Martin Bucer, eigentlich Martin Butzer oder latinisiert Bucerus (* 11. November 1491 in Schlettstadt; † 1. März 1551 in Cambridge), gilt als der Reformator Straßburgs. Er war anfangs ein theologischer Schüler Martin Luthers, stand aber später Huldrych Zwingli und Johannes Oekolampad näher, mit denen er zusammen zu den Begründern der evangelisch-reformierten Theologie gehört. Johannes Calvin wurde während seiner Verbannung aus Genf von Bucer nach Straßburg eingeladen und übernahm von diesem wesentliche Impulse für den späteren Aufbau der Genfer Kirche.
Durch Bucer strahlte die städtische Reformation, wie sie für Straßburg kennzeichnend war, zeitweise auf den gesamten Protestantismus aus. Bucer versuchte, auch aus politischen Gründen, zwischen Lutheranern und Reformierten zu vermitteln.
Der Reformator schrieb seinen Nachnamen in den deutschen Werken zunächst Butzer, in den lateinischen Bucerus. In späteren deutschen Schriften gebrauchte er die dem Lateinischen angenäherte Schreibweise Bucer. Diese Namensform ist in der englischen und französischen Literatur üblich und wurde dann auch im deutschsprachigen Raum übernommen.
Martin Bucers Geburtsjahr 1491 ist in den Quellen nicht genannt, lässt sich aber aufgrund des Klostereintritts mit 15 Jahren errechnen. Der Junge wurde an seinem Geburtstag getauft und erhielt den Namen des Tagesheiligen Martin von Tours. Er verbrachte seine Kindheit „in ärmlichen Verhältnissen“ in Schlettstadt (heute Sélestat) im Elsass, einer Freien Stadt des Heiligen Römischen Reichs. Sein 1540 verstorbener Vater Claus Butzer und sein gleichnamiger Großvater waren Küfer, seine Mutter Eva Butzer soll Hebamme gewesen sein. Über Geschwister ist nichts bekannt. Um 1501 verließen die Eltern Schlettstadt, um nach Straßburg zu ziehen. Ihr Sohn blieb beim Großvater väterlicherseits. Dass der Junge die berühmte Lateinschule Schlettstadt besuchte, ist nicht bezeugt, aber naheliegend. Claus und Eva Butzer wurden am 5. Dezember 1508 Bürger der Freien Reichsstadt.
Vierzehn Jahre als Dominikaner
Auf ausdrücklichen Wunsch seines Großvaters trat Bucer mit fünfzehn Jahren in das Dominikanerkloster zu Schlettstadt ein. Bucer schrieb rückblickend, der Großvater habe das Kloster nur als Versorgungsanstalt gesehen und sei außerdem von den Brüdern überredet worden. Die eigene Motivation des Jugendlichen ist unbekannt, doch war das Kloster für ihn offenbar ein Ort, wo er sich ganz seinen Studien widmen konnte. 1507 legte er die Profess ab und wurde wahrscheinlich bei Erreichen des kanonischen Alters von 25 Jahren 1516 in Mainz zum Priester geweiht.
Der Orden schickte Bucer zum Studium generale an die Universität Heidelberg, wo er sich am 31. Januar 1517 immatrikulierte. Hier erwarb er den Grad des Magister artium und des Bakkalaureus biblicus. In seiner Heidelberger Studienzeit nahm er Griechischunterricht bei Johannes Brenz. Seine Zeit im Orden prägte Bucer dadurch, dass er eine gründliche Kenntnis Thomas von Aquins erwarb. Außerdem wurde Bucer stark durch den Humanismus beeinflusst, besonders durch Erasmus von Rotterdam.
Am 26. April 1518 war der junge Dominikaner Bucer Zuhörer der Heidelberger Disputation und hatte am folgenden Tag bei einem Tischgespräch Gelegenheit, Martin Luther persönlich näher kennenzulernen. Bucer verfasste einen auf den 1. Mai 1518 datierten Brief an den Humanisten Beatus Rhenanus, für den er seine private Mitschrift der Disputation nutzte. Dieser Brief Bucers stellt die wichtigste Quelle zu diesem Ereignis dar. Begeistert schrieb Bucer seinem Briefpartner, Luther stimme mit Erasmus ja vollständig überein und drücke sich nur klarer aus. Nach Thomas Kaufmann waren dies Eindrücke des Tischgesprächs, bei dem Bucer den Wittenberger Gast nach seiner Meinung zu Erasmus fragte.
Durch Lektüre der Schriften Luthers wurde Bucer zu einem Anhänger der Reformation und strebte seine Entlassung aus dem Dominikanerorden an. Im Dezember 1520 hielt er sich beim Speyerer Domherrn Maternus Hatten auf, der für ihn einen Antrag auf Befreiung von den Ordensgelübden an die Kurie richtete. Ein wichtiges Argument war hierbei, dass Bucer noch sehr jung gewesen und dem Wunsch des Großvaters gefolgt war, als er in den Orden eintrat. Die Kurie überwies das Gesuch zurück an den Bischof von Speyer Georg von der Pfalz, der wiederum den Weihbischof Antonius Engelbrecht damit beauftragte. Bucer wurde am 21. April 1521 von den Ordensgelübden befreit und hatte seitdem den Stand eines (weiterhin zum Zölibat verpflichteten) Weltpriesters. Während das Verfahren lief, fand Bucer auf der Ebernburg bei Franz von Sickingen Zuflucht. Er wirkte dort als Schreiber für Ulrich von Hutten.
