An diesem Tag

Michail Moissejewitsch Botwinnik

Elektroingenieur, russisch-sowjetischer Schachspieler

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Michail Moissejewitsch Botwinnik (russisch Михаил Моисеевич Ботвинник, wiss. Transliteration Michail Moiseevič Botvinnik) (* 4. Augustjul. / 17. August 1911greg. in Kuokkala in der Gemeinde Terijoki, heute Repino, Sankt Petersburg; † 5. Mai 1995 in Moskau) war ein sowjetischer bzw. russischer Schach-Großmeister und der sechste Schachweltmeister. Als einzigem Weltmeister gelang es ihm, seinen Titel nach Wettkampfniederlagen zweimal in Revanchekämpfen zurückzugewinnen. Er gilt außerdem als eine der wichtigsten und einflussreichsten Personen, die die Sowjetische Schachschule ermöglicht und aufgebaut haben.

Michail Botwinnik stammte aus einer gut situierten jüdischen Zahnarztfamilie. Die Eltern besaßen im Zentrum von St. Petersburg ein Haus. Nach der Oktoberrevolution 1917 und nach dem Bruch der Ehe der Eltern lebte Botwinnik gemeinsam mit seinem Bruder und der Mutter in deutlich bescheideneren Verhältnissen. Trotzdem erhielt er eine Erziehung, die seine intellektuellen Anlagen förderte. Frühzeitig beschäftigte sich Botwinnik mit Literatur und wurde überzeugter Kommunist (1931 trat er in den Komsomol und 1940 in die WKP (B) ein). Er erlernte das Schachspiel verhältnismäßig spät, im Alter von zwölf Jahren. Bekannt wurde Botwinnik, als er 1925 den Weltmeister José Raúl Capablanca in einer Simultanpartie besiegte. In den folgenden Jahren entwickelte sich seine Schachbegabung außerordentlich schnell, so nahm er schon 1927 in Moskau an der 5. UdSSR-Meisterschaft teil, bei der er 5.–6. wurde. Zu dieser Zeit galt er bereits als einer der führenden Spieler Leningrads.

Botwinnik nahm auch an der 6. UdSSR-Meisterschaft 1929 in Odessa teil, die in einem ungewöhnlichen Modus ausgespielt wurde: 36 Teilnehmer spielten zunächst in vier Viertelfinalgruppen à neun Spieler die Teilnehmer der Halbfinalgruppen aus (Botwinnik erzielte in seiner Gruppe 7 aus 8), sodann wurden zwei Halbfinals gespielt, die eine Vierer-Endrunde zu ermitteln hatten. Botwinnik verpasste in seiner Halbfinalgruppe als Dritter knapp die Qualifikation und war in der Endabrechnung geteilter 5.–6., wie zwei Jahre zuvor. Seinen Durchbruch innerhalb der Sowjetunion hatte er im Jahr 1930, als er ein sehr stark besetztes Meisterturnier in Leningrad und zur Jahreswende 1930/31 die Leningrader Meisterschaft gewann. Überlegen, mit zwei Punkten Vorsprung, siegte Botwinnik bei der 7. UdSSR-Meisterschaft in Moskau, anschließend siegte er in zwei in Leningrad ausgetragenen Meisterturnieren: 1932/33 und 1933, sowie erneut bei der UdSSR-Meisterschaft 1933.

Botwinniks langjähriger Freund Salo Flohr beschrieb das damalige Schachleben in der UdSSR folgendermaßen: „Nach Moskau 1925 [dem internationalen Turnier] gab es einen langjährigen Stillstand; kein Russe kam nach dem Westen, kein Ausländer kam nach Moskau. Man wusste fast nichts von dem, was sich schachlich in der Sowjetunion tat. Literatur kam nach dem Westen fast gar keine, und außerdem war alles in Russisch, einer Sprache, die schwer zu lesen ist.“ Dennoch nahmen die westlichen Schachmeister Notiz von Botwinniks Erfolgen und erkannten die hohe Qualität seiner in Sowjetturnieren gespielten Partien. Flohr, damals einer der führenden Schachspieler der Welt, erbat sich bei Alexander Iljin-Schenewski, einem Schachmeister und sowjetischem Schachfunktionär, der in Prag in diplomatischen Diensten stand, einen Wettkampf mit Botwinnik, der 1933 in Moskau und Leningrad ausgetragen wurde. Dieser Wettkampf, der nach 12 Partien unentschieden 6:6 endete, machte das Niveau deutlich, das Botwinnik bereits erreicht hatte. Nach seinem Sieg in Leningrad 1934 nahm Botwinnik erstmals an einem Turnier im Ausland teil: Hastings 1934/35, welches allerdings mit einer herben Enttäuschung für ihn endete, denn er wurde nur geteilter Fünfter bis Sechster. Botwinniks kommunistische Überzeugung und seine hart erarbeiteten Erfolge ließen ihm viel Unterstützung politisch hochstehender Funktionäre zukommen. Zu seinen Förderern zählte Nikolai Krylenko, ein hochrangiger Parteifunktionär, der Botwinnik jedes Privileg (unter anderem einen Pkw) zukommen ließ, das seiner Entwicklung dienlich war.

