Mary Hunter Austin (* 9. September 1868 in Carlinville, Illinois; † 13. August 1934 in Santa Fe, New Mexico) war eine US-amerikanische Schriftstellerin, Dichterin und Dramatikerin. Sie wurde vorwiegend als frühe Theoretikerin des Feminismus und als Expertin, Fürsprecherin und literarische Bewahrerin des indianischen Kulturraums bekannt. Die von ihr in Santa Fe mitbegründete Spanish Colonial Arts Society wurde zu einer der wichtigsten Sammlungen traditioneller indianisch-hispanoamerikanischer Volkskunst in den USA.
Mary Hunter war das zweite von vier Kindern von George und Susannah Savilla (Graham) Hunter. Der Vater, ein Einwanderer aus Yorkshire, war ein Anwalt und Bürgerkriegs-Veteran im Rang eines Captains, der unter Malaria litt und starb, als Mary gerade 10 Jahre alt war. Die Mutter war schottisch-irisch-französischer Abstammung. Sie hatte keine besondere Beziehung zu ihrer jüngsten Tochter, ignorierte das Mädchen und beschäftigte sich lieber mit den anderen Geschwistern, weshalb sich Mary ihre verständnisvolle ältere Schwester Jennie als Mutterersatz wählte. Umso härter traf es das Mädchen, als die geliebte Schwester an Diphtherie verstarb. So auf sich allein gestellt entwickelte sich Mary recht bald zu einer Einzelgängerin.
In ihren späteren Aufzeichnungen berichtete Mary Hunter Austin von einem „spirituellen Erlebnis“ im Alter von fünf Jahren, durch das sie sich ihre eigene „ganz private“ Religion erschuf. Eine tiefe innere Stimme habe sie „Inknower“, „Genius“ oder „I-Mary“ genannt. Diese Gabe half ihr beim Schreiben, das sie oftmals in einer Art Trance betrieb. Mit dem Tod des Vaters und der Schwester brach schließlich der Wunsch, Schriftstellerin zu werden, aus ihr heraus und so fing sie mit zehn Jahren an, erste Gedichte zu schreiben.
1884 begann sie ein Kunststudium am Blackburn College in Carlinville, wechselte dann aber zu Natur- und Geisteswissenschaften, in denen sie 1888 graduierte. Im selben Jahr zog sie mit ihrer Mutter und dem Bruder Jim nach Kalifornien, wo sie sich auf einer Ranch im San Joaquin Valley niederließ. In einer Schule in Mountain View begann sie Kinder zu unterrichten. Austin zog sich in dieser Zeit oft in die Wüste zurück und verbrachte dort die Nächte. Sie begegnete vor allem den Nichtweißen, den Indianern und den chinesischen Arbeitern in der Gegend mit Freundlichkeit.
1890 lernte sie Stafford Wallace Austin (1861–1931), den Sohn eines hawaiischen Plantagenbesitzers, kennen und verliebte sich in ihn. Austin hatte in Berkeley studiert und arbeitete nun wahlweise als Lehrer, Weinbauer und Grundstücksspekulant. Die beiden heirateten 1891 in Bakersfield und zogen nach Independence im Owens Valley. Ihr im Inyo County gelegenes Haus, welches die beiden um 1900 erbauten, zählt heute zu den National Historic Landmarks der USA.
Mary Hunter Austins Ehe war wenig Glück beschieden: 1892 brachte sie eine geistig behinderte Tochter zur Welt, die sie Ruth taufte und schließlich in ein Heim nach Los Angeles gab, wo diese 1918 verstarb. Zu der Zeit wurde Stafford Austin Manager eines Bewässerungsprojektes, das scheiterte und dem jungen Paar erhebliche Einbußen bescherte. Der Disput führte schließlich zum sogenannten California Water War, einem Streit zwischen dem Owens Valley und der Stadt Los Angeles um die Wasserrechte. Nach dem Desaster war das Paar wieder auf die Einkünfte aus Lehrtätigkeiten angewiesen, doch Stafford fand keine geeignete Anstellung. Schließlich trennten sie sich. Stafford ging ins Death Valley, während Mary durch einige Wüstenstädte in Kalifornien zog, wo sie von 1895 bis 1899 an verschiedenen Schulen unterrichtete. Währenddessen versuchte sie mit dem Schreiben etwas Geld zu verdienen. Bislang hatte sie kurze Sketche und Kurzgeschichten für ihre Schüler verfasst, die meisten davon handeln von der Wüste und den Indianern, die dort leben. Bereits 1892 hatte sie mit The Mother of Felipe erfolgreich eine solche Kurzgeschichte an das Magazin Overland Monthly verkauft.
