Beim Massaker von Deutsch Schützen im Burgenland wurden am 29. März 1945 mindestens 57 ungarische Juden von Soldaten der Waffen-SS ermordet. Die Opfer waren zuvor als Zwangsarbeiter beim Bau des Südostwalls eingesetzt worden. Der HJ-Bannführer Alfred Weber, verantwortlich für den Bauabschnitt bei Deutsch Schützen, gab den Befehl zu dem Massaker. Ausgeführt wurde es von drei versprengten SS-Soldaten, von denen mindestens zwei der 5. SS-Panzer-Division „Wiking“ angehörten. In der Nachkriegszeit bezeichnete die österreichische und westdeutsche Justiz solche Verbrechen am Ende des Zweiten Weltkriegs als sogenannte Endphaseverbrechen. Dies geschah letztlich, um die Täter vor Strafverfolgung zu schützen oder milde Strafen zu rechtfertigen.
Angehörige der Hitlerjugend führten im Zuge dieses Verbrechens Organisations- und Sicherungsaufgaben durch. Die rund 400 überlebenden Juden mussten nach Abbruch des Massakers nach Hartberg marschieren, von wo aus sie die mehrtägigen Todesmärsche zum KZ Mauthausen mitmachen mussten. Wie viele von ihnen dabei ermordet wurden, ist nicht bekannt.
Während die drei SS-Männer und der Initiator Alfred Weber sich durch Flucht ihrer Verantwortung entziehen konnten, wurden die meisten der beteiligten Hitlerjungen 1946 in einem Prozess vor dem Volksgericht Wien zu Gefängnisstrafen zwischen 15 und 36 Monaten verurteilt.
1956 kam auch HJ-Bannführer Alfred Weber vor Gericht. Nach der Abschaffung der Volksgerichte war dies der erste Geschworenenprozess gegen NS-Täter in Österreich. Er fand in einem öffentlichen Klima statt, in dem die Mehrheit der Bevölkerung einen Schlussstrich unter der österreichischen NS-Vergangenheit ziehen wollte. Da einige Zeugen frühere Aussagen widerriefen oder abschwächten, sprachen die Geschworenen Weber schließlich frei.
Einer der beteiligten SS-Männer, Adolf Storms, wurde 2008 von einem Studenten durch eine einfache Telefonrecherche in Duisburg ausfindig gemacht. Dem Politikwissenschafter Walter Manoschek gelang es, mit Storms Kontakt aufzunehmen und das dabei gewonnene Material im Dokumentarfilm „Dann bin ich ja ein Mörder!“ zu verarbeiten. Die Staatsanwaltschaft Duisburg bereitete einen Prozess gegen Storms vor, doch bevor dieser beginnen konnte, verstarb der Angeklagte 90-jährig im Jahr 2010.
In Interviews mit Walter Manoschek gestand der ehemalige HJ-Führer Johann Kaincz, dass er und seine mitangeklagten HJ-Kameraden bei ihrem Prozess 1946 zur Stützung ihrer Verteidigungsstrategie die Anwesenheit von fünf SS-Gendarmen erfunden hätten. Sollte dieses mehr als 65 Jahre nach den Ereignissen erfolgte Geständnis der historischen Wahrheit entsprechen, ist die Darstellung des Verbrechens in den wenigen Publikationen, die es dazu gibt und die auf den Originalprozessakten aufbauen, nicht korrekt.
Das Massengrab der ermordeten Juden konnte 1995 lokalisiert werden. Heute erinnern am Tatort ein Grabstein sowie eine Gedenktafel an der nahen Martinskirche an das Massaker.
Die Ortschaft Deutsch Schützen war infolge des „Anschlusses“ Österreichs an das Deutsche Reich ein Teil des Gaues Steiermark geworden, da das südliche Burgenland diesem zugeschlagen wurde. Das übrige Bundesland gehörte zum Gau Niederdonau.
Am 1. September 1944 wurde der Reichsverteidigungskommissar per Führererlass mit Planung und Bau von Befestigungsanlagen entlang der Reichsgrenzen beauftragt. Im Bereich Steiermark sollte zu diesem Zweck die von der deutschen Propaganda Südostwall oder Reichsschutzstellung genannte Verteidigungslinie entstehen. Verantwortlich für ihre Errichtung war Gauleiter Sigfried Uiberreither.
Parallel zu den Bestrebungen von politischer Seite bereitete auch die Wehrmacht den Stellungsbau vor. Dazu wurde die Dienststelle „Festungsbereich Südost“ installiert, deren Aufgabe es war, die Arbeiten in den Bereichen von Niederdonau und in der Steiermark zu koordinieren. Im Bereich der Steiermark war Generalleutnant Richard Zimmer als Höherer Pionierkommandeur z. b. V. des zuständigen Wehrkreises XVIII verantwortlich. Außerdem wurde in Graz noch ein Unterstab aufgestellt, der den geplanten Stellungsverlauf entlang der Reichsgrenze erkunden und markieren sollte.
