Mathias Kneißl (* 12. Mai 1875 in Unterweikertshofen; † 21. Februar 1902 in Augsburg; genannt Kneißl Hias, Räuber Kneißl oder auch Schachenmüller-Hiasl) war ein bayerischer Räuber. Sein Wirkungskreis lag überwiegend in den Gebieten der Bezirksämter (der späteren Landkreise) Dachau, Aichach und Fürstenfeldbruck. Seine Lebensgeschichte wurde in zahlreichen Büchern, Schriften, Liedern, Filmen und Theaterstücken aufgezeichnet.
Mathias Kneißl war das älteste von fünf Kindern von Matthias (oder Mathias) Kneißl (1837–1892), einem Schreiner, Wagner und Müller, und Therese Kneißl (* 1847), geborene Pascolini. Sein Onkel mütterlicherseits war der in der Gegend bekannte Räuber Johann Pascolini (1831–1871), sein Urgroßvater Peter Pascolini stammte aus Frassenetto, einem Ortsteil von Forni Avoltri im österreichischen Friaul.
Kneißls Eltern bewirtschafteten zunächst ein Gasthaus in Unterweikertshofen, das Krämer Pascolini für seine Kinder erworben hatte. Das Gasthaus wurde zum Treffpunkt von Kriminellen, die mit Gestohlenem oder Gewildertem handelten. Nachdem die Gendarmerie die Aktivitäten mehrfach überprüft hatte, entschlossen sich Kneißls Eltern 1885, die Wirtschaft zu verkaufen, um nach Dachau als Privatiers zu ziehen.
Im Jahre 1886 zog die Familie in die Schachenmühle bei Sulzemoos, südlich des Ortsteiles Altstetten am Steindlbach, die das Ehepaar für 9.800 Mark erwarb. Die Mahlmühle mit kleinem Sägewerk und ein wenig Landwirtschaft lag in einem feuchten und schattigen Waldgrundstück, im Sommer von Mückenschwärmen bevölkert. Im Nebenerwerb widmete sich Kneißl sen. der Anfertigung von Wagner- und Schreinerarbeiten. Für die Zeit bis 1888 berichtete ein Polizist aus Odelzhausen von einem guten Eindruck. Dann fanden sich Besucher in der Mühle ein, die Schweine, Schafe und Diebesgut weiterverkauften, und so wurde aus der Mühle ein „Gasthaus“ und sie geriet aufgrund der dort stattfindenden Hehlerei in die Beobachtung der Polizei.
Zu den Besuchern der Schachenmühle zählten der Händler Johann Schlumbrecht aus Stangheim, der u. a. Munition besorgte, und Josef Schreck aus Hepberg bei Ingolstadt, der in den Diensten des Barons von Schaezler in Sulzemoos stand. In diesem Umfeld lernte der jugendliche Mathias das Schießen und wurde zu ersten kleineren Straftaten verleitet, für die er mehrere kürzere Haftstrafen absaß.
Im März 1891 musste der 15-jährige Kneißl erstmals für drei Tage in Haft. Ihm wurde vorgehalten, als Schulpflichtiger eine Tanzveranstaltung besucht zu haben, denn das Schwänzen der Schule stand unter Strafe. 1884 schrieb ein Lehrer: „Ein äußerst unwilliger und unfolgsamer Knabe, eine Zuchthauspflanze.“ Die Volksschule Sulzemoos schrieb 1889 ins Zeugnis: Anlagen: wenige, Fleiß: sehr faul, Betragen: grob und unanständig. Nach dem Schwänzen der sonntäglichen „Feiertagsschule“, die für Abgänger der Volksschule Pflicht war, kam es zu fünf Gerichtsurteilen zwischen Juli 1891 und Juli 1892.
Im Jahr 1892 warf die väterliche Mühle kaum Gewinn ab und stürzte die Familie Kneißl in Not. So kamen die Eheleute auf die Idee, mit den Söhnen Alois und Mathias in der Wallfahrtskirche Herrgottsruh bei Friedberg das Altarsilber zu stehlen. Schon bald fiel der Verdacht auf die Familie Kneißl. Kurz darauf erwischte man seine Mutter beim Versuch, die gestohlenen Gegenstände zu veräußern. Wegen Hehlerei wurde sie für drei Monate inhaftiert. Ein anschließender Fluchtversuch seines Vaters misslang. Die Polizei verhaftete ihn und brachte ihn in das Gefängnis nach Dachau. Dort verstarb sein Vater kurze Zeit später unter ungeklärten Umständen. Die sechs minderjährigen Jugendlichen und Kinder blieben sich selbst überlassen.
Kneißl ging mit seinen Brüdern auf Raubzüge; gelegentlich begleitet von Johann Schlumbrecht und Josef Schreck; sie wilderten, stahlen Obst, Hühner, ein Schaf und Geld. Am 2. November 1892 erschienen zwei Polizisten in der Mühle, dabei schoss der jüngere Bruder Alois dem Polizeistationskommandanten Baltasar Gößwein aus Odelzhausen in den Unterleib; dieser wurde dadurch dienstunfähig und verstarb nach langer Leidenszeit fünfzehn Jahre später an den Folgen; zuvor wurde auch sein Kollege Förtsch durch Streifschüsse verwundet. Das Strafmaß von Alois lag bei 15 Jahren; er verstarb nach vier Jahren im Gefängnis an Tuberkulose. Zuvor war die Schachenmühle zwangsversteigert worden. Der 18-jährige Mathias Kneißl wurde als Tatbeteiligter vom Landgericht München für die Tatbestände Mordversuch, schwerer Raub und Wilderei, am 23. Juni 1893 zu sieben Jahren Haft verurteilt; Schreck erhielt 12 Jahre und Schlumbrecht 2 Jahre.