Weltpriester in Landstuhl und Weißenburg
Ab Mai 1521 arbeitete er für Pfalzgraf Friedrich II. als Kaplan und begleitete ihn rund ein Jahr, dann bat er um seine Entlassung. Das Hofleben entsprach nicht seinen Neigungen. Franz von Sickingen gab ihm 1522 eine Pfarrstelle in Landstuhl. Hier heiratete er die ehemalige Benediktinerin Elisabeth Silbereisen und gehörte damit zu den ersten Priestern, die den Schritt in die Ehe wagten. Sickingen schlug Bucer vor, auf seine Kosten in Wittenberg zu studieren. Bucer wollte vor dem Umzug nach Wittenberg erst seine Frau zu den eigenen Eltern nach Straßburg bringen. Wegen des Ritteraufstands (Trierer Fehde) gelangten die beiden nur bis Weißenburg im Elsass. Dort unterstützte Brenz den Ortspfarrer Heinrich Moterer bei der Einführung der Reformation. Im Winter 1522/23 predigte er täglich und wurde deswegen vom Speyrer Bischof Georg von der Pfalz exkommuniziert, 1523 auch von Papst Hadrian VI. gebannt. Das Scheitern des Ritteraufstands im April/Mai 1523 hatte Auswirkungen auf Weißenburg; der Rat forderte Moterer und Bucer auf, die Stadt zu verlassen. Sie gingen nach Straßburg.
Martin Bucer fand Aufnahme in der Reichsstadt Straßburg, weil sein Vater dort das Bürgerrecht besaß. Er selbst erwarb das Straßburger Bürgerrecht am 22. September 1524.
In der Schrift Das ym selbs niemant, sonder anderen leben soll (1523) entwarf Bucer ein theologisches Programm: Auf reformatorischer Grundlage (sola scriptura, solus Christus, sola fide) soll jeder einzelne Christ nach der Heiligung seines Lebens streben – und ebenso die Gemeinde als ganze. Es dauerte aber noch Jahre, bis der Neuankömmling unter den in Straßburg eingesessenen Theologen eine führende Position erlangte.
Bucer wurde häufig angefragt, Vorträge über das Neue Testament zu halten, konnte das aber als Exkommunizierter zunächst nur in einem privaten Rahmen tun. Im Haus des Münsterpfarrers Matthäus Zell hielt er lateinische Vorträge über die Pastoralbriefe. Im August predigte Bucer in Vertretung Zells im Straßburger Münster. Ende 1523 ernannte ihn der Stadtrat zum Ausleger des Neuen Testaments und bezahlte ihm ein Gehalt. Seine Vorlesung im Winter 1523/24, bei der er im Münster den Kolosserbrief kommentierte, fand großes Interesse. Ein Ratsbeschluss vom 1. Dezember 1523, dass „nur das reine Evangelium verkündigt werden“ durfte, ermöglichte Bucer diese Tätigkeit.
In der Vorstadtgemeinde Ste-Aurélie wählte ihn die Bevölkerung im April 1524 zum Pfarrer, was für Bucers Popularität spricht. Sieben Jahre hatte Bucer diese Pfarrstelle inne und wechselte 1531 an die Thomaskirche. Neben den Aufgaben eines Gemeindepfarrers hatte er aber in diesen Jahren vielfältige andere Verpflichtungen.
Abendmahlsstreit: Bucer zwischen Luther und Zwingli
Im Abendmahlsstreit war Bucer zunächst ganz von der Theologie Luthers geprägt. Ab Herbst 1524 lässt sich Bucers Entfernung von Luthers Abendmahlslehre mit ihrer charakteristischen Konzentration auf das Verheißungswort beobachten. In diesem publizistisch geführten Streit von oberdeutsch-schweizerischen Theologen gegen die von der Wittenberger Reformation hochgehaltene Lehre der Realpräsenz Christi in Brot und Wein war Bucer stark involviert. Eine friedliche Mittelposition zwischen Zürich und Wittenberg wurde von Bucer nach Einschätzung von Thomas Kaufmann nur vorgetäuscht. Tatsächlich polemisierte Bucer in pseudonymen Flugschriften gegen Luthers Abendmahlslehre. Ein Beispiel ist der von Bucer redaktionell bearbeitete Hoenbrief. Bucer übersetzte Luthers und Bugenhagens lateinische Schriften ins Deutsche und nutzte die Gelegenheit, um darin Aussagen zum Abendmahl in seinem Sinn zu ändern. Bucer war 1529 beim Marburger Religionsgespräch anwesend, bei dem Luther und Zwingli persönlich aufeinander trafen und ein Konsens scheiterte.