Maurice Blanchot (* 22. September 1907 im Weiler Quain, Gemeinde Devrouze im Département Saône-et-Loire, Burgund; † 20. Februar 2003 in Le Mesnil-Saint-Denis, Département Yvelines, bei Paris) war ein französischer Journalist, Philosoph, Literaturtheoretiker und Schriftsteller.
Blanchot wuchs mit drei Geschwistern in wohlhabenden, katholisch geprägten Verhältnissen auf. Ab 1925 studierte er Philosophie und Deutsch in Straßburg. Dort befreundete er sich mit Emmanuel Levinas.
Blanchot bewegte sich in den 1930er-Jahren nahezu ausschließlich in rechten und rechtsextremen intellektuellen Zirkeln. Seine Aufsätze erscheinen in ihren Zeitschriften wie Le Combat, den Cahiers mensuels oder auch L’Insurgé. Beim nationalistischen, germanophoben Wochenmagazin Aux Écoutes fungiert er vermutlich schon ab 1934, spätestens aber ab 1937 als Chefredakteur. Spätestens ab 1936 nutzt er diese Organe auch, um neben antidemokratischen Ressentiments auch Judenhass zu verbreiten. So warnte er vor den aus Deutschland geflüchteten Juden (Juifs émigrés) als Kriegstreibern, die begierig seien, die Franzosen „im Namen Moskaus oder Israels in einen direkten Konflikt zu stürzen“ („de précipiter les Français, au nom de Moscou ou au nom d'Israël, dans un conflit immédiat“). Dennoch war der systematische Antisemitismus der französischen Rechten ein Anlass für Blanchots politische Neuorientierung ab den 1940er-Jahren.
Blanchot-Forscher Christophe Bident hat in seiner Biographie die publizistische Tätigkeit jener Phase mit dem Ausdruck „défaut de pensée“ (Denkfehler / Abwesenheit von Gedanken) zusammengefasst, von der er sich durch die Arbeit am ersten Roman Thomas der Dunkle gleichsam emanzipiert habe. Diese entbinde ihn gleichwohl nicht von der Verantwortung für seine damaligen Schriften. Ähnlich bezeichnet der Philosoph und Blanchot-Kenner Michel Surya Blanchots frühen Rechtsextremismus ausdrücklich als „Verblendung“ (aveuglement). Während der Schweizer Verlag Diaphanes, in dem Blanchots Werk in deutscher Übersetzung erscheint, diesen ohne weiteres ein „Mitglied der Résistance“ nennt, ist auch dessen Tätigkeit in Institutionen des Vichy-Regimes gut dokumentiert. Spätestens seit den 1980er-Jahren wird sie erforscht. Insbesondere übernahm Blanchot eine wichtige Funktion in der Organisation Jeune France, die ab 1940 französische Künstler ohne Beschäftigung unterstützen sollte und finanziell unmittelbar vom Büro des Maréchal Pétain abhing. Allerdings half er nach Levinas’ Verhaftung dessen Frau und Tochter, unterzutauchen. Um diese Zeit scheinen auch seine ersten Kontakte zur Résistance zu datieren, die einhergingen mit einer Zuwendung zur politischen Linken. Sein erster Roman Thomas der Dunkle (1941) ist zugleich sein bekanntestes literarisches Werk, ein verstörend abstrakter Roman über die Erfahrung des Lesens. Der Name des Titelhelden lehnt sich an den Apostel Thomas aus der Bibel, den „Ungläubigen“, an. Ihm soll Jesus entgegnet haben: „Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.“
