Martin Scherber (* 16. Januar 1907 in Nürnberg; † 10. Januar 1974 ebenda) war ein deutscher Komponist. Er entwickelte die von ihm so genannte Metamorphosensinfonik. Durch sein sinfonisches Schaffen führte er die musikalische Sprache der Wiener Klassik und Romantik mit verwandelten und neuen Stilelementen weiter.
Martin Scherber wurde als drittes und jüngstes Kind von Marie und Bernhard Scherber in Nürnberg geboren. Der Vater wirkte als erster Kontrabassist im Orchester des städtischen Opernhauses.
Scherber besaß neben der musikalischen auch eine große technische Begabung. Daher besuchte er die Oberrealschule. Bereits mit etwa fünf Jahren begann er, Gehörtes auf dem Klavier und der Geige nachzuspielen. Er hatte das absolute Gehör, Noten wollte er nicht lernen. Auf die Interventionen seines Vaters hin akzeptierte er sie schließlich als ein Darstellungsmittel für Musik. Eine seiner Stärken lag später in der Klavierimprovisation. Im Alter von dreizehn Jahren schuf er erste Kompositionen. Weiterführenden Klavierunterricht erhielt er beim Nürnberger Opernkapellmeister Karl Winkler und der Pianistin Maria Kahl-Decker. 1922 trat er in Nürnberg erstmals öffentlich als Pianist im Stadtparksaal bei einem Wohltätigkeitskonzert für die Ruhrhilfe und im Jahr danach im Nürnberger Katharinenbau auch mit eigenen Kompositionen auf. Er befasste sich intensiv mit dem Werk von Johann Wolfgang von Goethe, dessen umfassende Weltsicht ihn inspirierte.
Studium und musikalisches Wirken
Ab September 1925 besuchte er mit Stipendien die Staatliche Akademie der Tonkunst in München. Gleichzeitig studierte er Philosophie, vermutlich an der Universität München als Gasthörer bzw. später im Selbststudium. Hier befasste er sich besonders mit Erkenntnistheorie, d. h. der Verständigung des tätigen Bewusstseins mit sich selbst und mit der Untersuchung von dessen Eingliederungsmöglichkeiten in das Weltgeschehen.
Über seinen Goethestudien entdeckte er die Schriften Rudolf Steiners. Dessen Hinweise auf erkenntnistheoretischem und spirituellem Gebiet erprobte er mit der ihm eigenen Selbständigkeit. Er erlebte das als einen Zuwachs eines reinen Wahrnehmungsvermögens und durch die energische Steigerung der Aufmerksamkeitskräfte las die Möglichkeit zu tieferen Einsichten und Betätigungsmöglichkeiten. Unter diesem Doppelaspekt erscheint seine Biografie und sein sinfonisches Werk in einem besonderen Licht, d. h. die spätere freie schöpferische Tätigkeit beim Hervorbringen und Gestalten der Metamorphosensinfonien ist eine direkte Folge der dadurch möglich gewordenen künstlerischen Erkenntniserlebnisse.
Im September 1929 trat er eine Stelle als Korrepetitor in Aussig an der Elbe an und wurde dort nach kurzer Zeit Kapellmeister und Chorleiter. Als sein Vertrag im Mai 1933 auslief, zog er sich aus der Öffentlichkeit zurück und lebte als unabhängiger Musikpädagoge und freischaffender Komponist wieder in seiner Geburtsstadt.
Jahrelange Erfahrungen als Soldat im Zweiten Weltkrieg berührten ihn nachhaltig. Nach seiner Rückkehr im Jahre 1946 begann er wieder als Komponist und Privatmusiklehrer zu arbeiten 1948–1950 fertigte er Klavierauszüge von Anton Bruckners Sinfonien Nr. 3 bis 9 an. Er legte die Bearbeitungen Wilhelm Furtwängler und dem Verlag Schott’s Söhne vor. Sie wurden gleichermaßen als gut und werkkonform beurteilt, jedoch bestand kein Interesse an sinfonischen Klavierfassungen. Die Arbeit an den Sinfonien Bruckners war sicherlich eine wichtige Vorbereitung für die Konzeption und Durchführung der großen Metamorphosensinfonien in den folgenden 1950er Jahren, die als seine Hauptwerke gelten, nachdem er seine erste Metamorphosensinfonie bereits 1937/1938 geschrieben hatte.
Der erst allmählich bekannter werdende Scherber spielte durch seinen selbst gewählten Lebensstil im Musikleben seiner Zeit keine Rolle. Ende der 1960er Jahre plante er, erneut öffentlich aktiv zu werden. Er wollte u. a. konzertieren und dabei über vom Publikum vorgeschlagene Themen improvisieren. Eine zunehmende Unkontrollierbarkeit der rechten Hand und ein schwerer Unfall im Jahre 1970 verhinderten das.
