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Mirza Abu’l-Fadl

Bahai-Theologe und islamischer Gelehrter

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Mirza Muhammad (persisch ميرزا أبوالفضل) oder Mirza Abu’l-Faḍl-i-Gulpaygani (* Juni oder Juli 1844 bei Golpayegan, Iran; † 21. Januar 1914 in Kairo, Ägypten) war ein iranischer Theologe und Religionshistoriker. Er schloss sich der Bahai-Religion an und trug wesentlich dazu bei, dass diese sich in Ägypten, Turkmenistan und den Vereinigten Staaten verbreitete.

Abu’l-Faḍl wurde in einem Dorf bei Gulpayegan, ca. 200 km nördlich von Isfahan geboren. Mit Vornamen hieß er Muhammad, und wählte, wie damals im Orient üblich, für sich als Ausdruck seines Wunsches nach Wissenserwerb den Beinamen Abu’l-Faḍl aus, was so viel wie „Vater der Gelehrsamkeit“ bedeutet. Er entstammte einer vermögenden Familie, sein Vater war ein bekannter schiitischer Geistlicher und genoss sehr hohes Ansehen in der Bevölkerung Isfahans und Teilen Irans bis hin nach Ägypten.

Abu’l-Faḍl genoss eine umfassende Ausbildung nach dem traditionellen Curriculum der islamischen Theologie, besonders in islamischer Philosophie, islamischer Mystik und islamischer Jurisprudenz, zunächst in seinem Heimatort, später in Isfahan, einem bedeutenden Zentrum schiitischer Gelehrsamkeit seit der Epoche der Safawiden. In dieser Zeit beschäftigte er sich auch mit dem damals neu entstehenden farsí sara, einer Ausprägung des Neupersischen, das man von arabischen Fremdwörtern bereinigen wollte und das im Kreise der Iraner, die das schiitische Erbe durch eine rein persische Kultur ablösen wollten, beliebt war. Ebenso studierte er fremde Religionen, deren Bücher er las und mit deren Anhängern er sich persönlich austauschte. Seine Studien in Neupersisch und nichtislamischen Religionen betrieb er heimlich, um nicht den Argwohn konservativer Kleriker in Isfahan zu erwecken. Darüber hinaus beschäftigte er sich mit traditioneller islamischer Astronomie und Medizin. Nach Beendigung der Ausbildung ging er in den arabischen und nichtarabischen Irak, das Zentrum schiitischer Gelehrsamkeit schlechthin, und studierte bei bekannten Geistlichen wie dem schiitischen Ajatollah Mohammad Hasan Schirazi und dem sunnitischen Mufti Mahmud al-Alusi.

Im Jahre 1873 ging er nach Teheran und lehrte an einer Madrasa, deren Schirmherrin die Königin-Mutter war. Aufgrund seines herausragenden Wissens wurde er kurze Zeit später, noch vor seinem 30. Geburtstag, zu deren leitenden Dozenten ernannt. Neben der Lehrtätigkeit führte er seine Studien in Neupersisch weiter fort und erreichte auf diesem Gebiet ein sehr hohes Niveau. Zusätzlich suchte er die Nähe europäischer Dozenten am neu entstehenden Polytechnikum Dar al-Fonun, tauschte sich mit ihnen über die Fortschritte in Europa und die dort üblichen modernen Methoden wissenschaftlichen Arbeitens aus – u. a. mit Jules Richard, dem persönlichen Übersetzer des Shah, der auch an Ausgrabungen in Schahr-e Rey mitwirkte und modernste Techniken der Photographie in Iran einführte. Ebenso suchte er das Gespräch mit buddhistischen Gelehrten, die damals in Teheran weilten.

