Marine Le Pen [maˈʁin lə̹ˈpɛn] (eigentlich Marion Anne Perrine Le Pen, * 5. August 1968 in Neuilly-sur-Seine, Département Hauts-de-Seine) ist eine französische Politikerin der rechtspopulistischen bis rechtsextremen Partei Rassemblement National (RN), die bis Juni 2018 als Front National (FN) auftrat. Sie war als Nachfolgerin ihres Vaters Jean-Marie Le Pen von 2011 bis 2022 Parteivorsitzende des FN bzw. RN. Seit 2017 ist sie Abgeordnete der französischen Nationalversammlung und dort seit Juni 2022 Vorsitzende der RN-Fraktion.
Le Pen kandidierte bei den französischen Präsidentschaftswahlen 2012, 2017 und 2022; bei den zwei letztgenannten gelangte sie in die Stichwahl gegen Emmanuel Macron. Darüber hinaus war sie von 2004 bis 2017 Abgeordnete im Europäischen Parlament und dort von 2015 bis 2017 eine der beiden Vorsitzenden der rechtsradikal-populistischen Fraktion Europa der Nationen und der Freiheit. Wegen der Zweckentfremdung von EU-Geldern für Parteiarbeit wurde sie am 7. Juli 2026 zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren (davon zwei ausgesetzt zur Bewährung) und der Aberkennung des passiven Wahlrechts für 45 Monate (davon 30 ausgesetzt zur Bewährung) verurteilt. Le Pen will gegen das Urteil Revision einlegen und weiterhin bei der französischen Präsidentschaftswahl 2027 kandidieren.
Marine Le Pen ist die jüngste dreier Töchter des rechtsextremen Politikers Jean-Marie Le Pen, der 1972 den Front National (FN) gründete und anschließend jahrzehntelang führte, und dessen erster Ehefrau, des früheren Fotomodells Pierrette Lalanne. Als einschneidendes Erlebnis in ihrem Leben bezeichnet sie selbst einen Bombenanschlag auf die Wohnung des Vaters im 15. Arrondissement von Paris am 2. November 1976. Bei dem Attentat wurde niemand verletzt, doch habe sie sich, so Marine Le Pen, von da an bemüht, für ihren Vater einzustehen. Später zog die Familie ins Montretout, ein großbürgerliches Anwesen im Pariser Vorort Saint-Cloud, das ihr Vater von einem seiner Anhänger geerbt hatte.
Sie besuchte das Lycée Florent-Schmitt in Saint-Cloud. Danach studierte sie bis 1990 Rechtswissenschaften an der Universität Panthéon-Assas/Paris II und schloss mit einer Maîtrise ab. 1991 erwarb sie ein Diplôme d’études approfondies (DEA) in Strafrecht. 1992 erhielt sie die Anwaltszulassung und arbeitete bis 1998 als Rechtsanwältin in Paris.
Marine Le Pen war von 1997 bis 2000 mit dem Geschäftsmann Franck Chauffroy verheiratet, der für den FN tätig war, und hat aus dieser Ehe eine 1998 geborene Tochter und 1999 geborene Zwillinge. Nach der Scheidung heiratete sie 2002 den FN-Funktionär Éric Lorio, von dem sie 2006 geschieden wurde. Ab 2009 war sie mit Louis Aliot liiert; Aliot wurde im Januar 2011 einer der Vizepräsidenten des FN und ist seit 2020 Bürgermeister von Perpignan. 2019 trennte sich das Paar.
Von 1998 bis 2004 leitete Marine Le Pen den juristischen Dienst der Partei. Sie war eine von acht Vizepräsidenten und ab 2003 stellvertretende Vorsitzende des Front National. Um die Position des Parteivorsitzenden in Nachfolge ihres Vaters, Jean-Marie Le Pen, kämpfte sie innerparteilich mit Bruno Gollnisch, der dem rechtsextremen Flügel angehört und wegen antisemitischer Äußerungen berüchtigt war. Marine Le Pen hingegen trat für eine Öffnung der Partei zur gesellschaftlichen Mitte ein. 2000 übernahm sie den Vorsitz der FN-Jugendorganisation Génération Le Pen.
