Matsudaira Sadanobu (japanisch 松平 定信; * 15. Januar 1759; † 14. Juni 1829) war während der Tokugawa-Zeit Daimyō des japanischen Fürstentums (han) Shirakawa. Er zeichnete sich durch bürokratische und finanzpolitische Neuerungen aus, die sein Fürstentum, das er von 1783 bis 1787 leitete, aus einer massiven Wirtschaftskrise führte. Auf diese Erfahrungen stützte er sich auch während seiner relativ kurzen Amtszeit (1787–1793) als Vorsitzender im Rat (goroju) des Bakufu und Berater (輔佐, hosa) des Shōgun. In dieser Phase stellte er im Zuge seiner Kansei-Reformen die politische Machtbasis der Regierung wieder her und bekämpfte eine finanzielle Krise des Staates und seiner Bediensteten.
Als siebter Sohn von Tokugawa Munetake (1715–1771), wurde Sadanobu am 15. Januar 1759 in Edo geboren. Sein Vater war das erste Oberhaupt der Tokugawa-Zweigfamilie Tayasu, eine der go-sankyō (御三卿). Diese Familien gehen auf Tokugawa Yoshimune (1684–1751) zurück und bildeten den engsten Kreis des Clans. Wenn nötig, dienten sie als erweiterter Auswahlbereich für die Nachfolge des Shōgun. Da Munetake selbst diese Position verwehrt blieb, lag es in seinem Interesse, dass zumindest einer seiner Nachkommen diese wahrnehmen würde. Dementsprechend intensiv war auch die Ausbildung, die Sadanobu schon in jungen Jahren zuteilwurde.
Das Familienoberhaupt der Tayasu war seinerseits Sohn des achten Shōgun Tokugawa Yoshimune. Sparsamkeit und Genügsamkeit stellten zentrale Aspekte seiner Kyōhō-Reformen dar, die durch Munetake wesentliche Auswirkungen auf die Lebensweise und die Erziehung im Hause Tayasu hatten. Zweifellos prägte dies auch Sadanobu und war für sein späteres politisches Wirken richtungsweisend.
Verhinderte Nachfolge als Shōgun
Im Jahre 1774, drei Jahre nach dem Tod seines Vaters, fanden auch die Hoffnungen des 15-jährigen Sadanobu, die Nachfolge des obersten Kriegsfürsten anzutreten ein jähes Ende. Da seine Brüder Sadakuni und Haruaki bereits in anderen Positionen untergebracht waren, stellte Sadanobu zwar den nächsten verfügbaren Kandidaten für eine Nachfolge seines Cousins Ieharu dar. Jedoch sah sich Tanuma Okitsugu (1719–1788) dadurch in seiner Vormachtstellung im Rat (老中, rōjū) des Bakufu bedroht. Um seinen Einfluss auch bei dem Nachfolger Ieharus aufrechtzuerhalten, ließ er Sadanobu durch den Daimyō des Lehens von Shirakawa, Matsudaira Sadakuni, als Nachfolger adoptieren und mit dessen Tochter verloben. Der Kontrolle des nächsten Shōgun war sich Tanuma nun sicher, da er auf diese Weise dem noch jungen Ienari, einem Neffen Sadanobus aus der nächstgelegenen Zweigfamilie Hitotsubashi, die Erbfolge zuspielte. Auf der anderen Seite bedeutete dies für Matsudaira Sadanobu, dass ihm der Titel des Shōgun, wie seinem Vater, auf Lebzeiten verwehrt bleiben wird. Am 23. Tag des 11. Monats 1775 zieht er in das ebenfalls in Edo gelegene Anwesen des Fürsten von Shirakawa um sich auf seine kommenden Aufgaben als Daimyō vorzubereiten.
Bereits im jungen Alter von 5 Jahren begann für Sadanobu die Lehre durch seinen Vater. Neben einer umfassenden Bildung in Politik und Ethik, sowie dem Lesen chinesischer Geschichtsbände, kam es auch zu ersten Kontakten mit den konfuzianischen Lehren. Des Weiteren zeigte er bereits früh ein reges Interesse für die politische Szene am Hofe und sammelte hier erste wertvolle Erfahrungen für seine spätere Laufbahn.
Auch die Zeit bis zu seinem Amtsantritt als Daimyō, die er zwischen seinem 15. und 24. Lebensjahr auf dem Shirakawa-Anwesen verbringt, war geprägt durch ein intensives und breit gefächertes Studium. Dabei liest er eine Vielzahl japanischer und chinesischer Geschichtstexte, Klassiker und andere literarische Werke, übt sich in Kalligraphie, Malerei und Dichtkunst, verfasst dabei selbst mehrere Tausend Gedichte und zahlreiche Aufsätze. In dieser Phase entstehen auch seine ersten politischen Schriften.
Im philosophischen Bereich orientierte sich Sadanobu stark an den Lehren des Neokonfuzianismus und dessen Prinzipien der kosmologischen Ordnung, wonach die Hierarchie der Gesellschaft als immanent und von der Natur vorgegeben betrachtet wird. Die daraus hervorgehenden Ansichten von der höheren sozialen Stellung der Landbevölkerung gegenüber den Händlern und Handwerkern gemäß dem Vier-Stände-System (Shi-Nō-Kō-Shō), sowie die Genügsamkeit und Sparsamkeit, die ihm als Vermächtnis Yoshimunes im Hause Tayasu vermittelt wurden, haben die politische Denkweise Sadanobus maßgeblich geprägt. Dies wird auch bei seinen späteren Kansei-Reformen deutlich, da jene Neuerungen sich vor allem gegen die einflussreiche Position der Händler richtet, die sie unter der merkantilistischen Politik seines Vorgängers erlangt haben.