Übertritt zum Bahaitum und Haft

In Teheran machte er die Bekanntschaft von Bahai, die hartnäckig das Gespräch mit ihm suchten. Zunächst nahm er sie nicht ernst und spottete über sie. Als im Jahre 1876 ein einfacher Hufschmied, der Analphabet war, die traditionelle schiitische Lehre aber sehr gut kannte, ihn mit den eklatanten Widersprüchen in den schiitischen Überlieferungen konfrontierte, war er zunächst verstört und erkannte, dass unkritisches, wörtliches Verständnis der Heiligen Schriften mit aufgeklärtem Glauben und gesundem Menschenverstand nicht konform gehen. Ebenso fiel ihm auf, dass nicht nur er, sondern auch andere schiitische Gelehrte die einfachen Rätsel der religiös ungebildeten Bahai nicht qualifiziert beantworten konnten. So widmete er sich fortan dem Studium der Religionen und Heiligen Schriften mit dem Ziel, zu einem aus gläubiger Sicht gültigen Verständnis zu kommen, das mit den verschiedenen Heiligen Schriften übereinstimmt und für den menschlichen Verstand annehmbar ist. Nach eigener Darstellung, widmete er sich besonders der systematischen Validierung der Beweise, die die Bahai für diesen neuen Glauben vorbrachten – anhand ihrer eigener Schriften, aber auch mit Anhängern und Gelehrten anderer Religionen. Er kam zu dem Schluss, dass es sich hier um eine authentische neue Religion handelt und fand zum neuen Glauben. Allerdings erklärte er seinen Glauben nicht öffentlich, sondern bestand auf einem Zeichen. Dies ging für ihn in Erfüllung, als Bahá’u’lláh den Untergang des osmanischen Sultans acht Monate im Voraus vorhersagte. Am 20. September 1876 konvertierte Abu’l-Faḍl zur Bahai-Religion, als sich die Prophezeiungen aus Baha’u’llahs Lawh-i-Ra’is („Tafel an den Herrscher“) und Lawh-i-Fu’ad („Tafel von Fu’ad“) über den Untergang von Abdülaziz, dem Sultan des Osmanischen Reiches, und dessen Wesir Mehmed Emin Ali Pascha erfüllten. Als Abu’l-Faḍl anfing, aktiv den neuen Glauben zu lehren, und bekannt wurde, dass er zu diesem übergetreten war, verlor er seine Stellung an der Madrasa. Seine Geschwister und Verwandten nutzten diese Gelegenheit, um ihn zu enterben.

Die nächsten zehn Jahre verbrachte Abu’l-Faḍl in Teheran, wo er aktiv den neuen Glauben lehrte und deswegen insgesamt 24 Monate in Haft war. Einige Monate davon war er im Haus des Gouverneurs von Teheran festgesetzt, der ihn unter anderem in Gegenwart anderer Prinzen zu dem neu entstehenden Glauben und der Gemeinde befragte. Aufgrund seines umfassenden religiösen und historischen Wissens, seines tiefgehenden Verständnisses für die Führungssituation der Entscheider bzw. Machthaber und wegen seiner rhetorischen Fertigkeiten wurde er zum Sprecher der verhafteten Baha'í und konnte den Gouverneur davon überzeugen, dass von den Bahai keine Gefahr für den Staat ausgeht. Dieser und die Prinzen bedauerten, dass jemand, dessen Wissen das der schiitischen Geistlichen bei weitem überstieg, ausgerechnet der Bahai-Religion angehöre und in Haft genommen werden müsse, statt als persönlicher Sekretär des Königs am Hof ein Jahressalär von 50.000 Tuman zu beziehen.

Nach der Entlassung aus der letzten Haft ging er auf Geheiß Bahá’u’lláhs auf zahlreiche Reisen durch Persien und das russische Reich. Im heutigen iranischen Staatsgebiet bereiste er unter anderem Kaschan, Isfahan, Yazd, Täbris, Hamadan, Kermanschah, Kurdistan. Später reiste er nach Samarkand und Buchara, die zum russischen Reich gehörten.

Auf seinen Reisen durch Persien legte Abu'l-Faḍl in zahlreichen Versammlungen gegenüber den Gelehrten des Islam, Christentums und Judentums sowohl den Wahrheitsanspruch dieser Religionen als auch die des Bahai-Glaubens überzeugend dar. Etliche der Anwesenden sahen, dass die Gelehrten ihm keine überzeugenden Argumente entgegensetzen konnten, und traten zum neuen Glauben über. Andere hingegen erkannten, dass es sich beim Bahai-Glauben um eine den anderen ebenbürtige Universalreligion handelte und entwickelten mehr Respekt gegenüber den Bahai, die sie sonst für Sektierer gehalten hatten.

Bei diesen Gesprächen war er stets darauf bedacht, es nicht zu einem Streitgespräch kommen zu lassen, sondern in Freundschaft auseinanderzugehen. Seine Gesprächspartner lobten oft sein Wissen in den höchsten Tönen. Der Rabbiner von Kaschan z. B. beschrieb ihn als jemanden, bei dem man den Eindruck gewänne, er hätte das jüdische Volk im Laufe seiner Geschichte auf jedem seiner Schritte persönlich begleitet. So groß sei sein Wissen. Erwähnenswert sind seine Gespräche mit christlichen Missionaren, u. a. Dr. Robert Bruce, dem Begründer der Persian Missionary Society der Christian Missionary Society (CMS) und dem Herausgeber einer persischen Bibelübersetzung, die bis heute im Einsatz ist.

In diesen Gesprächen ging Abu'l-Faḍl methodisch neue Wege, die man im Kreis traditioneller Geistlicher damals nicht kannte. Er führte zunächst die Beweise an, die für die Religion des Gesprächspartners sprechen, und nachdem er sich mit diesem auf die Anwendung der Beweise verständigt hatte, wandte er sie dann auf die neue Bahai-Religion an. Es handelte sich dabei um drei Kategorien von Beweisen, die

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