Im Gefängnis erlernte Kneißl das Schreinerhandwerk. Nach seiner Haftentlassung am 28. Februar 1899 mit 24 Jahren fand er kein Heimatrecht in seiner Heimat und wurde am 18. März 1899 auch aus München ausgewiesen. Im Frühjahr und Sommer 1899 arbeitete er für drei Monate als Schreiner in Nußdorf am Inn bei Schreiner Christoph, einem Bekannten der Familie. Nach einem halben Jahr wurde Kneißl auf stetes Drängen und den Hinweis des Gendarmeriekommandanten Adam Saalfrank, dass Kneißl ein Zuchthäusler sei, von seinem Meister entlassen, da auch seine Kollegen sich weigerten, mit ihm länger zusammenzuarbeiten. Er fand darauf wegen seines schlechten Leumunds keine Anstellung mehr und sah sich in seiner Existenz bedroht. Resozialisierung war damals unbekannt. Er träumte davon, nach Amerika auszuwandern. Das dafür notwendige Geld fehlt ihm allerdings.
Raubzüge und Verfolgung Herbst 1899 bis März 1901
Ohne Arbeit unternahm Kneißl erneut Einbrüche mit dem Komplizen Hausleitner. Er wurde von der Polizei gesucht und ein Kopfgeld von 400 Mark auf ihn ausgesetzt. Auf einem Fahrrad durchstreifte er die Landschaft zwischen Altomünster und Nannhofen, mit Dolchen, Gewehren und Revolvern ausgerüstet. Nachdem sein Komplize gefasst und in Straubing zu 15 Jahren Haft verurteilt worden war, setzte er seine Raubzüge mit dem Fahrrad alleine fort, wobei er hauptsächlich Einödhöfe aufsuchte. Zu dieser Zeit plante Kneißl mit dem erbeuteten Geld eine Auswanderung in die Vereinigten Staaten, zusammen mit seiner Cousine und Geliebten Mathilde Danner.
Nachdem Kneißl bei einem Raubzug Ende Oktober 1900 in der Hallertau Pfandbriefe im Wert von 2.500 Mark erbeutet hatte, suchte man ihn steckbrieflich.
Bei einem Festnahmeversuch kam es am Spätabend des 30. November 1900 beim Flecklbauern in Irchenbrunn bei Altomünster zu einem Schusswechsel, bei dem die zwei Gendarmen so schwer verletzt wurden, dass sie später starben. Kneißl flüchtete und konnte sich so einer Festnahme entziehen. Der Polizei gelang es in der darauffolgenden Zeit nicht, ihn aufzuspüren. Es wurde sogar ein Kopfgeld über 400 Goldmark ausgesetzt. Er versteckte sich im Dachauer und Aichacher Land und fand vor allem bei ärmeren Menschen Unterschlupf. Zur Legende wurde seine erfolgreiche Flucht aus der von der Polizei umstellten Ortschaft Pischertshofen. Angeblich versteckte er sich dort in einem Odelfass. Der ungewöhnliche Fall und das Entkommen Kneißls fanden Niederschlag in der ausländischen Presse und mehrten die Bekanntheit des Räubers.
Ein Augsburger Untersuchungsrichter erhöhte anschließend die Belohnung auf 1.000 Goldmark. Die Summe war wohl auch deswegen so hoch gewählt, weil die Ordnungsmacht den Räuber bisher nicht hatte dingfest setzen können und die Fahndungen erfolglos blieben. Die damals verhältnismäßig hohe Summe erregte die Gemüter in der Bevölkerung, da weite Kreise der ländlichen Bevölkerung in Armut lebten. Dieser Umstand, aber auch die offensichtliche Erfolglosigkeit polizeilicher Fahndung führten wohl auch zu einer Solidarisierung in der Bevölkerung und zur Verklärung des Räubers. In der Welt des späten 19. Jahrhunderts war die Abneigung gegen Staat und Obrigkeit tief verwurzelt. Die Bevölkerung jener Zeit begegnete Kneißl mit Respekt, da er sich gegen Willkür, Not und Unterdrückung wehrte.
Drei Monate später, am 4. März 1901, wurde Kneißl von der Mutter seiner Freundin Mathilde verraten und im Anwesen Auermacher in Geisenhofen bei Aufkirchen ab 9 Uhr morgens von 70 Polizisten gestellt. Die Truppe wurde eilig verstärkt und am 5. März, nach eintägiger Belagerung, beschossen 150 Mann das Haus, in dem sich der unbewaffnete Kneißl im Dachstuhl verkrochen hatte. Eine Dreiviertelstunde nach Beginn der Beschießung stürmten erste Polizisten in das Wohnhaus. Nach einiger Zeit wurde Kneißl entdeckt, er erlitt einen Steckschuss in den Kopf, zwei Schüsse in den rechten Oberarm, einen Streifschuss am rechten Handgelenk und eine lebensgefährliche Verletzung des Unterleibs. Der Volksmund sprach von der Kneißl-Schlacht von Geisenhofen.