Das Massaker von Tulsa, auch als Massaker von Greenwood bzw. englisch Tulsa Race Massacre oder Black Wall Street Massacre bekannt, war ein vom 31. Mai bis 1. Juni 1921 dauerndes Massaker an Afroamerikanern, in dem von ihnen bewohnten Stadtviertel Greenwood von Tulsa. Nach späteren Schätzungen des Bundesstaats Oklahoma starben dabei bis zu 300 Menschen und das Stadtviertel wurde weitgehend zerstört. Es zählt zu den verheerendsten rassistischen Übergriffen in der amerikanischen Geschichte.
Der Auslöser war ein umstrittener Bericht in der Tulsa Tribune, der in den Zeitungsarchiven nicht erhalten ist, über einen angeblichen Vergewaltigungsversuch eines schwarzen jungen Mannes an einem weißen Mädchen. Nachdem einige Schwarze Tulsas sich bewaffnet hatten, um weiße, rassistisch motivierte Lynchjustiz zu verhindern, kam es vor dem Courthouse zu einer Konfrontation. Zum Teil mit Unterstützung der Stadtverwaltung Tulsas bildete sich ein weißer Lynchmob und setzte Greenwood in Brand. Die später hinzugerufene Nationalgarde beruhigte die Situation, nahm aber nur schwarze Bürger von Tulsa fest und hielt sie in drei provisorischen Internierungslagern gefangen.
Das Schicksal der Schwarzen aus Tulsa war bald danach vergessen. Erst 1997 richtete die Oklahoma Legislature, das Staatsparlament von Oklahoma, einen Untersuchungsausschuss zu dem Ereignis ein. Dieser konnte die genaue Opferzahl zwar nicht feststellen, erkannte die Morde und Zerstörungen in einem Gesetz aber als Unrecht an und stellte Gelder für symbolische Wiedergutmachungsmaßnahmen zur Verfügung.
In den Südstaaten und im südlichen Mittleren Westen, zu dem Oklahoma gezählt wird, herrschte 1921 die Rassentrennung durch Jim-Crow-Gesetze. Lynchjustiz gegen Afroamerikaner war dort damals noch weit verbreitet und in Oklahoma insbesondere ab dem Jahr 1900 ein Ausdruck rassistischer Gewalt. Während die Opfer der Lynchjustiz zuvor meist weiße Viehdiebe gewesen waren, traf es danach überwiegend Schwarze.
1917 kam es zu Unruhen im Dewey County. Bei Unruhen im gleichen Jahr in East St. Louis im Mittleren Westen entwaffneten Polizisten Afroamerikaner und erschossen sie sofort danach. Am 28. August 1920 wurde der weiße Mordverdächtige Roy Belton von bewaffneten Männern aus dem Gefängnis im Tulsa Courthouse verschleppt, wobei der Sheriff keinen Widerstand leistete, und etwas außerhalb der Stadt an einem Telefonmast erhängt. Nur einen Tag später, und in einer Art Wettstreit mit Tulsa, entführten mehrere Männer in Oklahoma City den afroamerikanischen Mordverdächtigen Claude Chandler aus dem Gefängnis, worauf sich an die tausend Schwarze bewaffneten und versammelten. Nach Verhandlungen mit dem Bürgermeister erhielten sie die Erlaubnis, Chandler zu suchen, wenn sie ihre Waffen abgaben. Chandler wurde am nächsten Tag erhängt aufgefunden.
Diese Ereignisse führten dazu, dass die Afroamerikaner der Polizei und der Justiz, die sie gegenüber Weißen ungleich behandelte, zunehmend misstrauten – nicht zuletzt da die schwarze Presse, wie zum Beispiel die Wochenzeitung Black Dispatch in Oklahoma City und der Tulsa Star (seit dem Massaker Oklahoma Eagle) in Tulsa, diese Fälle genau beobachtete und kommentierte. Der Herausgeber des Tulsa Star, A. J. Smitherman, griff in Kommentaren sogar die schwarze Gemeinde Oklahoma Citys an: Sie habe zur Rettung Chandlers zu wenig unternommen und sich zu passiv verhalten. Der Tulsa Star drängte die Afroamerikaner dazu, sich bei entsprechender Bedrohungslage zum Selbstschutz und zur Verteidigung der Gesetzeshoheit zu bewaffnen und dabei keine Konfrontation mit der Polizei zu scheuen. Die Debatte zwischen dem Black Dispatch und dem Tulsa Star spiegelte das Meinungsbild in der schwarzen Gemeinde Oklahomas wider, die über die Frage zerstritten war, inwieweit Widerstand gegen die Polizei legitim sei.
