Martin Ralph Dean (* 17. Juli 1955 in Menziken) ist ein Schweizer Schriftsteller und Essayist
Martin R. Dean wuchs in Menziken im Kanton Aargau auf. Seine Mutter war Schweizerin, sein Vater stammte aus Trinidad und Tobago. Er besuchte die Alte Kantonsschule Aarau und studierte anschliessend an der Universität Basel Germanistik, Philosophie und Ethnologie. 1986 schloss er sein Studium mit einer Lizentiatsarbeit über Hans Henny Jahnns Roman Perrudja ab. Er hielt sich längere Zeit in Italien am Istituto Svizzero di Roma und in Frankreich auf. 1992 war er Stadtbeobachter in Zug. Von 1992 bis 2020 unterrichtete er im Teilzeitpensum Deutsch am Gymnasium in Muttenz bei Basel. Neben seiner schriftstellerischen Arbeit ist er auch als Kolumnist und Essayist u. a. für die Neue Zürcher Zeitung, die Frankfurter Allgemeine Zeitung, WOZ Die Wochenzeitung und die Aargauer Zeitung tätig. Dean lebt seit 1976 in Basel und ist seit 1995 mit der Kulturwissenschaftlerin Silvia Henke verheiratet, mit der er eine Tochter hat. 2009 und 2020 erhielt er ein sechsmonatiges Atelierstipendium der Landis+Gyr Stiftung in London.
Die erste Veröffentlichung Deans, der 1982 im Carl Hanser Verlag erschienene Roman Die verborgenen Gärten, wurde von der Presse als «Überraschungscoup» beschrieben. Schauplatz der Handlung ist eine alte, von einem labyrinthischen Garten umgebene Villa in Südfrankreich. In ihr verbringt der junge Manuel Kornell auf Einladung des sechzigjährigen, exzentrischen Millionärs Leo Brosamer ein Jahr als «Gardien». Als Gegenleistung verlangt Brosamer einen detaillierten Bericht über seinen Aufenthalt. Der Roman erzählt gleichzeitig eine Geschichte des Gartenbaus, während die Figuren in den Echoraum antiker Mythologien ausgreifen.
Fünf lose miteinander verknüpfte Erzählungen entwerfen im 1984 erschienenen Werk Die Gefiederte Frau eine surreale Wirklichkeit. Ein Mann gerät im Zoologischen Garten in den Bann einer Frau, die zur «Geburtshelferin seiner Phantasie» wird. Doch in Wahrheit sind ihre verlockenden Gesten für einen Film gedacht, sind nichts anderes als einstudierte Reize, mit denen sie den Mann täuscht und enttäuscht. So entfalten alle Erzählungen ein Spiel der Obsessionen. Seine Geschichten zeugen von Bildphantasie und Fabulierlust.
Der 1988 veröffentlichte Roman Der Mann ohne Licht spielt mit Anleihen des Kriminalromans. Im Zentrum steht der verstummte Schriftsteller Eugen Loder, der vom dreißigjährigen Journalisten Mario Dill für ein Interview aufgesucht wird. Nach seiner Abreise kommt Loder bei einem Feuer in seinem Haus um. Im nachgelassenen Manuskript, schlüpft Loder in die Rolle von Samuel Insull. «In ‹Der Mann ohne Licht› geht es um die materiellen Konsequenzen eines aufklärerischen Denkens, das zur technisch-instrumentellen Vernunft verkommen konnte.»
Im autobiographischen Journal Ausser mir löst Dean das Narrativ des Romans weiter ins Essayistische, auf. Die einzelnen Kapitel des 1990 erschienenen Werks versammeln surrealistisch verrätselte Alltagsbeobachtungen über die Gesellschaft, sowie die Ästhetik des Schreibens und eine Spurensuche in die Karibik. «Denn das einzig noch mögliche Einende all dieser notierten Fragmente ist das Ich (des Schreibenden) – aber eben dies erweist sich immer wieder als das Fragwürdigste überhaupt.»
Im 1994 erschienenen Roman Der Guayanaknoten spaltet sich der Ich-Erzähler in Ralf und Daniel auf. Ralf lebt zurückgezogen in einer Basler Mansarde und schreibt an einem systematischen Grundlagenwerk über Knoten. Diese Geschichten drehen sich um seine multikulturelle Biographie und zeigen ihn als Kind einer Mutter mit norddeutschen Vorfahren und eines aus Trinidad stammenden Vaters. Daniel ist ein nomadisierender, den erotischen Erlebnissen zugewandter Entfesselungskünstler, der auf seinen Reisen durch Italien mit seiner Geliebten widmet. Zuletzt treibt ihn seine Ich-Suche auf die «Vaterinsel» Trinidad.
