Martha Goldberg, geborene Sussmann (* 4. August 1873 in Schwerin; † 10. November 1938 in Burgdamm), war eine deutsche sozial engagierte Frau sowie eines der fünf jüdischen Opfer, die in der Reichspogromnacht in Bremen und in zwei nördlich davon gelegenen Umlandgemeinden von den Nationalsozialisten ermordet wurden. Sie war die Ehefrau des in Burgdamm praktizierenden jüdischen Arztes Adolph Goldberg und genoss durch ihr soziales Handeln hohes Ansehen. Mehr als vier Jahrzehnte lang unterstützte sie auf vielfältige Weise bedürftige Mitbürger, insbesondere aus dem Kreis der Patienten ihres Mannes und deren Familien. Sie wurde zusammen mit ihrem Mann von einem SA-Angehörigen getötet.
Während die Umstände ihrer Ermordung und die strafrechtliche Behandlung während der Zeit des Nationalsozialismus und der Nachkriegszeit durch erhaltene Prozessakten dokumentiert sind, begann eine Aufarbeitung ihres persönlichen Schicksals erst in den 1980er-Jahren. Zum Gedenken an die Ermordeten wurden in Bremen unter anderem ein öffentlicher Platz nach dem Ehepaar Goldberg und ein Kindertagesheim nach Martha Goldberg benannt.
Martha Sussmann war die Tochter des wohlhabenden Kaufmanns Adolph Sussmann und seiner Ehefrau Bertha Sussmann, geborene Ahrens. Sie heiratete 1895 in Schwerin den in Soltau geborenen Arzt Adolph Goldberg (auch Adolf Goldberg; 1860–1938) und zog zu ihm in die Gemeinde Lesum (seit 1939 zu Bremen gehörig). Ihr Mann betrieb im dortigen Ortsteil Burgdamm seit 1888 eine Arztpraxis, in der Martha Goldberg fortan als Sprechstundenhilfe, Sekretärin und Buchhalterin mitarbeitete.
Das Ehepaar Goldberg unterstützte seit der Jahrhundertwende in persönlicher Initiative und aus eigenen Mitteln Menschen in seiner Umgebung, die in soziale Not geraten waren. Martha Goldberg galt als eine „außerordentlich aufgeschlossene, aktive, grosszügige und soziale Frau“. So begleitete sie ihren Mann, der auch als erfahrener Geburtshelfer bekannt war, oft bei Krankenbesuchen und kümmerte sich um eine Besserung der Lebensumstände von bedürftigen Patienten. Unter anderem versorgte sie diese teils auch mit warmen Speisen, die in ihrem Haushalt zubereitet wurden, wobei später die Tochter Käthe als junge Erwachsene mitwirkte. Durch ihr soziales Engagement trug sie wesentlich zum Erfolg ihres Mannes als Arzt bei. Das Ehepaar Goldberg genoss „außergewöhnlich hohes Ansehen“, und beide gehörten zu den Honoratioren der Region Burg-Lesum, wo sie voll in das gesellschaftliche Leben integriert waren.
Ihrer patriotischen Gesinnung folgend, unterschrieb Martha Goldberg während des Ersten Weltkriegs die Spendenaufrufe des Flottenbundes Deutscher Frauen für Vegesack und Kreis Blumenthal. Gegen Kriegsende und im Nachkriegsjahr 1919 beteiligte sie sich an einer Hilfsinitiative des Vaterländischen Frauenvereins, bei der Nahrungsmittel verteilt wurden, vorwiegend an unterernährte Kinder.
Im damaligen Lesum war Armut weit verbreitet, besonders in kinderreichen Familien. Hauptarbeitgeber war die 1872/73 gegründete Bremer Woll-Wäscherei gegenüber dem Bahnhof Burg, die 1926 von der Bremer Woll-Kämmerei aufgekauft und 1927 stillgelegt wurde. In der von Massenarbeitslosigkeit geprägten Zeit gegen Ende der Weimarer Republik ab 1929, in der ihr Mann vollends als „Armenarzt“ bekannt wurde, nahm Martha Goldberg ihre „private Sozialfürsorge“ und ihre „Suppenküche“ wieder auf.
Martha und Adolph Goldberg hatten drei Kinder, die Ende der 1890er-Jahre zur Welt kamen, die erstgeborene Tochter Gertrud sowie die einige Jahre jüngeren Zwillinge Käthe und Kurt. Die Geschwister verlebten in Burgdamm eine unbeschwerte Kindheit und Jugend. Die Arztfamilie gehörte zur wohlhabenden bürgerlichen Gesellschaftsschicht. Sie unterhielt vielfältige gesellschaftliche Kontakte und unternahm viele Reisen. Das Ehepaar beschäftigte Hausangestellte wie Haus- und Kindermädchen, und die Kinder erhielten Hausunterricht.
