonialmacht zur Teilung führte.
Als Generalgouverneur widmete sich Jinnah dem Aufbau der jungen Nation, trotz schwerer gesundheitlicher Einschränkungen. Die Herausforderungen waren enorm – von der Eingliederung der Flüchtlinge über die nationale Sicherheit bis zur wirtschaftlichen Stabilität. Er starb bereits wenige Monate nach der Staatsgründung. Sein Geburts- und Todestag sind bis heute nationale Feiertage in Pakistan.
Jinnah wurde als Mahomedali Jinnahbhai als ältestes Kind eines wohlhabenden Händlers in Wazir Mansion in Karatschi (heute Pakistan) geboren. Die frühesten Zeugnisse seines Schulregisters lassen den Eindruck aufkommen, dass Jinnah am 20. Oktober 1875 geboren wurde, aber seine erste Biographin Sarojini Naidu gab im Jahr 1917 den 25. Dezember 1876 an. Seitdem wurde dieses Geburtsdatum in allen offiziellen Dokumenten verzeichnet, so auch in Jinnahs Pass. Sein Vater Jinnahbhai Poonja (1857–1901) war aus der Provinz Sindh nach Kathiawar emigriert. Sein Großvater gehörte, bevor er zum Islam übertrat, der gleichen Kaste wie Gandhi an. Muhammad hatte sechs jüngere Geschwister: Zuerst folgten seine drei Brüder Ahmad Ali, Bunde Ali und Rahmat Ali, dann die drei Schwestern Maryam, Fatima und Shireen. Seine Familie gehörte den Ismailiten der muslimischen Schia an. Die Sprache der Familie zu Hause war Gujarati.
Jinnah wurde zuerst zu Hause unterrichtet. Ab 1887 ging er in der Sind Madrasat al-Islam in Karatschi zur Schule, aus der die heutige Sindh Madressatul Islam University hervorging. Später besuchte er die High School der christlichen Missionsgesellschaft in Karatschi. Dort bestand er im Alter von 16 Jahren die Reifeprüfung zur Zulassung an der University of Bombay. Ein englischer Freund seines Vaters bot Jinnah an, als Lehrling in seiner Firma Grahams Shipping and Trading Company in London zu arbeiten. Jinnahs Vater stimmte dem Plan zu. Noch vor seiner Abreise nach London wurde Jinnah in einer arrangierten Ehe mit seiner zwei Jahre jüngeren Cousine Emibai verheiratet; die Eheleute waren zum Zeitpunkt der Eheschließung 16 und 14 Jahre alt. Als Jinnah sich in London aufhielt, starben seine junge Frau, die in Indien geblieben war, und auch seine Mutter. Jinnah kündigte schon bald seine Anstellung als Lehrling, um Jura in Lincoln’s Inn zu studieren. 1895 schloss er das Studium mit einem Examen als Barrister ab. Ab diesem Zeitpunkt begann Jinnah sich als Bewunderer der indischen Politiker Dadabhai Naoroji und Sir Pherozeshah Mahta politisch zu engagieren.
Zusammen mit anderen indischen Studenten beteiligte sich Jinnah an Naorojis Wahlkampagne für einen Sitz im britischen House of Commons. Er entwickelte Ansichten eines überzeugten Parlamentariers und Verfassungspolitikers, der für die indische Selbstregierung eintrat und gleichzeitig die Arroganz britischer Offizieller und die Diskriminierung der Inder verschmähte.
