Muammar Muhammad Abdassalam Abu Minyar al-Gaddafi oder Muʿammar Muhammad Abdassalam Abu Minyar al-Qaddhafi (arabisch معمر القذافي Muʿammar al-Qaddhāfī, DMG Muʿammar al-Qaḏḏāfī ; * offiziell 19. Juni 1942 in Sirte, Italienisch-Libyen; † 20. Oktober 2011 in oder bei Sirte, Libyen) war seit einem Militärputsch vom 1. September 1969 bis 1979 das offizielle Staatsoberhaupt und bis zu seinem Sturz 2011 als sogenannter Revolutionsführer der Regierungschef von Libyen mit diktatorischen Machtbefugnissen. 1975 veröffentlichte Gaddafi Das Grüne Buch, in dem er seine politischen Ziele darstellte, ein Eklektizismus aus Sozialismus, Anarchismus, Naturrecht und Nationalismus. Gaddafi war von Februar 2009 bis Januar 2010 Präsident der Afrikanischen Union.
Gaddafi war der am längsten regierende Herrscher Libyens und einer der am längsten herrschenden Machthaber außerhalb von Monarchien überhaupt; etwa 80 Prozent der zum Zeitpunkt seines Todes lebenden Libyer waren unter seiner Herrschaft geboren worden. Gaddafi sicherte seine Macht auch durch ein rentenökonomisches, auf den Exporterlösen von Erdöl und -gas beruhendes Verteilungssystem nach innen ab.
Im Februar 2011 kam es in Libyen zu landesweiten Aufständen, gegen Ende des Monats verlor Gaddafi die Kontrolle über weite Teile des libyschen Ostens an Rebellen. Im März begannen auf der Basis einer UN-Resolution Luftangriffe auf Libyen mit dem Ziel, eine Flugverbotszone durchzusetzen (Internationaler Militäreinsatz in Libyen 2011). Ab dem 27. Juni 2011 wurde Gaddafi als mutmaßlicher Kriegsverbrecher und wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit per Haftbefehl weltweit gesucht. Er galt ab dem 22. August 2011 als abgesetzt und wurde von der neuen Regierung polizeilich gesucht. Am 20. Oktober 2011 wurde er getötet. Nach einer Darstellung der Menschenrechtsorganisation HRW starb er nicht bei einem Schusswechsel, sondern wurde nach seiner Gefangennahme zusammen mit Personen in seiner Begleitung getötet.
Muammar al-Gaddafi wurde nach späteren Angaben am 19. Juni 1942 in Sirte geboren. Andere Quellen geben als Geburtsort Qasr Abu Hadi bei Sirte an. Er entstammte einer Familie von Beduinen aus dem wenig einflussreichen Stamm der Guededfa. Sein Vater, Mohammed Abdul Salam bin Hamed bin Mohammed Al-Gaddafi, genannt Abu Meniar, verdiente ein kärgliches Auskommen als Ziegen- und Kamelhirte, seine Mutter hieß Aisha Gaddafi. Halbnomadische Beduinen waren zu jener Zeit Analphabeten und erhielten keine Geburtsurkunden, so dass Geburtsort und -datum nicht mit Sicherheit angegeben werden können. Muammar al-Gaddafi war der einzige überlebende Sohn seiner Eltern und hatte drei ältere Schwestern. Sein Vater beschrieb den Charakter des heranwachsenden Muammar als ernst, schweigsam, verschlossen, reserviert und tief religiös.
Schon als Kleinkind erfuhr al-Gaddafi in familiären Gesprächen von der kolonialistischen Besetzung seines Landes durch Italien und dem Afrikafeldzug der Großmächte im Zweiten Weltkrieg. Sein Großvater fiel im Kampf gegen die Italiener 1911, sein Vater kämpfte 1915 in Gardabia gegen die Italiener und einer seiner Onkel verlor dabei sein Leben. Später wurden sein Vater und ein anderer Onkel längere Zeit in faschistischen Internierungslagern gefangengehalten. Die arabisch-sozialistischen und nationalistischen Ideologien des ägyptischen Präsidenten Gamal Abdel Nasser begeisterten ihn bereits als Jugendlicher. Zunächst besuchte er eine Grundschule in Sirte und wechselte dann auf eine höhere Schule in Sabha, von der er wegen politischer Aktivitäten verwiesen wurde. Er konnte seine Schulausbildung aber in Misrata beenden und studierte anschließend ab 1962 Geschichte und Rechtswissenschaften an der Universität Bengasi. 1963 gab er sein Studium zugunsten einer Offiziersausbildung an der Militärakademie in derselben Stadt auf, die er 1965 nach eigenen Angaben mit Auszeichnung als Leutnant abschloss. Nach Auskunft des britischen Chefs der Akademie, Oberst Ted Lough, war er jedoch der schlechteste von allen Kadetten und gehörte zu den zwei Prozent der Schüler, die durch die Prüfung fielen. Er versuchte danach, sich bei der US-Botschaft in Tripolis um einen militärischen Ausbildungsgang in den USA zu bewerben. Der zuständige Diplomat war von Gaddafis Führungseigenschaften beeindruckt, trotzdem erhielt er kein Visum für die USA. Er bekam aber die Gelegenheit, einen vierwöchigen Kurs in militärischer Telekommunikation in Großbritannien zu besuchen.