Wie im gesamten Deutschen Reich wurden die Juden während der Zeit des Nationalsozialismus auch in Bremen und den Nachbargemeinden diskriminiert und verfolgt. So geriet das Ehepaar Martha und Adolph Goldberg nach der Machtübernahme durch die NSDAP im Jahr 1933 und nach den Nürnberger Rassengesetzen von 1935 in eine zunehmende und am Ende völlige Isolation innerhalb ihres Wohn- und sozialen Umfeldes. Bereits ab 1934 ging die Zahl der Patienten spürbar zurück, wobei allerdings auch Altersgründe eine Rolle spielten. 1938 verlor Adolph Goldberg gemäß der „Vierten Verordnung zum Reichsbürgergesetz“ seine ärztliche Approbation und musste seine Arztpraxis schließen. Das Ehepaar Goldberg mied von sich aus den Kontakt zu Freunden und Bekannten, damit diese sich nicht „missliebig“ oder „strafbar“ machten.
Zudem veränderte sich unter der Judendiskriminierung und -verfolgung ihre familiäre Situation radikal. Der Sohn Kurt starb durch Suizid. Die ältere Tochter Gertrud wanderte mit ihrem Mann, dem aus Nienburg/Weser stammenden Textilkaufmann Hans Friedheim, nach Montevideo in Uruguay aus, und die Tochter Käthe, die, vom Elternhaus beeinflusst, den Beruf einer Krankenschwester ergriffen hatte, emigrierte im Herbst 1937 nach Südafrika.
In Bremen gab es, wie im gesamten Deutschen Reich, zahlreiche nationalsozialistische Organisationen. Gewalttaten gingen anfangs vor allem von der Sturmabteilung (SA) aus. Die Bremer SA unterstand der SA-Gruppe Nordsee, die ihren Sitz ursprünglich in Hannover und seit 1933 in Bremen an verschiedenen Standorten hatte, zuletzt in der Hollerallee 75 (heute Forum Kirche der Bremischen Evangelischen Kirche). Geführt wurde die SA-Gruppe Nordsee (mit 26 SA-Standarten und dementsprechend tausenden von SA-Männern in 18 Städten Norddeutschlands) seit 1935 von Heinrich Böhmcker, der zugleich Bremer Bürgermeister war. Böhmcker nahm am Abend des 9. November 1938 an einem Münchener Treffen von SA-Führern teil. Hier gaben Hitler und sein Propagandaminister Goebbels den Anstoß zu einer deutschlandweiten Terroraktion gegen Juden, der so genannten „Reichspogromnacht“, die bislang meist mit dem inzwischen zunehmend problematisierten Begriff „Reichskristallnacht“ bezeichnet wurde.
Nach einer Hetzrede von Goebbels erteilten die anwesenden Gauleiter und SA-Führer ihren örtlichen Dienststellen entsprechende Befehle. So telefonierte auch Böhmcker mit seinem Stabsbüro in Bremen: Synagogen sollten in Brand gesteckt und Geschäfte jüdischer Inhaber zerstört werden. Und wörtlich: Sämtliche Juden sind zu entwaffnen. Bei Widerstand sofort über den Haufen schießen. Daraufhin wurden noch in der Nacht in der Bremer Neustadt die Fahrradhändlerin Selma Zwienicki und der Kaufmann Heinrich Rosenblum ermordet.
Der Terrorbefehl wurde von Bremen aus nach Geestemünde weitergeleitet, dem „Dienstsitz“ der Standarte 411-Wesermünde und von dort durch Walter Seggermann in verschärfter Form an die Befehlshaber der Lesumer Gliederungen der Standarte, Ernst Röschmann (SA-Sturmbannführer) und Fritz Köster (SA-Sturmhauptführer) weitergegeben: „Großalarm der SA in ganz Deutschland. […] Wenn der Abend kommt, darf es keine Juden mehr in Deutschland geben. Auch Judengeschäfte sind zu vernichten.“ Köster, der zugleich Lesumer Bürgermeister war, reagierte überrascht: „Was soll denn tatsächlich mit den Juden geschehen? – Vernichten!“ Röschmann vergewisserte sich durch einen Anruf bei der SA-Gruppe „Nordsee“ in Bremen, wobei ihm die „Nacht der langen Messer“ bestätigt wurde.
Fritz Köster erteilte daraufhin die Befehle zur Erschießung des Arztehepaars Adolph und Martha Goldberg in Burgdamm und des Monteurs Leopold Sinasohn in der benachbarten Landgemeinde Platjenwerbe, die heute zu Ritterhude gehört. Alle drei wurden noch in der Nacht zum 10. November 1938 ermordet. Das Ehepaar Goldberg wurde von dem ihnen unbekannten SA-Scharführer August Frühling „am Morgen des 10. November 1938 um fünf Uhr aus dem Schlaf gerissen“ und „im Wohnzimmer erschossen“. Frühling gehörte zur Lesumer SA-Einheit „Reservesturm 29/411“ unter dem Kommando des SA-Obersturmführers Friedrich Jahns, der bei der Tötung des Ehepaars Goldberg Beihilfe leistete.