In der unmittelbaren Nachkriegszeit zog sich Blanchot weitgehend aus der Öffentlichkeit zurück: Er verlegte seinen Wohnsitz von Paris nach Èze-sur-Mer, vollendete seinen dritten und letzten Roman Le Très-Haut (1948), verfasste literarhistorische Essays und Erzählungen. Zwar wirkte Blanchot in jenen Jahren als Juror von Literaturpreisen, trat jedoch nur sporadisch als Kritiker in Erscheinung und enthielt sich auch gänzlich öffentlicher politischer Äußerungen. Das änderte sich 1958: Im Verbund mit ehemaligen Résistance-Kämpfern wie der Autorin Marguerite Duras, Dionys Mascolo und dem Dichter Robert Antelme protestierte er gegen die Machtübernahme durch Charles de Gaulle und wirkte an der „Erklärung des Rechts auf Ungehorsam im Algerienkrieg“ mit, für deren Titel „Manifest der 121“ er verantwortlich zeichnete. Auch die 1968er-Bewegung fand in ihm einen konsequenten Fürsprecher. Als sein langjähriger Verleger Bruno Roy 1996 ein Buch des rechtsextremen Publizisten Alain de Benoist herausbrachte, kündigte Blanchot umgehend die Zusammenarbeit mit ihm auf und empfahl befreundeten Intellektuellen, den Verlag Fata Morgana fortan zu meiden. Roy versuchte Blanchot mit der Drohung zu erpressen, dessen frühe politische Schriften bekannt zu machen, „eine Drohung, die Blanchot völlig gleichgültig ließ“ („a threat that left the latter totally indifferent“), wie Bident feststellt.
1993 wurde Blanchot zum auswärtigen Mitglied der Accademia Nazionale dei Lincei gewählt.
Maurice Blanchot starb am 20. Februar 2003 im Alter von 95 Jahren in einem Vorort von Paris. Es erschienen zahlreiche Nachrufe auf ihn, auch in deutschsprachigen Zeitungen.
Blanchots Einfluss auf die späteren poststrukturalistischen Theoretiker wie Jacques Derrida ist nur schwer zu überschätzen. Sein Werk lässt sich nicht als kohärente, umfassende Theorie bezeichnen, da es auf Paradoxien und Unmöglichkeiten aufbaut. Ein roter Faden innerhalb seines Schreibens ist die konstante Beschäftigung mit dem „Problem der Literatur“, das er als ein simultanes Zulassen und Infragestellen der zutiefst prekären Erfahrung des Schreibens beschreibt.
Leslie Kaplan sieht ihr Schreiben vor allem von Blanchot beeinflusst. Joseph Hanimann schreibt über ihn:
M. B. hat die narrative Ereignisabstraktion auf die Spitze getrieben. Sein in Frankreich fast schon als klassisch geltendes Verfahren, nicht Ereignisse selbst, sondern nur Ereignisspuren in Blicken, Gedankenspielen, Verhaltensstörungen, inneren oder erinnerten Dialogen zu erzählen, ist in Deutschland noch immer nicht richtig bekannt. … (Eine) Erzählkunst in solcher Perfektion, dass jeder Übersetzungsanlauf an den Rand des Unmöglichen führen muss.
Thomas l’Obscur. Gallimard, Paris 1941. Zweite Fassung: Gallimard, Paris 1950, ISBN 2-07-072548-0.
Thomas der Dunkle. Übersetzt von Jürg Laederach. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1987. Neuausgabe: Urs Engeler Editor, Basel/Weil am Rhein und Wien 2007, ISBN 978-3-938767-21-4.
Aminadab. Gallimard, Paris 1942, ISBN 2-07-077029-X.
Aminadab. Übersetzt von Marco Gutjahr. Diaphanes, Zürich 2019, ISBN 978-3-03734-655-6.
Le Très-Haut. Gallimard, Paris 1948, ISBN 2-07-071447-0.
Der Allerhöchste. Roman. Übersetzt von Nathalie Mälzer-Semlinger. Matthes & Seitz Berlin, Berlin 2011, ISBN 978-3-88221-627-1.
L'Arrêt de mort. Gallimard, Paris 1948. Leicht überarbeitete Neuauflage: Gallimard, Paris 1971, ISBN 2-07-029699-7.
Die Frist. Ein Bericht. Übersetzt von Walter Maria Guggenheimer. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1962.