Den ersten Schritt zum Aufbau seiner revolutionären Organisation machten Gaddafi und seine Mitschüler 1956 mit der Gründung einer politischen Studienzelle in Sabha. Jedes Mitglied dieser ersten Studienzelle gründete dann seinerseits eine eigene Zelle, die sogenannte zweite Zelle. In ihr wiederholte der Gründer die Diskussionen der ersten Zelle. Die Mitglieder der zweiten Zellen wussten jedoch nichts über die Zusammensetzung der ersten oder anderer zweiter Zellen. Mitglied werden konnte man aber nur mit Zustimmung Gaddafis. Diese Vorgehensweise wiederholte Gaddafi nach 1961 in Misrata und verbreiterte damit die Basis seiner Verschwörung. 1966, nach anderen Angaben bereits 1964, machte er – auch durch Nasser beeinflusst – aus den Zellen einen militärischen Geheimbund, den Bund freier Offiziere. Die Verschwörer traten auf Wunsch Gaddafis der Militärakademie von Bengasi bei und verzichteten auf zivile berufliche Laufbahnen. Gaddafi selbst war als Student der Geschichte bei der Hochschule eingeschrieben. Geführt wurden die Offiziere durch ein Zentralkomitee mit zwölf Mitgliedern. Nach der Machtübernahme 1969 konstituierte sich dieses Komitee als Revolutionärer Kommandorat (RCC) mit Gaddafi an der Spitze.
Machtergreifung und Herrschaft
Mit seinem Bund freier Offiziere stürzte er am 1. September 1969 König Idris, als sich dieser gerade in der Türkei aufhielt, durch einen unblutigen Putsch und übernahm als Führer einer Militärjunta, die sich im RCC organisierte, die Macht. König Idris, der die Revolution erst als unwichtig bezeichnete, und Königin Fatima gingen später über Griechenland ins Exil nach Kairo. Der RCC rief die libysch-arabische Republik aus und erklärte Einheit, Freiheit und Sozialismus zu den Staatszielen. Das neue Kabinett wurde am 8. September ernannt. Zum Zeitpunkt des Staatsstreichs bekleidete Gaddafi den Rang eines Hauptmanns. Danach ließ er sich zum Oberst befördern.
Gaddafi formte das Königreich in eine Republik um, die ab 1977 offiziell Sozialistische Libysch-Arabische Dschamahirija genannt wurde. Er orientierte sich am arabischen Nationalismus Nassers, der ihn beim Umbau des Bildungssektors und der Verwaltung mit ägyptischen Beratern unterstützte. Gleichzeitig machte dieser aber aus seiner Geringschätzung für Gaddafi keinen Hehl und ging nach dem ersten Treffen der beiden deutlich auf Distanz. Im Dezember 1969 warnte der ägyptische Geheimdienst Gaddafi vor einem geplanten Umsturzversuch durch zwei Minister. In den Wochen danach riss der RCC die totale Kontrolle über das Land an sich. Von 1970 an, nachdem Anwar as-Sadat, der Gaddafi misstraute, Staatspräsident Ägyptens geworden war, waren die Beziehungen weniger eng, und das panarabische Vorhaben, eine ägyptisch-libysche Union zu gründen, scheiterte 1976.
Bald nach seiner Machtergreifung gründete Gaddafi die World Islamic Call Society. Er setzte eine Arabisierungs- und an salafistischer Rhetorik orientierte Islamisierungskampagne in Gang, um westliche Einflüsse zurückzudrängen. Alkohol wurde verboten, militärische Stützpunkte der USA und des Vereinigten Königreichs geschlossen und Ausländer sowie ein großer Teil der jüdischen Gemeinde des Landes verwiesen. Die katholische Kathedrale von Tripolis wurde in die Gamal-Abdel-Nasser-Moschee umgewandelt und die in Libyen lebenden Italiener dazu gezwungen, ihre Toten zu exhumieren und nach Italien zu überführen. Der bis dahin vor allem in der Kyrenaika vorherrschende und auf Muhammad as-Sanussi zurückgehende Sufismus wurde gleichfalls bekämpft und dessen Moschee und Universität abgerissen.
Gaddafi propagierte innenpolitisch das System der Volkskongresse als direkte Demokratie ohne Parlamentarismus. Dieses Modell beruhte von 1971 bis 1977 auf einer in Anlehnung an die nasseristischen Bewegungen benannten Einheitspartei, der Arabischen Sozialistischen Union (ASU), die aus der Bewegung der Volkskomitees hervorgegangen war. Die Gründung von Parteien wurde 1972 verboten.