Charakteristisch für den politischen Werdegang Matsudaira Sadanobus war in erster Linie seine konservative Reformpolitik, deren Ziel die Wiederherstellung der „goldenen Zeiten“ seines Großvaters war. Dabei wiederholte er viele Maßnahmen, die er bereits in Shirakawa angewandt hatte in seinen Kansei-Reformen auf der Ebene des Bakufu. Nicht selten legte er hierbei ein bemerkenswertes politisches Kalkül an den Tag, wodurch es ihm gelang, die Anerkennung für diverse Verbesserungen, die er lediglich adaptiert oder von Vorgängern übernommen hatte, selbst einzustreichen.
Auch der von Aufständen geprägte und daher für politische Wechsel begünstigend wirkenden Unmut in der Bevölkerung, die sowohl bei seinem Amtsantritt als Daimyō als auch bei seiner Ernennung zum Ratsvorsitzenden des Bakufu eine Rolle spielten, seien hier noch vorab genannt.
Im Jahre 1783 sahen sich weite Teile des Landes von der großen Tenmei-Hungersnot bedroht. Bedingt durch anhaltende Regenfälle und eine Folge von Naturkatastrophen wurde ein Großteil der Reisernte vernichtet. Die Folge waren Unruhen und Missmut in der Bevölkerung. So auch im Shirakawa-han, ein fudai-Lehen mit einem durchschnittlichen jährlichen Ertrag von 110.000 koku, in dem nahezu die gesamte Reisernte verloren ging, was den Preis für Reis bis auf das Sechsfache ansteigen ließ.
Die angespannte Situation gipfelte am 26. August in einem Aufstand. Der regierende Fürst Matsudaira Sadakuni, geschwächt durch eine langjährige Krankheit, war der Situation nicht mehr gewachsen und machte somit Platz für seinen, damals 24-jährigen, Erben Sadanobu der am 16. Oktober offiziell sein Amt antritt.
Im Zuge eines staatlichen Hilfsprogramms wurden nun mehr als 12.000 koku Reis aus angrenzenden Lehen gekauft und rationiert an die Bevölkerung ausgeben. Damit war die Versorgung für etwa 200 Tage sichergestellt. Auch wenn die Planung dieses Programms Aufzeichnungen zufolge schon vor Sadanobus Herrschaft begann, beanspruchte er den Ruhm für die Abwendung der Hungersnot für sich.
Weiterhin führte Sadanobu in dieser Zeit vor allem Unterstützungsmaßnahmen für die bäuerliche Bevölkerung durch, setzte die Steuern aus, tilgte die Hälfte aller Schulden und importierte Medizin um eventuellen Epidemien vorzubeugen. Dabei war es sein Anliegen, diese Bevölkerungsgruppe, welche die Einkommensgrundlage seines Lehens darstellte, zu stärken. Er siedelte Bauernfamilien um, erhob Verbote gegen Abtreibung und Kindstötung und leistete finanzielle Unterstützungen bei Heirat und Geburten. Keine dieser Maßnahmen stammte ursprünglich von Sadanobu. Jedoch kann nicht unbedingt festgestellt werden, ob sie zuvor bereits erfolgreich durchgeführt wurden. Die Anerkennung konnte er in jedem Fall für sich selbst verbuchen.
In der Folgezeit der Hungersnot unterzog er sein gesamtes Lehen einer mehrjährigen Sparpolitik und halbierte dabei die Besoldung seiner Gefolgsleute. Sadanobu selbst agierte dabei als moralisches Vorbild, indem er seinen eigenen Lebensstil, ganz im Sinne der Erziehung durch seinen Vater, auf das nötigste reduzierte. Bis Ende des Jahrzehnts machten sich seine Reformen auch finanziell bemerkbar. So bemaßen sich die Haushaltseinkünfte des Lehens bis 1790 auf ein Plus von 10.000 koku, die in die wirtschaftliche und industrielle Expansion investiert werden konnten.
Gegen Mitte der 1780er Jahre entwickelt sich im Bakufu allmählich eine allgemeine Unzufriedenheit mit der Politik Tanuma Okitsugus. Die Umstände des Todes von Shōgun Tokugawa Ieharu im August 1786 wurden in der Folge dazu genutzt, gegen Tanuma zu intrigieren und dessen Rücktritt zu erzwingen. Als Nachfolger Ieharus wurde der vierzehnjährige Tokugawa Ienari ernannt, der bis 1793 aufgrund seiner Minderjährigkeit unter Vormundschaft seiner Berater stand. Matsudaira Sadanobu wurde in dieser Zeit von den „Drei erhabenen Häuser[n]“ (go-sanke) unterstützt und als neuer Vorsitzender des rōjū vorgeschlagen. Durch die verbliebenen Befürworter Tanumas wurde dies jedoch zunächst abgelehnt.