Während der gesamte Südostwall in der Steiermark in sechs Bereiche (I bis VI) unterteilt wurde, umfasste der nördlichste Bereich VI die Grenze der Kreise Oberwart und Fürstenfeld zu Ungarn. Verantwortlich für diesen Abschnitt, in dem sich auch das Gebiet von Deutsch Schützen befand, war der Kreisleiter von Oberwart Eduard Nicka. Im Kreis Oberwart gab es außerdem noch sechs Unterabschnitte, so lag der Ort des Massakers im Abschnitt VI/6 – Deutsch Schützen, mit jeweils einem Unterabschnittsverantwortlichen. Nicka zog außerdem noch eine organisatorische Zwischenebene ein, so war für die Unterabschnitte VI/4 bis VI/6 Oberfeldmeister Klemensits verantwortlich.
Als Unterabschnittsverantwortlicher für den Abschnitt VI/6 − Deutsch Schützen fungierte der HJ-Bannführer Alfred Weber, ein kriegsversehrter ehemaliger Angehöriger des SS-Panzergrenadier-Regiments 4 „Der Führer“, das zur 2. SS-Panzerdivision „Das Reich“ gehörte.
Die Schanzarbeiten begannen ab Oktober 1944. Neben der örtlichen Bevölkerung, Angehörigen der Hitlerjugend und der Organisation Todt wurden dabei auch Fremdarbeiter und ungarisch-jüdische Zwangsarbeiter eingesetzt. Im Bereich des Abschnittes VI sollen von 15.000 eingesetzten Arbeitskräften rund 4.000 ungarische Juden gewesen sein.
Die Schanzarbeiten in Deutsch Schützen wurden anfangs nur von Angehörigen der Hitlerjugend durchgeführt, die turnusmäßig jeweils für einige Wochen am Südostwall arbeiteten. Für die Beaufsichtigung dieser HJ-Angehörigen hatte Unterabschnittsleiter Weber einige 16-jährige HJ-Führer zur Seite gestellt bekommen: Franz Aldrian, Franz Dobersberger, Alfred Ehrlich, Johann Kaincz, Walter Feigl, Fritz Hagenauer sowie Karl und Wilhelm Bundschuh. Verpflegt wurden die Hitlerjungen von einer Küche, die im Pfarrhof eingerichtet worden war.
Die ersten jüdischen Zwangsarbeiter kamen gegen Ende 1944 nach Deutsch Schützen. Ihre Zahl stieg in den nächsten Wochen ständig an und erreichte im Februar mit 500 bis 600 ihren endgültigen Stand. Untergebracht waren die ungarischen Sklavenarbeiter in zwei Scheunen, die Verpflegung erfolgte im Pfarrhof durch die Küche der Hitlerjugend.
Überlebende des Massakers und der anschließenden Todesmärsche berichteten nach dem Kriegsende davon, dass sie über die den Umständen entsprechend gute Behandlung in Deutsch Schützen überrascht waren. So hatten sie beim Marsch durch Ungarn sehr schlechte Erfahrungen mit ihren eigenen Landsleuten gemacht. Die ungarische Gendarmerie und die Pfeilkreuzler hatten sie zuvor brutal behandelt und ausgeraubt. Die Bewachung in Deutsch Schützen bestand hingegen aus lediglich vier steirischen SA-Angehörigen, einen Kontakt zur in anderen Bereichen des Verteidigungsabschnittes schanzenden Hitlerjugend gab es bis auf wenige Ausnahmen nicht. Während der Historiker Walter Manoschek die These aufstellte, dass es aufgrund des zahlenmäßigen Missverhältnisses zwischen vier Bewachern und mehreren Hunderten zu Bewachenden ein „situatives Arrangement“ gab, berichtete Eleonore Lappin-Eppel in ihrer Arbeit über den Südostwall von gelegentlichen Misshandlungen durch die SA-Mannschaft. Diese namentlich nicht bekannten SA-Männer desertierten schließlich „wenige Tage“ vor dem 29. März 1945 und ließen die ungarischen Zwangsarbeiter somit unbeaufsichtigt zurück.
Die schlechten Erfahrungen mit den eigenen ungarischen Landsleuten, die unsichere militärische Lage, die relativ erträglichen örtlichen Verhältnisse in Deutsch Schützen sowie die Sicherheit der Gruppe wurden von Überlebenden als Hauptgründe angeführt, warum es zu keinen Fluchtversuchen kam, obwohl dies aufgrund der unzureichenden Bewachungsmaßnahmen jederzeit möglich gewesen wäre. Tatsächlich hatte es im Vergleich zu anderen Bauabschnitten des Ostwalls in Deutsch Schützen bis zum 29. März 1945 weder einen Fall von Fleckfieber oder Typhus noch Ermordungen durch die Wachmannschaften gegeben, wie dies an anderen Stellen des Südostwalls oft der Fall war.