Melanie Karoline Adler (* 12. Jänner 1888 in Prag, Böhmen; † 26. Mai 1942 im Vernichtungslager Maly Trostinez bei Minsk, Weißrussland) war eine österreichische Ärztin, Opfer des Holocaust und Tochter des Musikwissenschaftlers Guido Adler. Nach dem Tod ihres Vaters versuchte sie, das wertvolle Erbe ihres Vaters vor der Beschlagnahmung und Arisierung durch die Nationalsozialisten zu retten und riskierte damit ihr Leben.
Kindheit und familiärer Hintergrund
Melanie Karoline Adler wurde am 12. Jänner 1888 in Prag geboren und wuchs dort bis 1898 auf. Ihr Vater, der österreichische Musikwissenschaftler Guido Adler, lehrte in dieser Zeit an der Universität in Prag. 1898 zog sie mit ihrer Familie nach Wien, wo der Vater das musikwissenschaftliche Seminar an der Universität von Wien begründete. Die Mutter von Melanie Adler war Betti Adler, geb. Berger (1859–1932 (oder 1933)). Sie hatte außerdem einen Bruder, Hubert Joachim Adler (1894–1964), der später als Arzt in Wien praktizierte.
Melanie Adler wuchs im Kreise ihrer jüdischen Familie auf. In ihrem späteren Leben hielt sie eher Distanz zur jüdischen Religion.
1909 begann Adler mit 21 Jahren in München Medizin zu studieren. Im Sommersemester 1927 setzte sie ihr Studium in Wien fort, im darauffolgenden Wintersemester 1927/28 wechselte sie mit 39 Jahren an die Medizinische Fakultät der Universität Innsbruck. 1930 verließ sie die Universität Innsbruck wieder und war dann vom Wintersemester 1930/31 bis zum Sommersemester 1933 an der Universität Graz eingeschrieben. 1936 schloss sie ihr Studium in Wien ab. Sie promovierte am 20. November 1936.
Zur beruflichen Tätigkeit als Ärztin weisen die Quellen unterschiedliche Schilderungen auf. Nach ihrer Promotion sei Melanie Adler am 11. Dezember 1936 in die Ärztekammer eingetreten, jedoch bereits am 8. Dezember 1937 wieder ausgetreten. Einigen Quellen zufolge hat sie sich nie als Ärztin niedergelassen und auch nie als solche gearbeitet. Neuere Forschungen zeigen jedoch, dass sie nach ihrem Studienabschluss für verschiedene Ärzte in München und Wien als ausgebildete Homöopathin arbeitete.
Es wird angenommen, dass Adler ein recht unabhängiges Leben geführt habe. Sie sei viel verreist und habe sich häufig außerhalb von Wien, vor allem in München und Graz, aufgehalten und regelmäßig ländliche Kurorte aufgesucht. Die starke Verbindung nach München hängt vor allem mit verwandtschaftlichen Beziehungen, ihrer Arbeit als Homöopathin und dem guten Kontakt zu Rudolf von Ficker, einem Schüler ihres Vaters und Freund der Familie, zusammen. Der Anlass für die Kuraufenthalte scheint bislang unbekannt zu sein.
Für die Familie sei Melanie Adler ihrem Neffen zufolge häufig ein Rätsel gewesen. Manchmal habe sie durch das Tragen von Männerkleidung Aufsehen erregt. Zur jüdischen Kultur habe sie stets Distanz gehalten. Es kursierten immer wieder Gerüchte in der Verwandtschaft über eine angebliche Homosexualität, aber auch über ihre Ablehnung ihrer jüdischen Identität. Mitglieder der Familie bezeichneten sie als „strange bird“ und „the complete nut of the family“. Mit Ausnahme ihres Vaters scheinen sie kein positives Bild von ihr gehabt zu haben. In ihren Augen führte sie ein merkwürdiges Leben. Der Ort, an dem sie lebte, sei der Familie unbekannt gewesen, bis sie 1938 zurück nach Wien zog, um den Vater zu pflegen.
Nach dem Tod ihrer Mutter 1938 zog Adler im selben Jahr aus München wieder zurück nach Wien in das Elternhaus in der Lannerstraße 9 im 19. Wienerbezirk zu ihrem Vater. Dieser war zu diesem Zeitpunkt 83 Jahre alt und bedurfte der Pflege und Unterstützung. Während der Zeit des Nationalsozialismus pflegte Adler ihren Vater und kümmerte sich teilweise um seine Geschäfte, bis er am 15. Februar 1941 in seiner Wohnung eines natürlichen Todes starb.
Nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich 1938 waren Adler und ihr Vater in eine prekäre finanzielle Lage geraten, etwa durch Zahlungen wie die Judenvermögensabgabe oder die Folgen der Verordnung über den Einsatz des jüdischen Vermögens. Irgendwann konnten die Raten nicht mehr bezahlt werden. Stundungen wurden vom zuständigen Finanzamt in Wien abgelehnt. Auch Anwaltskosten konnten irgendwann nicht mehr getragen werden. Den Hauptteil des Wohnraums mussten Adler und ihr Vater gezwungenermaßen der Witwe eines Kreisleiters sowie einem NSDAP-Mitglied zur Verfügung stellen. Sie konnten jedoch weiterhin die Villa in der Lannerstraße bewohnen. Ende 1940 drohte ihnen die Delogierung. Freunde setzten sich für sie ein. So konnte die Delogierung 1941 durch Intervention von Kontakten verhindert werden.
Trotz der Zuspitzung der Lage für jüdische Menschen in Österreich nach Anschluss an das Deutsche Reich blieben Adler und ihr Vater in Wien. Freunde im Ausland, darunter Carl Engel, rieten ihnen zwar dringend zur Flucht, boten ihre Hilfe an und stellten der ganzen Familie Adler Bürgschaftserklärungen zur Auswanderung, sogenannte Affidavits, aus, um ihre Emigration zu ermöglichen. Es nutzten jedoch lediglich Melanies Bruder Hubert Joachim Adler und seine Frau Marianne Adler (geb. Fischmann, 1908–1997) mit den beiden Kindern Evelyn Ruth Adler (1931–?) und Thomas Carl Adler (1938–2010) die Chance und emigrierten am 5. August 1938 in die USA. Melanie Adler und ihr Vater hingegen ließen die Einreisegenehmigungen ungenutzt. Vermutlich waren vor allem das Alter und der gesundheitliche Zustand des Vaters die Gründe dafür. Er habe sich der beschwerlichen Flucht und einem Neuanfang nicht mehr gewachsen gefühlt. Melanie Adler blieb in Wien, um ihn zu pflegen. Es heißt jedoch auch, sie habe von den Dokumenten zunächst nichts gewusst, weil er die Dokumente vor seiner Tochter versteckte. Ihm sei nicht bewusst gewesen, wie ernst die Lage war. Weiter heißt es, dass sowohl Melanie Adler als auch ihr Vater an ein baldiges Ende des NS-Regimes glaubten.
Andere Quellen zeigen auf, dass es mehrmals zur Debatte stand, dass Adler und ihr Vater mit der Hilfe von Erich Schenk nach Italien zu Verwandten emigrierten. Nachdem Guido Adler tot war, wandte Melanie sich nochmals bittend an Schenk. Als nach dem Tod ihres Vaters jedoch der Kampf um die Erlangung seiner wertvollen Bibliothek entbrannte, an dem sowohl sie selbst als auch Schenk maßgeblich beteiligt waren, habe dieser keinen Anlass mehr gesehen, sich um ihre Emigration zu kümmern. Die Flucht nach Italien gelang Adler schlussendlich nicht.
Kampf um die Bibliothek des Vaters
Guido Adler hinterließ neben Haus und Kunstwerken eine umfangreiche, wertvolle musikwissenschaftliche Bibliothek mit seltenen Werken und Korrespondenzen mit bedeutenden Komponisten dieser Zeit, die er sich in seiner Zeit an der Universität Wien aufgebaut hatte. Unmittelbar nach seinem Tod im Februar 1941 sollte Melanie Adler die geerbte Bibliothek jedoch umgehend an unterschiedliche Institutionen abtreten. Verschiedene Behörden, Ämter und Institute zeigten großes Interesse daran und versuchten, sich größtmögliche Teile anzueignen. Neben Personen wie dem Bibliothekar des Instituts der Musikwissenschaft Leopold Nowak, dem Generaldirektor der Nationalbibliothek Paul Heigl sowie dem Universitätsprofessor und Leiter der Musiksammlung der Nationalbibliothek Robert Haas war auch Erich Schenk, der Nachfolger Guido Adlers als Ordinarius des Instituts, maßgeblich an der Arisierung der Bibliothek und der Enteignung Melanie Adlers beteiligt. Er veranlasste die unmittelbare Sicherstellung der Bibliothek durch die Gestapo und verhinderte damit, dass Melanie Adler ihr Verfügungsrecht über das Erbe geltend machen konnte. Am 4. April 1941 wurde die Bibliothek von der Gestapo beschlagnahmt und dem Rechtsanwalt Richard Heiserer übergeben. Dieser hatte Melanie Adler und ihren Vater bereits vor dessen Tod in steuerlichen Angelegenheiten und als Abwesenheitskurator vertreten. Später wurde Heiserer von der Gestapo mit der Verwahrung der Bibliothek beauftragt. Einem Brief Melanie Adlers vom 4. Mai 1941 an Rudolf von Ficker, mit dem sie regen Austausch pflegte, ist zu entnehmen, dass der Anwalt sie in Sachen Bibliothek nicht unterstützte, sie sogar bedrohte und versuchte, sie einzuschüchtern. Generell sah sie sich ihren Briefen zufolge in jener Zeit starker Bedrängnis ausgesetzt.