Marlene Streeruwitz (* 28. Juni 1950 in Baden bei Wien) ist eine österreichische Schriftstellerin.
Streeruwitz wuchs in Baden bei Wien als Tochter von Maria und Viktor Wallner (Schuldirektor und ÖVP-Politiker) auf. Sie studierte nach einem abgebrochenen Jusstudium Slawistik und Kunstgeschichte in Wien. Sie lebt in Wien; bis zu Beginn der Coronakrise lebte sie auch in London und in New York.
Streeruwitz schreibt Romane, Theaterstücke, Novellen und theoretische Schriften. Gemäß Oliver Lubrich, Professor für Komparatistik an der Universität Bern, ist Streeruwitz „eine der wichtigsten feministischen, politischen Stimmen der österreichischen Literatur“.
Ab 1986 trat sie mit literarischen Veröffentlichungen und als Verfasserin von Hörspielen in Erscheinung. Ihre Theaterstücke wurden seit Anfang der 1990er Jahre an deutschsprachigen Bühnen uraufgeführt. 1996 erschien ihr erster Roman, Verführungen. 3. Folge. Frauenjahre, für den sie unter anderem mit dem Mara-Cassens-Preis ausgezeichnet wurde.
Im Oktober 2020 kam Marlene Streeruwitz' Roman So ist die Welt geworden über die COVID-19-Pandemie in Buchform heraus. Er war zuvor von März bis Juni 2020 in wöchentlichen Fortsetzungen auf ihrer Website erschienen. Die Pandemie bezeichnete Streeruwitz als Wendepunkt in ihrem Schaffen: „Alles, was ich bisher gemacht habe, ist hinfällig. Ich muss ganz neu anfangen.“ Die Isolation in der Pandemie habe sie in eine persönliche Krise gestürzt, gegen die ihr das Schreiben geholfen habe, resümierte sie im Dezember 2020.
Im Roman Auflösungen. New York von 2025 schreibt sie mit der Geschichte von Nina, einer Wiener Lyrikerin in New York, einen "gnadenlosen Abgesang auf die Verführungen der Metropole".
Im Jahr 2021 erwarb die Österreichische Nationalbibliothek (ÖNB) den Vorlass von Marlene Streeruwitz, bestehend aus rund 120 Archivboxen mit dem gesamten bisherigen schriftstellerischen und publizistischen Schaffen der Autorin.
Streeruwitz hat ihre Arbeitsweise vor allem in ihren Tübinger und Frankfurter Poetik-Vorlesungen umrissen, mischt sich aber auch immer wieder in Essays, die sie gedruckt oder auch auf ihrer Website veröffentlicht, in tagesaktuelle Diskussionen ein und markiert dort nicht nur politische, sondern auch ästhetische Standpunkte. Ihre Werke sind unter anderem von Roland Barthes und Theodor W. Adorno beeinflusst. Häufig spielen Figurennamen (Helene, Margarethe, Madelaine) auf ihren eigenen an.
Laut eigener Aussage war ihr literarisches Schlüsselerlebnis die Lektüre von William Faulkners Roman Schall und Wahn, einem wichtigen Werk der amerikanischen Moderne. Streeruwitz hat sich dazu bekannt, Österreichisch und nicht Deutsch zu schreiben und als Beispiele für die unterschiedliche Grammatik die Benutzung von Adverbien sowie die Konjunktivbildung angeführt. Fehler in der Verwendung des Konjunktivs II wurden ihr in Kritiken immer wieder vorgeworfen.
Auf die Frage, ob, wer Fragen stelle, damit rechnen müsse, aus der Gesellschaft ausgeschlossen zu werden, antwortet Streeruwitz in einem 2014 veröffentlichten Gespräch, dass es ihr darum gehe, mittels Literatur „diese 10 %, diese Fragen- und Denkbereiten, zu erreichen“, denn mit diesen „feinsinnigen Fragestellern“ wolle sie „ins Gespräch kommen“. Die Wichtigkeit des Fragestellens oder einer Literatur, die infrage stellt, werde allerdings von der österreichischen „Hochkultur“ nicht anerkannt.
Die feministisch orientierte Streeruwitz gilt als eine der politisch engagiertesten deutschsprachigen Gegenwartsautorinnen. Sie kommentierte die politischen Ereignisse in Österreich (ÖVP/FPÖ-Koalition) im Jahr 2000. Im März 2004 nahm sie den Badener Kulturpreis nicht an, da die Festansprache von der damaligen Außenministerin Benita Ferrero-Waldner (ÖVP) gehalten werden sollte, die sich zu diesem Zeitpunkt im Wahlkampf um das Amt des Bundespräsidenten befand, für den Streeruwitz sich nicht vereinnahmen lassen wollte. In einem Interview mit der Berliner Wochenzeitung Jungle World sagte sie dazu, sie "habe starke Vorbehalte gegen die Außenministerin in ihrer Amtsfunktion. Ich erinnere an Genua, wo sie sich über die Künstler und Künstlerinnen der österreichischen Volxtheaterkarawane verächtlich und denunziatorisch geäußert hat."
Im November 2006 wehrte sich Streeruwitz juristisch gegen die Inszenierung des Stückes von Elfriede Jelinek Ulrike Maria Stuart im Hamburger Thalia Theater. In einer Szene der Inszenierung von Nicolas Stemann treten die Schauspielerinnen Susanne Wolff und Judith Rosmair in Vulva-Kostümen auf und sollen als Streeruwitz und Jelinek identifiziert werden. In einem Interview mit dem Spiegel kritisierte Streeruwitz, dass das Theater das Stück weiterhin in ungeänderter Form zur Aufführung bringe: „Ich will als handelndes und denkendes Subjekt nicht auf ein sprechendes Geschlechtsorgan reduziert werden“.
Streeruwitz warf der österreichischen Bundesregierung im Juni 2020 „Angstmache“ vor und warnte vor einem „Hygiene-Staat“. Am 2. Januar 2021 verglich sie im Standard die Maßnahmen mit den Nürnberger Rassengesetzen. Über die Corona-Massentests schrieb sie: „So sollte unsere Lebensrealität aussehen. Gemeinsam und gut aufgehoben.“ In einem Interview im November 2020 sagte sie noch: „Massentests! Wenn ich das schon höre! Wir werden zu Vieh gemacht.“ Der Schriftsteller Tonio Schachinger kritisierte den Vergleich mit der Zeit des Nationalsozialismus in der Presse als „wirr“. In der Süddeutschen Zeitung erläuterte Streeruwitz ihr Anliegen daraufhin. Sie monierte insbesondere die Sprache, die von den Politikern verwendet worden sei. Sie lehne Begriffe wie „Massentest“ ab, denn die Bevölkerung sei keine „Masse“: „Im Demokratischen geht das gerade medizinischerweise nicht zusammen. Wir sind alle demokratische Verantwortungssubjekte. Und Demokratie beruht auf demokratischem Sprechen. Die Pandemie wäre eine gute Gelegenheit, damit wirklich zu beginnen.“ Im Gespräch auf rbbKultur bekräftigte sie: „Ich möchte nicht autoritär angesprochen werden.“
Bei der Europawahl 2019 unterstützte sie das Bündnis KPÖ PLUS – European Left.
Marlene Streeruwitz ist Schwiegertochter des ehemaligen Bundeskanzlers Ernst Streeruwitz. Sie ist Mutter von zwei Töchtern.
1995/96: Tübinger Poetik-Dozentur im Wintersemester 1995/96
1996: Österreichischer Würdigungspreis für Literatur
1997/98: Frankfurter Poetik-Vorlesungen im Wintersemester 1997/98