Mona al-Khalil (arabisch منى الخليل; * 2. August 1949 in Lagos, Britisch-Nigeria; † 19. Juni 2026 in Beirut), bekannt als Mona Khalil (منى خليل), war eine libanesische Umweltschutz-Aktivistin, die sich seit 2000 für die Bewahrung der letzten Eiablagestrände bedrohter Meeresschildkröten im Südlibanon einsetzte. Sie konnte mit ihrem „Orange House Project“ ein Naturschutzgebiet für Meeresschildkröten auf ihrem 1,4 km langen Grundstück am Strand von Mansouri aufbauen, das von der „Mediterranean Association to save the sea turtles“ unterstützt wird. Es gelang ihr 2008, den Strand als „Hima“ ausweisen zu lassen – eine Form von Schutzgebiet, das gemeinsam von Privatpersonen und lokalen Behörden verwaltet wird. Über mehr als zwei Jahrzehnte führte sie mit Freiwilligen Buch über die beiden Meeresschildkrötenarten, die dort ihre Eier ablegen, und galt als eine der Pionierinnen des Naturschutzes im Libanon und der gesamten Region. Das „Orange House Project“, in dem Khalil lebte, entwickelte sich zu einem bekannten Wahrzeichen der Region. Khalil wurde am 6. Juni 2026 bei einem israelischen Luftangriff, der ihr Haus am Strand in Mansouri traf, schwer verletzt. Zwei Wochen später erlag sie ihren Verletzungen.
Frühe Lebensjahre in Nigeria und im Libanon
Khalil wurde in Nigeria geboren, als das westafrikanische Land noch als „Kronkolonie und Protektorat“ unter britischer Kolonialherrschaft stand. Sie verbrachte dort die frühen Jahre ihrer Kindheit. Ihre Eltern gehörten der libanesischen Diaspora an und hatten einen schiitischen Hintergrund. Viele libanesische Familien waren aus ökonomischen Gründen oder zur Vermeidung der Wehrpflicht nach Westafrika ausgewandert, besonders zwischen dem Ende des 19. Jahrhunderts und den 1920er Jahren, als die fünf osmanischen Provinzen des heutigen Libanons durch das Völkerbundmandat für Syrien und Libanon unter Kontrolle Frankreichs kamen.
In einem Oral-History-Gespräch von 2017 bezeichnete Khalil ihre Mutter als eine Society-Dame, die sich wenig um ihre Kinder kümmerte. Stattdessen habe sie eine sehr enge Verbindung zu ihrem Kindermädchen aufgebaut, eine tiefe Liebe zur Natur entwickelt und fühle sich daher in ihrer Identität mehr nigerianisch als libanesisch.
Aus diesen Gründen habe sie schwer gelitten, als sie im Alter von sieben Jahren mit ihrer kleinen Schwester in den Libanon ziehen musste. Vor allem die Trennung von ihrem Kindermädchen habe sie schwer getroffen. In der libanesischen Hauptstadt besuchte sie die US-amerikanische Beirut Evangelical School for Girls und fühlte sich dort diskriminiert, weil sie als Muttersprache nigerianisches Englisch und kaum Arabisch sprach. Im Gegensatz dazu verbrachte Khalil nach eigenen Angaben glückliche Kindheitstage an Wochenenden und während der Ferien auf einer Farm ihrer Familie im Küstenort Mansouri, rund 95 km südlich von Beirut und nur wenige Kilometer südlich der antiken phönizischen Hafenstadt Tyros. In dieser Gegend lebten damals vor allem palästinensische Familien, die infolge der Nakba von 1948 dorthin geflohen waren.
Nach eigenen Angaben heiratete Khalil im Alter von 21 Jahren unter dem Druck ihrer Familie, die gewollt habe, dass sie ein bürgerliches Leben führte.
Kurz nach dem Beginn des Libanesischen Bürgerkrieges im Jahr 1975 flüchtete Khalil aus dem Libanon, nach ihren Worten wegen eines „Zwischenfalls“. Sie fand Zuflucht in den Niederlanden, wo sie in einem Museum als Porzellan-Restauratorin arbeitete. Während ihrer Zeit in Europa erlangte Khalil auch die britische Staatsangehörigkeit, da sie in Nigeria geboren wurde, als das Land noch unter britischer Kolonialherrschaft stand.
Im Jahr 1982 kam ihr einziges Kind an der Küste der griechischen Insel Korfu ums Leben. Der Junge, der im Grundschulalter war, wurde beim Schnorcheln und Tauchen nach Seesternen von einem Sportmotorboot überfahren, dessen Steuermann betrunken gewesen sein soll, und tödlich verletzt. In HIMA – einem Dokumentarfilm von Giulia Franchi – beschreibt Khalil ihr Trauma als einen Wendepunkt in ihrem Leben:
Sie habe in den Niederlanden intensive psychiatrische und psychotherapeutische Behandlungen erhalten, die ihr Leben gerettet hätten. Zur gleichen Zeit habe sie sich geschworen, nur noch Dinge in ihrem Leben zu machen, die ihr Freude bringen. Sie trennte sich von ihrem Ehemann und entwickelte den Traum, nach Mansouri zurückzukehren, an den Ort ihrer glücklichen Kindheitstage. In der Zwischenzeit erbten Khalil und ihre Geschwister von ihrer Großmutter die Familienfarm am Strand von Mansouri, die seit dem Einmarsch der israelischen Armee im Libanonkrieg 1982 brach lag.