1966 wurde in Krefeld der Bruckner-Kreis von dem Dirigenten Fred Thürmer und Musikfreunden gegründet. Sein Fernziel war, sich um das Werk Martin Scherbers zu kümmern. Scherber selbst beabsichtigte die Metamorphosensinfonien erst nach seinem Tode zu veröffentlichen. Doch Ostern 1970 wurde von verschiedenen Seiten die Idee an ihn herangetragen, sein musikalisches Werk früher zu publizieren. Er stellte sich als Berater zur Verfügung. Die Faksimilepartituren der dritten und ersten Sinfonie erschienen daraufhin als unmittelbare Beiträge zum Nürnberger Albrecht-Dürer-Jahr 1971. Die Drucklegung der F-Moll-Sinfonie folgte zwei Jahre später.
Ende Mai 1970 wurde Scherber während eines Spazierganges von einem Betrunkenen mit dem Auto überfahren und war nach einem achtmonatigen Krankenhausaufenthalt als teilweise Gelähmter jahrelang auf den Rollstuhl angewiesen. Er starb schließlich infolge einer ärztlich nicht erkannten Zuckerkrankheit an Nierenversagen.
Als seine Hauptwerke gelten die Metamorphosensymphonien. Die 1. Sinfonie in d-Moll schrieb er 1937/1938. Die rund vierzehn Jahre nach seinem ersten sinfonischen Versuch geschaffene 2. Sinfonie in f-Moll (1951–1952) und die unmittelbar folgende 3. Sinfonie in h-Moll (1952–1955) können als gewichtigere Fortsetzungen seines mit der d-Moll-Sinfonie begonnen musikalischen Weges angesehen werden. Er schuf auch Instrumentalmusik, Chorwerke, Lieder und Klavierstücke. Hierher gehört das ‚ABC’, ein Klavierzyklus und Versuch, einige Qualitäten deutscher Sprachlaute einzufangen.
Kenner seiner großen Orchesterwerke bemerkten, wie in ihnen etwas Zeitloses und Universelles lebt. Das mag damit zusammenhängen, dass Scherber zwar an der Akademie die gängigen Kompositionstechniken kennenlernte, später die aktuellen Methoden von Arnold Schönberg und Schülern, sowie von Igor Strawinski, Béla Bartók, Paul Hindemith u. a., und auch später die nach dem Zweiten Weltkrieg bei der Avantgarde herrschend werdenden technischen Medien als substanzielle Basis neuen Komponierens sich verdeutlichte – sich jedoch durch die zunehmende Aufklärung seiner Jugenderlebnisse andersartiges Können und damit innerlichere Wege, Musik hervorzubringen, eröffnete. Er wendete seine technischen Fähigkeiten nach innen, d. h. die an der Außenwelt zu erwerbenden sachlich-nüchternen Handhabungen wurden für seelische und geistige Innenerfahrungen fruchtbar gemacht.
Diese Umwendung befähigte ihn, sich in die heute weitgehend verlorenen und daher unbekannten Ursprungsbereiche der Musik, in welche noch die großen Klassiker bei ihren schöpferischen Tätigkeiten mit dem 'inneren Ohr' und mit immer größerer Bewusstheit vorzudringen versuchten, einzuleben. Zu deren Charakteristikum gehört die Ausweitung des individuellen Bewusstseins ins Universelle. Er nannte das ‚Über-Kreuz-Erleben‘, weil man dabei je nach Einstellung den Außen- und Innenweltgesichtspunkt einnehmen und sich gegenseitig beleuchten lernt. Scherber ging es nicht um die Beseitigung naturwissenschaftlich-technischer Entwicklungen, sondern um die Anregung, ihnen über die geisteswissenschaftliche Arbeitsmethode Seele und Geist, also Menschlichkeit einzuhauchen.
Seine entscheidende Entdeckung dabei war: Die wohlgeleitete meditative Verinnerlichung führe zu den schöpferischen Kräften, welche u. a. die äußere wahrnehmbare Welt hervorbrächten. So errang er sich allmählich einen inneren Keimboden für die immer deutlicher von ihm zu erlebenden musikalischen und geistigen Inhalte. Das frühere träumerische, also halb-bewusste Leben in einer "Musikhülle" und das Empfinden, "hinter die Wände" zu treten, klärten sich dadurch auf. Auch sein Rückzug aus der Öffentlichkeit kann u. a. verständlich werden, dass er, bei der Fremdartigkeit seiner Einsichten für das populäre Bewusstsein, in dauernde Auseinandersetzungen hineingezogen worden wäre.
Die musikalischen Träger für seine Orchesterwerke werden das alles zentrierende Thema, die sich aus ihm durch die gesamte Sinfonie fein webenden, polyphonen Metamorphosen, die strengen Rhythmen und die daraus aufsteigenden dissonierenden und konsonierenden Harmonien. Da es sich hier, nach Scherber, um die künstlerische Verarbeitung des im Quellgebiet der Musik Erlebten handelt, hat der Tonsetzer dafür zu sorgen, dass ein adäquater, vom Ganzen her durchwirkter, raum-zeitlich wahrnehmbarer musikalischer Organismus entstehen kann. Dieser wird zur tönenden Botschaft eines differenzierten, tatsächlich innerlich erfahrenen Kosmos. Daher rührt die von ihm eingesetzte Autorenformel "Sinfonie durch" nicht "Sinfonie von".