Jinnah, der in persönlichen Dingen als untadelig und in Geldfragen als absolut integer galt, kam unter erheblichen Druck, als das Geschäft seines Vaters bankrottging. Er zog nach Bombay und wurde ein glänzender und erfolgreicher Rechtsanwalt, insbesondere berühmt für die Handhabung des Caucus-Falls, den er 1905 auf Geheiß von Pherozeshah Mahta vor dem Obersten Gerichtshof in Bombay vertrat. Jinnah baute sich in Malabar Hill ein Haus, das später als Jinnah House bekannt wurde. Er war kein streng praktizierender Muslim, trank gerne Champagner, Bordeauxwein, Chablis, Cognac, aß gerne Austern und Kaviar, rasierte sich täglich sorgfältig, kleidete sich lebenslang in tadelloser, europäischer Kleidung, bevorzugte maßgeschneiderte, weiße Leinenanzüge und zweifarbige Schuhe, mied freitags die Moschee und sprach besser Englisch als seine Muttersprache Gujarati. In der den meisten indischen Muslimen vertrauten Sprache Urdu konnte Jinnah lediglich ein paar Sätze sprechen. Seine Reputation als geschickter Anwalt veranlasste den indischen Politiker Bal Gangadhar Tilak, ihn 1905 als seinen Anwalt bei seinem Prozess wegen Volksverhetzung zu beauftragen. Jinnah plädierte geschickt, dass es für einen Inder keine Volksverhetzung darstelle, für sein eigenes Land Freiheit und Selbstregierung zu fordern, aber Tilak erhielt dennoch eine Freiheitsstrafe.
1896 trat Jinnah dem Indischen Nationalkongress bei, der zu jenem Zeitpunkt größten politischen Organisation Indiens. Wie die Mehrheit des Kongresses zu jener Zeit war auch Jinnah angesichts des aus seiner Sicht für Indien vorteilhaften britischen Einflusses auf Bildung, Recht, Kultur und Industrie nicht für vollständige Unabhängigkeit. Er lernte Gopal Krishna Gokhale kennen, der einen starken Einfluss auf ihn ausübte; Jinnah verfolgte am Beginn seiner politischen Karriere das Ziel, ein „muslimischer Gokhale“ zu werden. Am 25. Januar 1910 wurde Jinnah zum Mitglied des sechzig Mitglieder umfassenden Imperialen Legislativrats. Dieser Rat besaß keine reale Macht oder Autorität. Zu ihm gehörten eine große Zahl von nicht gewählten Loyalisten Britisch-Indiens und Europäer. Gleichwohl war Jinnah maßgeblich an der Verabschiedung des „Gesetzes zur Eindämmung der Kinderheirat“ beteiligt, der Legitimation der muslimischen Waqf – religiöse Stiftungen – und wurde in das Sandhurst-Komitee berufen, das die indische Militärakademie in Dehra Dun etablierte. Während des Zweiten Weltkrieges gehörte Jinnah zu jenen moderaten Indern, die die britischen Kriegsanstrengungen unterstützten, in der Hoffnung, Inder würden durch politische Freiheiten belohnt.
Jinnah vermied anfangs seinen Beitritt zur 1906 gegründeten All India Muslim League, weil er ihr nur eine lokale Bedeutung einräumte. 1913 trat er ihr jedoch bei, ohne die Kongresspartei zu verlassen und wurde 1916 anlässlich der Jahrestagung der Muslimliga in Lucknow ihr Präsident. Unter seiner Leitung entwickelte sie sich zunehmend zu einer politischen Partei, die sich gegenüber der konkurrierenden Kongresspartei abgrenzte. Er wurde Architekt des im selben Jahr geschlossenen Lucknow-Pakts zwischen der Kongresspartei und der Muslimliga, wobei es ihm gelang, bei den meisten Fragen der Selbstregierung, sie gegenüber den Briten als geschlossene politische Front zu präsentieren. Jinnah spielte ebenfalls 1916 eine bedeutende Rolle in der Gründung einer All India Home Rule League. Gemeinsam mit den anderen führenden Politikern Annie Besant und Tilak forderte er Home Rule für Indien, den Status eines selbstverwalteten Dominions im Britischen Empire ähnlich dem Status von Kanada, Neuseeland und Australien. Während des Kapitells der Bombay-Präsidentschaft der Liga saß er ihr vor.