Die Ballade von Billie und Joe, 1997 veröffentlicht, ist ein Liebesroman und zugleich ein Roman über das Kino, überlebensgrosse Gefühle und den Wunsch, die Leidenschaft in die Ewigkeit zu retten. Wie Filmsequenzen folgen die Erlebnismomente des Paares – der Mathematikstudentin Billie und des Italoschweizers Joe – aufeinander, wobei die Innen- und Aussensicht der Figuren changieren. Indem das Paar seine erotischen Ausbruchphantasien auslebt, jagt es einer unerfüllbaren Sehnsucht nach einer immerwährenden Liebesintensität hinterher. Auf einer wilden Roadmovie-Fahr durch Italien lernen sie den Filmproduzenten Morelli kennen, der ihnen die Wiedergeburt ihrer Liebe und Leidenschaft im und als Film anbietet. Während Barbara Sichtermann der filmischen Erzählweise eine besondere «poetische Energie» attestiert, beschreibt Peter Henning den Roman als «ambitioniert missraten». Wolfram Schütte dagegen lobt den Roman als gelungene Verbindung von Literatur und Kino.
Als ein Buch des Übergangs und der Verwandlung präsentiert sich Monsieur Fume oder das Glück der Vergesslichkeit, erschienen 1998. Fume ist ein melancholischer Familienmensch, der, im Gegensatz zu den Figuren in Deans vorherigen Büchern, die Flucht in den Alltag antritt. Er ist Wolkenbeobachter, notiert das Flüchtige im Alltag, schreibt fiktive Briefe an Adressaten in aller Welt, die er nie absendet.
Selbstfindung im Zeichen des Realismus
Mit dem Roman Meine Väter tritt Dean 2003 in seine dritte, realistische Schaffensphase. Der vierzigjährige Basler Dramaturg Robert ist mit zwei Vätern aufgewachsen; sein leiblicher Vater Ray wie auch sein Stiefvater stammen beide aus Trinidad. Ersterer aber wurde in der Familie totgeschwiegen. Um seine «Vaterlücke» zu schliessen, bricht Robert nach London auf. Er findet seinen Vater Ray nach einem Hirnschlag halbseitig gelähmt und stumm in einem Pflegeheim. Damit beginnt Roberts Suche nach seiner indischstämmigen Verwandtschaft in London wie auch in Trinidad, die ihn zurück in die koloniale Vergangenheit führt. Doch ereilt ihn ausgerechnet am Vorabend des örtlichen Karnevals eine Lebensmittelvergiftung, die ihn ins Spital bringt. Pia Reinacher hat den Roman als «gewaltiges literarisches Projekt über Vatersuche und Vatermord, Identitätsverlust und Identitätskonstruktion durch den diffusen Schatten des Vaters» bezeichnet. Hartmut Buchholz sieht die Stärken des Romans in seiner «subtilen Komik» und vor allem im «Atmosphärischen»; Schwächen sieht er dagegen in der Konturierung der Figuren, der Dialogführung und den szenischen Zuspitzungen.
Selbstfindung steht auch im Mittelpunkt des 2011 veröffentlichten Romans Ein Koffer voller Wünsche. Filip Shiva Bellinger, Sohn einer Schweizer Arbeitertochter und eines indischen Gurus, soll sich mit Maia, einer Frau aus gut schweizerischem Haus vermählen. Um seinem Zögern Raum zu geben, reist er nach London, wo er als Angestellter eines Reisebüros Reisen in die Schweiz verkauft. Dieser Job öffnet ihm die Erinnerung an die Engstirnigkeit und den Rassismus, den er als gemischtethnischer Junge in seiner Heimat erfahren hat. Ausdruck seiner instabilen Identität ist Filips Flunkerei; als «unzuverlässiger Erzähler» hat er immerzu das Bedürfnis, die Wirklichkeit mit seiner Kreativität verschönern zu müssen. Roman Bucheli findet den Roman angesiedelt auf dem «schmalen Grat zwischen Pathos und Parodie.» «Die Stärke [...] ist seine intelligente Unterhaltsamkeit – eine gewisse Schwäche liegt in deren ungleicher Verteilung. Denn erst in der zweiten Romanhälfte schwingt sich das altbekannte Motiv der Schweizflucht zur wahren und verrückten Komödie auf.»
Lucas Brenner im 2014 erschienenen Roman Das falsche Quartett ist ein leidenschaftlicher Lehrer. Besonders bemüht er sich um Nadia. Sein pädagogischer Eros aber wird von seiner Frau Lisa missdeutet. Deniz, der türkischstämmige Mitschüler von Nadia verliebt sich ebenfalls in sie. Schliesslich begeht Nadia einen Suizidversuch und wird in eine Klinik eingewiesen. Mit der (Klassen-)Lektüre von Goethes Werther und anderen Büchern will Brenner sie zu einer Reflexion über den Selbstmord führen. Als sie sich dennoch vor einen Zug wirft und stirbt, hängt er seinen Job an den Nagel und zieht sich in eine Berghütte im Kanton Tessin zurück. Der Roman ist «eine luzide Studie über Adoleszenz, jene biografische Etappe, in der die Nicht-mehr-Kinder und Noch-nicht-Erwachsenen um Identität und Selbstvergewisserung ringen – und mit ihren Dämonen kämpfen, nicht zuletzt mit dem Dämon erwachender Sexualität.»