Botwinniks Ergebnis in Hastings wurde wieder wettgemacht durch hervorragende Erfolge bei den internationalen Turnieren in Moskau 1935 und 1936. Botwinnik gewann 1935 gemeinsam mit Salo Flohr vor den Ex-Weltmeistern Emanuel Lasker und José Raúl Capablanca und wurde 1936 Zweiter hinter Capablanca. Im gleichen Jahr gewann Botwinnik bei seinem zweiten Turnier im Ausland gemeinsam mit Capablanca den ersten Preis in Nottingham, wo er auch auf Alexander Aljechin traf. Diese bedeutenden Erfolge etablierten Botwinnik an der Weltspitze und er galt als einer der möglichen WM-Kandidaten. Nach dem Nottinghamer Turnier begann Botwinnik seine Abschlussarbeit für das Leningrader Polytechnische Institut, die er im Juli 1937 vor dem Kollegium der Elektromechanischen Fakultät erfolgreich verteidigte. In diesem Jahr konnte er deshalb nicht an der UdSSR-Meisterschaft in Tiflis teilnehmen, spielte aber im Herbst des Jahres in Leningrad einen Wettkampf gegen den Sieger der Meisterschaft Grigori Löwenfisch, der remis (6,5:6,5) endete.

Während des Wettkampfs tauchte unerwartet Botwinniks Jugendfreund Sergei Michailowitsch Kaminer auf, der Botwinnik ein Heft mit seinen Schachstudien übergab. Botwinnik bewahrte es auf, auch nachdem Kaminer ein Jahr später, am 2. November 1938, im Großen Terror ermordet worden war. In den 1950er Jahren machte Botwinnik den Besitz des Heftes bekannt, das schließlich 1982 für ein Schachbuch weiterverwendet wurde.

1938 nahm er am AVRO-Turnier in den Niederlanden teil, das ein Kräftemessen des Weltmeisters mit seinen Herausforderern darstellte. Hinter Paul Keres und Reuben Fine wurde Botwinnik Dritter, vor Aljechin, Max Euwe und Capablanca, den er in einer Glanzpartie besiegte. Anschließend traten Aljechin und Botwinnik in Verhandlungen über einen Weltmeisterschaftskampf, doch der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs verhinderte vorerst weitergehende Planungen.

Zweiter Weltkrieg und Weltmeistertitel

Bis zum deutschen Angriff auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 verlief das Schachleben ungestört. Botwinnik siegte 1939 in Leningrad bei der 11. UdSSR-Meisterschaft, doch teilte er 1940 bei der 12. UdSSR-Meisterschaft nur Platz 5 bis 6. Der Sieger dieser 12. Meisterschaft sollte der offizielle sowjetische Herausforderer Aljechins werden. Es wird allgemein angenommen, dass es Botwinniks Nähe zu den Machthabern ermöglichte, 1941 ein Wettkampfturnier um die Absolute Meisterschaft der UdSSR zu veranstalten. An diesem Turnier in Leningrad und Moskau nahmen die sechs Erstplatzierten der 12. Meisterschaft teil: Boleslawski, Bondarewski, Botwinnik, Keres, Lilienthal und Smyslow. Botwinnik siegte mit 13,5 aus 20 möglichen Punkten (man spielte je vier Partien gegeneinander). Im Jahre 1941 floh Botwinnik mit seiner Familie nach Molotow, wo er für die Energiebehörde arbeitete. Botwinniks Kontakte zu Wjatscheslaw Molotow gaben ihm ab 1943 das Privileg, seine Behördenarbeit einzuschränken und sich wieder verstärkt dem Schach zu widmen. Im selben Jahr siegte Botwinnik ungeschlagen bei einem stark besetzten sowjetischen Meisterturnier in Swerdlowsk, 1943/44 gewann er die Moskauer Meisterschaft, 1944 die 13. UdSSR-Meisterschaft und 1945 die 14. UdSSR-Meisterschaft. Obwohl Weltmeister Aljechin, der während des Krieges mit NS-Deutschland sympathisiert und antisemitische Propagandaschriften verfasst hatte, kompromittiert war, nahm der Sowjetische Schachverband die Verhandlungen über einen Weltmeisterschaftskampf mit Botwinnik wieder auf. Man plante für 1946 einen Wettkampf in London, doch Aljechins unerwarteter Tod im März 1946 führte zu einer neuen Situation. Der Sowjetische Schachverband wurde Mitglied des Weltverbandes FIDE, der nun die Ausrichtung der Weltmeisterschaft übernahm. Botwinnik nahm am ersten bedeutenden internationalen Nachkriegsturnier in Groningen 1946 teil, das er vor Max Euwe gewann, und siegte 1947 im Moskauer Michail-Tschigorin-Gedenkturnier, ehe es 1948 in Den Haag und Moskau zum Weltmeisterschaftsturnier der FIDE kam, an dem neben Botwinnik Wassili Smyslow, Paul Keres, Samuel Reshevsky und Max Euwe teilnahmen. Nach Vorbild des Absoluten Meisterturniers 1941 spielten die fünf Teilnehmer je fünf Partien gegeneinander. Botwinnik siegte überlegen mit drei Punkten Vorsprung (14 aus 20) und wurde der sechste Schachweltmeister.

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