Im Jahr 1999, nach einem Vierteljahrhundert im Exil, kehrte Khalil erstmals in den Libanon zurück, um das Heimatland ihrer Familie zu besuchen. Mit einer Freundin fuhr sie dabei auch zum Bauernhof in Mansouri, das sich damals noch in unmittelbarer Nähe der von Israel besetzten Zone befand. Am Strand beobachteten die beiden Frauen eine Grüne Meeresschildkröte, die dort gerade ihre Eier ablegte. Diese Begegnung wurde zum Ausgangspunkt ihres späteren Engagements für Tiere und Küstenschutz. Als Khalil erfuhr, dass dieser Küstenabschnitt einer der letzten Eiablagestrände des Libanons für diese weltweit stark gefährdete Spezies wie auch für die kaum weniger bedrohte Unechte Karettschildkröte war, beschloss Khalil, sich fortan für den Schutz der Tiere und ihres Lebensraums zu engagieren.
Am Anfang des Jahres 2000 zog Khalil dauerhaft von den Niederlanden nach Mansouri. Nur drei Monate später zogen sich die israelische Armee und die mit ihr verbündete Miliz der Südlibanesischen Armee aus der Zone zurück. Khalil bezeichnete es als eine Ironie der Geschichte, dass die Natur der Gegend durch die israelische Okkupation fast zwei Jahrzehnte lang unberührt und damit geschützt blieb. Zusammen mit ihrer Freundin Habiba Fayed, die ihre Leidenschaft für den Umweltschutz teilte, eröffnete sie in dem Haus, das Khalils Großvater in den 1970er Jahren hatte errichten lassen, ein Bed and Breakfast, um über Ökotourismus ihre Naturschutz-Aktivitäten zu finanzieren. Sie strichen die Fassaden des Gebäudes orange an, um den Niederlanden für die Khalil gebotene Zuflucht ihre Ehre zu erweisen. Das Haus wurde zugleich zu einer Anlaufstelle für Freiwillige, die den Strand säuberten und überwachten, und für Gäste, die dort die Freilassung von Jungtieren miterleben und etwas über Meeresschutz lernen konnten. In einem Interview mit der libanesischen Zeitung The Daily Star betonte Khalil überdies, dass ihr „Orange House“ auch die gesellschaftspolitische Gleichstellung mit den Niederlanden teile:
Drei Jahre lang wurden Khalil und Fayed von Fachleuten der NGO Mediterranean Association to Save the Sea Turtles (MEDASSET), die ihren Sitz in Athen hat, fortgebildet, um ein systematisches Beobachtungsprogramm aufzubauen, Daten zu sammeln und die Nester der Schildkröten zu schützen. In jeder Nistsaison zählten Khalil und Freiwillige die Nester, bewachten sie vor Füchsen, wilden Hunden, anderen Tieren und Menschen, markierten sie mit Stöcken, sicherten sie mit Metallnetzen und begleiteten Jungtiere auf ihrem Weg zum Wasser. Neben dem Schutz von Schildkröten dokumentierte Khalil Meeresleben im Südlibanon und engagierte sich gegen die Verschmutzung der libanesischen Küste. Eine Hauptaufgabe für Khalil, Fayed, ihre Gäste und Freiwillige bestand seither darin, den Strand sauber zu halten, insbesondere mit Blick auf angespülten Plastikmüll. Anfangs stammten viele solcher Verschmutzungen offenbar von dem nahen Hauptquartier der Beobachtermission der Vereinten Nationen im Libanon (UNIFIL). Das Problem konnte jedoch in Zusammenarbeit mit den UN-Blauhelmen gelöst werden.
Ein Problem stellten die Verhaltensweisen mancher Einheimischer dar, die keine Rücksicht auf die Natur nahmen, wenn sie am Strand Partys feierten, ihren Abfall nicht mitnahmen und teilweise sogar Eier oder Jungtiere entwendeten, um diese zu verkaufen. Noch größeren Schaden richteten Fischer an, die mit engen Maschennetzen, Dynamit oder Gift Fische fangen wollten. Khalil stieß bei ihren Bemühungen, sie davon abzuhalten, auf heftigen Widerstand bis hin zu gewalttätigen Anfeindungen. Nach ihren Angaben gab es Versuche, ihr Haus in Brand zu setzen. Außerdem sei auf sie geschossen worden. Dennoch gelang es Khalil und ihren Mitstreitern innerhalb weniger Jahre, diese zerstörerischen Praktiken zu stoppen. Das größere Problem war, dass Politiker einen Teil des libanesischen Strandsands absaugen und nach Zypern verkaufen ließen.