The Land of Little Rain, Erfolg als Autorin
1903 veröffentlichte Hunter Austin ihr erstes und bekanntestes Buch The Land of Little Rain, das zu einem Klassiker werden sollte. Das Buch, eine Sammlung aus 14 Essays, handelt von der Mojave-Wüste und ihren Bewohnern, den Mohave-Indianern. Die meisten Geschichten handeln vom Kampf um Leben und Tod. Mit ihrem plötzlichen Erfolg als Schriftstellerin ging die endgültige Trennung von ihrem Ehemann Stafford einher, der sie weder intellektuell noch in sonst einer Form unterstützte. Zwischen 1903 und 1905 verließ sie ihn, die Scheidung folgte 1914.
Der zeitgenössische Kritiker Grant Martín Overton (1887–1930) skizzierte Mary Hunter Austin einmal aus der Sicht eines Besuchers: „Mrs Austin besitzt eine indianische Feierlichkeit, eine durchdringende Schüchternheit. Alles was sie sagt, hat einen bestimmten Wert. Sie spricht nur selten. Ihre Äußerungen sind ziemlich langsam und ihre Ausführungen sind meistens ernsthaft. Die Wüste hat sie klösterlich gemacht.“
Ab Anfang 1904 lebte Mary Hunter Austin abwechselnd in Carmel-by-the-Sea, wo sie sich ein Haus baute, manchmal in einer dortigen Künstlerkolonie, sowie in Los Angeles oder im New Yorker Greenwich Village. Sie schloss sich Bohemiens wie Ambrose Bierce, Jack London oder George Sterling an und initiierte mit dem „Forest Theatre“ in Carmel eine der ersten Freilichtbühnen an der Westküste.
Mit einsetzendem Erfolg begann sie pro Jahr ein Buch zu schreiben: The Basket Woman (1904) über Legenden der Paiute-Indianer, im Folgejahr die romantische Novelle Isidro (1905) über spanische Missionen in Kalifornien. Eines ihrer erfolgreichsten Werke wurde The Flock (1906), ein Anschluss an ihren Erstlingserfolg The Land of the Little Rain, das von den Schafzüchtern in der Wüste des Südwestens handelt. Unterschwellig thematisierte sie darin den beginnenden Missbrauch und die Zersiedlung des Landes durch die angloamerikanischen Siedler.
Ihre eigene gescheiterte Ehe diente ihr als Quelle für ein weiteres Werk: In dem 1908 veröffentlichten Roman Santa Lucia, der von Frauen und Heirat handelt, argumentiert sie gegen zeitgenössische Konventionen, insbesondere gegen das Tabu, das es Frauen untersagt, außerhalb des Hauses zu arbeiten und dass der Ehemann für die Finanzen der Familie zuständig sei, auch wenn er dazu gar nicht fähig ist.
Im Jahr 1910 reiste Austin nach Italien, nachdem ihr ein Arzt gesagt hatte, sie würde an Brustkrebs sterben. In Italien studierte sie Gebetstechniken unter der Anleitung eines Geistlichen der römisch-katholischen Kirche. Sie glaubte, ihre Gebete würden den Krebs heilen. Austin setzte ihre Schriftstellerei fort und sie veröffentlichte zwei Werke, die unter dem direkten Einfluss ihrer Italienreise standen: They were Christ in Italy: Being the Adventures of a Maverick among Masterpieces (1912) und The Man Jesus: Being a Brief Account of the Life and Teachings of the Prophet of Nazareth (1915).
Bei ihrer Rückreise in die Vereinigten Staaten machte sie einen Zwischenstopp in London, wo sie feststellte, dass sie mittlerweile eine breitgefächerte Leserschaft hatte, die unter anderem George Bernard Shaw, H. G. Wells und W. B. Yeats einschloss.
Zurück in den USA besuchte sie zuerst New York, wo die Vorbereitungen zu ihrem Drama The Arrow Maker als Bühnenstück im New Theatre liefen. Das Stück, das von einer Paiute-Medizinfrau handelt, wurde im Frühjahr 1911 aufgeführt. Austin schrieb noch ein weiteres Bühnenwerk über die Indianer, Fire, das 1912 in Carmel produziert wurde.
Von 1912 bis 1924 pendelte Austin zwischen der Ost- und Westküste der USA, überwiegend lebte sie in der Zeit jedoch in New York. 1912 veröffentlichte sie einen weiteren Roman, A Woman of Genius, der von vielen Kritikern als ihr bestes Werk bezeichnet wurde. Der Roman, der einige autobiografische Elemente enthält, handelt von einer Frau, die vor der Wahl zwischen Ehe und Karriere steht. Wie in vielen ihrer Frauenromane untersucht Austin auch hier, wie Frauen von Männern unterdrückt werden. Das Buch wurde von der Frauenbewegung in den 1970er Jahren als Frühwerk des Feminismus wiederentdeckt.