Greenwood war ein afroamerikanisches Wohn- und Geschäftsviertel in Tulsa mit knapp 10.000 Einwohnern. Die Bezeichnung als Negro Wall Street oder Black Wall Street im positiven Sinn kam erst in neuerer Zeit auf und übertreibt laut dem Historiker John Hope Franklin die wirtschaftliche, aber nicht die gesellschaftliche Bedeutung dieses Ortes. Die weißen Tulsaner nannten Greenwood gelegentlich so, meinten es aber eher abfällig. Zeitgenössisch überliefert ist die Bezeichnung in einem einzigen Buch aus den 1920er Jahren, findet sich aber in keinem der zahlreichen Zeitungsartikel, die nach dem Massaker erschienen. Die Bewohner Greenwoods selbst nannten ihr Viertel häufig Dreamland nach einem dortigen Theater oder auch Little Africa.
Greenwood war größtenteils autark und hatte ein eigenes Schulsystem, eine Bibliothek, Kirchen, ein Krankenhaus, eine Sparkasse, eine Postfiliale, zwei Kinos, drei Hotels, Bekleidungs-, Schmuck- und Lebensmittelgeschäfte, öffentlichen Nahverkehr, Apotheken und zwei Zeitungen. Die Schwarzen dort lebten in relativer Freiheit und viele der Bewohner, die Kriegsveteranen waren oder anderweitig Auslandserfahrungen gesammelt hatten, diskutierten über die Gleichberechtigung der Rassen in Amerika. Die Lebendigkeit und der Stolz der Gemeinde Greenwoods basierten auch auf der Geschichte Oklahomas, das als ursprüngliches Indianer-Territorium nach dem Amerikanischen Bürgerkrieg von vielen befreiten Sklaven besiedelt worden war. Zum einen hatte sie das Versprechen preisgünstigen Landes gelockt, zum anderen hatte hier nicht der institutionelle Rassismus der Plantagenwirtschaften des Alten Südens dominiert.
Die wirtschaftliche Prosperität Greenwoods, das resolute Selbstbewusstsein seiner Bewohner und ihrer Zeitungen sowie die seit dem Eintritt Amerikas in den Ersten Weltkrieg und mit der Harlem Renaissance lauter werdenden Rufe der Afroamerikaner nach einem Ende der Rassentrennung verunsicherten die weißen Tulsaner zunehmend. So hatten Schwarze aus Oklahoma während der 1910er Jahre in zwei Fällen vor dem Obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten erfolgreich ihre Gleichbehandlung eingeklagt, wovon einer die Segregation im Eisenbahnverkehr betraf. Während Woodrow Wilson im Verlaufe des Ersten Weltkriegs mit seiner Rhetorik von der weltweiten moralischen Vorbildfunktion Amerikas als Demokratie die Afroamerikaner dazu veranlasst hatte, in naher Zukunft eine neue Reconstruction zu erwarten, hatten viele weiße Südstaatler das Ziel, die Unterdrückung der Schwarzen durch Rassentrennung und Jim-Crow-Gesetze wieder im vollen Umfang herzustellen. Die lokale Situation verschärfend kam hinzu, dass Tulsa einen schlechten Ruf wegen seiner Kriminalität und Gewalt hatte, die in Oklahoma als jungem Bundesstaat insgesamt in den Zeiten der Prohibition auf fruchtbaren Boden stieß. Im Mai 1921 veröffentlichte die Tulsa Tribune, die für striktes Law and Order eintrat, mehrere Artikel, in denen sie die schwarze Gemeinde für die hohe Kriminalitätsrate verantwortlich machte.
Auslöser und Beginn der Ausschreitungen
Auslöser des Massakers war eine Meldung der Tulsa Tribune am 31. Mai 1921, wonach der afroamerikanische Lieferjunge Dick Rowland die 17-jährige weiße Aufzugführerin Sarah Page attackiert und ihr die Kleidung zerrissen haben soll. Was genau die Tulsa Tribune jenseits dieser Meldung berichtete, ist heute nicht mehr feststellbar. In den Archiven sind mit Absicht ganze Sonderausgaben und die Editorials vernichtet worden. Zeitzeugen berichteten, dass die Zeitung einen nächtlichen Lynchmord an Rowland ankündigte.
Was tatsächlich im Aufzug passiert war, konnte nie geklärt werden und Beweise für ein Verbrechen wurden nie erbracht. Rowland wurde erst am folgenden Tag verhaftet und im ursprünglichen Polizeibericht wurde kein Opfer namentlich genannt. Wie bei vielen Fällen von Lynchjustiz zuvor war auch hier der Auslöser der angebliche sexuelle Übergriff eines Schwarzen auf eine Weiße. Nach Angaben der Oklahoma Commission to Study the Tulsa Race Riot of 1921 scheint es am wahrscheinlichsten, dass Rowland beim Einstieg in den Aufzug gestolpert sei und Page am Arm fasste, worauf sie schrie; auch die Möglichkeit einer freundschaftlichen oder intimen Beziehung, die im Gegensatz zu allen örtlichen Moralstandards stand, wurde schon damals diskutiert.