Maryse Liliane Appoline Condé (* 11. Februar 1934 in Pointe-à-Pitre, Guadeloupe als Maryse Liliane Appoline Boucolon; † 2. April 2024 in Apt, Vaucluse) war eine französische Schriftstellerin. Sie erreichte mit ihrem Werk Ségou (1984/1985) weltweite Anerkennung.
Maryse Condé wurde als jüngstes von acht Kindern auf der Karibikinsel Guadeloupe geboren, wo sie auch ihre Kindheit verbrachte. Nach eigener Aussage wuchs sie in einer sozialen Aufsteigerfamilie, im Milieu eines „aufkeimenden schwarzen Bürgertums“ auf. Ihr Vater Auguste Boucolon war Mitbegründer einer örtlichen Sparkasse, ihre Mutter Jeanne Quidal eine der ersten schwarzen Lehrerinnen der Insel. Die Familie reiste alle paar Jahre nach Frankreich. Maryse wurde „rein französisch“ erzogen und war schon während ihrer Schulzeit eine leidenschaftliche Leserin; als Zehnjährige verschlang sie Emily Brontës Sturmhöhe, und mit 12 Jahren hatte sie das Gesamtwerk von Victor Hugo gelesen und war entschlossen, selbst Schriftstellerin zu werden.
1953 ging sie zur weiteren Ausbildung nach Paris, absolvierte dort am Lycée Fénelon die zweijährige Classe préparatoire littéraire zur Vorbereitung auf die Concours der Grandes Écoles, nahm dann aber ein Studium an der Sorbonne auf. Im Alter von 19 Jahren brachte sie einen Sohn aus einer Beziehung mit einem haitianischen Journalisten zur Welt.
Im Jahr 1958 heiratete sie den guineischen Schauspieler Mamadou Condé. In Mali wurde sie zu ihrem Bestseller Segu – Die Mauern aus Lehm (1984) inspiriert.
Von 1960 bis 1964 arbeitete Condé an verschiedenen Schulen und Sprachinstituten in Conakry, Guinea; danach wechselte sie nach Accra, Ghana und Saint-Louis, Senegal.
Sie kehrte im Jahr 1973 nach Frankreich zurück und schloss 1975 ihr Studium der Vergleichenden Literaturwissenschaft an der Sorbonne als docteur des lettres mit einer Arbeit über Stereotype von Schwarzen in der westindischen Literatur (Stéréotypes du noir dans la littérature antillaise) ab.
Condé begann erst im Alter von 42 Jahren, auch dank ihres neuen Lebensgefährten Richard Philcox, der ihr Übersetzer wurde, mit dem Schreiben.
Nach Lehrtätigkeiten 1980 bis 1985 an der Sorbonne und verschiedenen anderen Universitäten unterrichtete sie bis 2004 frankophone afrikanische Literatur an der Columbia University in New York. Mit ihrem zweiten Mann, dem Übersetzer Richard Philcox, lebte sie abwechselnd in New York City und auf Guadeloupe.
In ihren letzten Jahren kehrte Condé nach Frankreich zurück, um sich einer Behandlung ihrer neurologischen Erkrankung zu unterziehen, die sie schließlich erblinden ließ. Sie lebte in Gordes, einem kleinen provenzalischen Dorf im südfranzösischen Département Vaucluse, und hatte sich in den 1980er-Jahren mit ihrem Mann dort niedergelassen. Sie litt zuletzt an einer erblichen neurodegenerativen Krankheit. Dort diktierte sie einer Freundin ihr letztes Buch, L’Évangile du nouveau monde, ihre Neufassung des Neuen Testaments. Sie starb 2024 im Alter von 90 Jahren in einem Krankenhaus im südfranzösischen Apt. Sie hinterlässt drei Töchter aus ihrer ersten Ehe, Sylvie, Aïcha und Leïla Condé, sowie fünf Enkelkinder und drei Urenkel.
Maryse Condé machte sich als „Grande Dame der frankofonen Literatur“ einen Namen. Sie schrieb neben ihren Romanen auch Theaterstücke und Sachbücher. Ihr Werk charakterisiert sich durch die Entlarvung von Mythen und die zugleich sinnliche wie auch brutale Darstellung von Schicksalsschlägen, einschließlich derer in ihrem eigenen Leben, das von Unsicherheiten geprägt war. Sie war für ihre literarischen Erkundungen von Rasse, Geschlecht und Kolonialismus bekannt und wurde häufig als Anwärterin für den Nobelpreis für Literatur gehandelt.
Zu ihren bedeutendsten Werken gehören Hérémakhonon (1976), Segu (1984/1985), Windward Heights und I, Tituba, Black Witch of Salem (1986).
Sie veröffentlichte ihren ersten Roman Hérémakhonon im Alter von 42 Jahren, der die Geschichte einer Frau aus der Karibik erzählt, die ihre Identität in Afrika sucht, aber enttäuscht wird. Der Roman löste eine Kontroverse aus und führte zur Anordnung der Vernichtung der Kopien in drei westafrikanischen Ländern, da er die Mängel des afrikanischen Sozialismus thematisierte.
Ihre Erlebnisse in Westafrika bildeten die Grundlage für ihren wohl berühmtesten historischen Roman Segu – Die Mauern aus Lehm, der ihr 2018 den Alternativen Nobelpreis für Literatur einbrachte. Der Roman spielt in der Stadt Segu in Mali, und behandelt die Zeit bis zur islamischen Eroberung 1861, als Segu das Zentrum des Bambara-Königreichs war. Die Geschichte zeichnet ein Bild der historischen Umwälzungen, Freundschaften und Feindseligkeiten sowie der Dominanz männlicher Machtstrukturen und der fortwährenden, erfolglosen Suche nach Frieden und einem Ort der Sehnsucht – sei es Afrika für die in der Karibik gestrandeten Sklaven oder Jamaika für die Afrikaner.
In ihrer 2020 veröffentlichten Autobiografie Das ungeschminkte Leben thematisiert Condé ihre eigenen Kämpfe mit Orientierungslosigkeit, problematischen Beziehungen zu Männern und dem Schuldbewusstsein gegenüber ihren Kindern, denen sie ein Leben voller Unbeständigkeit zumutete.
Obwohl sie sich selbst nicht als politisch engagierte Schriftstellerin sah und zur Ordnung ihrer Gedanken schrieb und um die Welt sowie sich selbst zu verstehen, hatte sie doch bedeutenden Einfluss: Als erste Vorsitzende des Komitees zur Erinnerung an die Sklaverei trug sie maßgeblich zur Etablierung des 10. Mai als Gedenktag der Sklaverei seit 2006 bei. Sie kritisierte afrikanische Unabhängigkeitsführer wegen Korruption und leeren Versprechungen und lehnte Bewegungen wie Négritude und Panafrikanismus ab, die sie als eine Reproduzierung rassistischer Ideologien ansah.
Für Segu – Die Mauern aus Lehm erhielt sie 1988 den LiBeraturpreis.
Im Jahr 1993 erhielt sie als erste Frau für ihr Gesamtwerk den Puterbaugh-Preis.
Sie wurde 2004 Ritterin der französischen Ehrenlegion.