An diesem Tag

Mevlüde Genç

Türkisch-deutsche Betroffene des Brandanschlags von Solingen, Friedensbotschafterin

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Mevlüde Genç (geboren am 5. Februar 1943 in Amasya, Türkei; gestorben am 30. Oktober 2022 in Solingen) war eine deutsche Friedensbotschafterin für gesellschaftliche Versöhnung und ziviles Engagement, für das sie zahlreiche Preise erhielt. Beim Brandanschlag von Solingen 1993 verlor sie zwei Töchter, zwei Enkelinnen und eine Nichte.

Mevlüde Genç verließ 1973 mit 30 Jahren ihren Herkunftsort Mercimek in der türkischen Provinz Amasya. Ihr Mann Durmuş Genç kam 1970 nach Deutschland, war dort Akkordarbeiter und lebte in einem Wohnheim. Drei Jahre später folgte ihm Mevlüde Genç, vier ihrer Kinder blieben zunächst in der Türkei, in Solingen bekamen sie drei weitere Kinder.

In der Nacht zum 29. Mai 1993 wurden zwei Töchter, eine Nichte und zwei Enkelinnen von Genç durch einen rassistischen Brandanschlag auf das Haus der Familie in Solingen von Neonazis ermordet. 17 weiteren Menschen wurden zum Teil bleibende Verletzungen zugefügt; darunter Gençs 15-jährigem Sohn, der schwer verletzt und traumatisiert überlebte, nachdem 36 Prozent seiner Haut verbrannt und seine Knochen, durch einen panischen Sprung aus dem Fenster, um den Flammen zu entgehen, gebrochen waren. Der Brand im Haus an der Unteren Wernerstraße 81 war laut Polizeibericht um 1:38 Uhr ausgebrochen. Mevlüde Genç, damals 50-jährig, konnte sich, nachdem sie erfolglos versucht hatte, das Feuer mit Wassereimern zu bekämpfen, durch einen Sprung aus einem Fenster des brennenden Hauses retten. Die Hilferufe ihrer noch im Haus befindlichen Verwandten hörend alarmierte sie unverzüglich einen Nachbarn. Fünf Minuten später traf die Feuerwehr ein.

Im anschließenden Gerichtsprozess, der 127 Verhandlungstage dauerte und vor dem Staatsschutzsenat des Oberlandesgerichts Düsseldorf verhandelt wurde, sagte Mevlüde Genç, das Oberhaupt der Familie, am 41. Prozesstag als Zeugin aus:

„Ich lebe in Deutschland, also will ich Deutsche sein“, begründete Genç ihren Schritt, nach der rechtsextremistisch motivierten Tat 1995 die deutsche Staatsbürgerschaft anzunehmen.

Mevlüde Genç starb am 30. Oktober 2022 im Alter von 79 Jahren. Sie ist in Mercimek u. a. neben ihren in Solingen ermordeten Verwandten begraben.

Zu den vielen Würdigern von Gençs Lebensleistung zählen der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan, der zu ihren Ehren eine Rede hielt, in der er sie als „Symbol für den Kampf gegen antitürkischen und antimuslimischen Hass in Europa“ bezeichnete, und NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst, der sie ein „großes Vorbild der Versöhnung“ nannte. Cem Özdemir zeigte sich auf Twitter „tieftraurig“ über den Tod seines „große[n] Vorbild[s]“ und der Solinger Oberbürgermeister Tim Kurzbach betonte, die Stadt Solingen werde ihr Vermächtnis bewahren.

In den Jahren nach dem rechtsextremen Mordanschlag auf ihre Familie rief sie immer wieder zur Versöhnung auf und erhielt für ihr zivilgesellschaftliches Engagement zahlreiche Auszeichnungen.

Für ihre Bemühungen um eine gesellschaftliche Versöhnung nach dem Anschlag, dem laut taz eine Hetzkampagne der CDU-geführten Bundesregierung gegen Einwanderer und Geflüchtete im Anschluss an den sogenannten „Asylkompromiss“ vorhergegangen war, wurde ihr 1996 das Bundesverdienstkreuz am Bande verliehen.

Im Rahmen der Deutsch-Türkischen Kulturwochen der Friedrich-Ebert-Stiftung wurde sie 2003 mit dem Freundschaftspreis ausgezeichnet. In der Begründung der Jury hieß es:

Im Februar 2012 wurde Genç vom nordrhein-westfälischen Landtag auf Vorschlag der Landtagsfraktion der CDU als Wahlfrau in die 15. Bundesversammlung gewählt, an der sie am 18. März 2012 teilnahm.

2015 wurde sie mit dem Verdienstorden des Landes Nordrhein-Westfalen ausgezeichnet.

Am 28. Mai 2023 wurde ein Platz in der Nähe des Rathauses von Solingen nach ihr benannt. Der Platz trug zuvor den Namen Mercimek-Platz, benannt nach dem Herkunftsdorf der Familie.

2024 wurde Mevlüde Genç im Rahmen des Projekts Frauenorte in die Liste der FrauenOrte NRW aufgenommen und im Juli 2025 wurde eine Gedenktafel aufgestellt.

Die Landesregierung des Landes Nordrhein-Westfalen hat am 18. Dezember 2018 für besondere Verdienste um Toleranz, Versöhnung zwischen den Kulturen und um das friedliche Miteinander der Religionen die Mevlüde-Genç-Medaille gestiftet. Die Auszeichnung wird jährlich rund um den Jahrestag des Brandanschlags durch den Ministerpräsidenten an Einzelpersonen oder Gruppen verliehen und ist mit 10.000 Euro dotiert. Der Preis und damit das Preisgeld können geteilt werden. Neben der Medaille in einer Schatulle und dem Preisgeld erhalten die Preisträger eine Urkunde. Die bisherigen Preisträger sind:

2019: Duisburger Jugendhilfeträger „Jungs e. V.“

2020: Mimoun Berrissoun, Leiter der Initiative „180 Grad Wende“

2021: Erika Theißen, Gründerin des „Begegnungs- und Fortbildungszentrums muslimischer Frauen e. V.“

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