Am 15. Januar 2011 wurde sie auf einem Parteitag des Front National in Tours aufgrund einer Mitgliederbefragung zur Vorsitzenden gewählt, wobei sie sich gegen ihren innerparteilichen Rivalen, Gollnisch, durchsetzte. Bei einer Beteiligung von 76 Prozent der rund 22.400 Mitglieder hatten 67,65 Prozent für Marine Le Pen und 32,35 Prozent für Gollnisch gestimmt, auf dem Parteitag war das Ergebnis schon einen Tag zuvor durchgesickert. Einen Tag später übernahm sie offiziell die Führung der Partei von ihrem Vater. Gollnisch lehnte umgehend das Angebot Marine Le Pens für das Amt des ersten Stellvertreters ab. Sie kündigte an, bei der Präsidentenwahl 2012 zu kandidieren. Umfragen im März 2011 sagten ihr dafür 23 Prozent der Wählerstimmen voraus, Staatspräsident Nicolas Sarkozy wurden damals 21 Prozent prognostiziert. Danach lag sie jedoch in den Umfragen weit hinter dem Sozialisten François Hollande und Sarkozy auf Rang drei. Tatsächlich erhielt sie am 22. April 2012 17,9 Prozent der gültigen Stimmen, während François Hollande zum Staatspräsidenten gewählt wurde.
Im Zuge ihrer Repositionierung der Partei forderte sie im April 2015 ihren Vater öffentlich zum Parteiaustritt auf; im August 2015 wurde er wegen „schwerer Verfehlungen“ aus der Partei ausgeschlossen.
Für den Präsidentschaftswahlkampf 2017 bewarb sie sich im Herbst 2016 erneut; ihre Kandidatur war innerhalb des FN unstrittig, und sie lag bis November 2016 auf dem ersten Platz der Meinungsumfragen mit bis zu 30 Prozent der Stimmabsichten für den ersten Wahlgang. Bei der Wahl am 23. April 2017 erhielt sie 21,3 Prozent der Stimmen (hinter dem liberal-progressiven Kandidaten und Politikneuling Emmanuel Macron, der 24,0 Prozent der Stimmen erhielt). Zwischen den Wahlgängen nahm Le Pen an einer Fernsehdebatte mit Macron teil; nach einhelliger Meinung unterlag sie dabei klar. Beim zweiten Wahlgang am 7. Mai 2017 erhielt sie 33,9 Prozent der abgegebenen Stimmen, für Macron stimmten 66,1 Prozent.
Im Januar 2020 gab Le Pen bekannt, zur Präsidentschaftswahl 2022 erneut zu kandidieren. Ihre Partei wurde zwischenzeitlich in „Rassemblement National“ (Nationale Sammlung, RN) umbenannt.
Im Hinblick auf die Präsidentschaftswahl im April 2022 kündigte sie im Frühjahr 2021 ihren Rücktritt vom Parteivorsitz an.
Beim ersten Wahlgang am 10. April 2022 gewann sie 23,1 Prozent und zog wie schon 2017 als Zweitplatzierte in die Stichwahl gegen Emmanuel Macron ein. Auch beim zweiten Wahlgang konnte sie gegenüber 2017 mit rund 42 Prozent der abgegebenen Stimmen deutlich an Stimmen zulegen, scheiterte aber erneut gegenüber Emmanuel Macron.
Am 5. November 2022 wurde Jordan Bardella in einer Kampfabstimmung gegen Louis Aliot auf einem RN-Parteitag zu ihrem Nachfolger gewählt.
Von 1998 bis 2004 sowie 2010 war sie Generalrätin von Nord-Pas-de-Calais. Von 2004 bis 2009 gehörte sie dem Regionalrat der Île-de-France an.
Bei der Europawahl 2004 führte sie die Liste des Front National im Wahlkreis Île-de-France an und errang, wie ihr Vater, ein Mandat im Europäischen Parlament. Dort wurde sie als Fraktionslose Mitglied im Ausschuss für Kultur und Bildung und in der Delegation für die Beziehungen zu Israel. 2007 war sie an der Gründung der Fraktion Identität, Tradition, Souveränität beteiligt, die sich nach wenigen Monaten auflöste. Bei den Europawahlen 2009 und 2014 wurde sie erneut auf der Liste des FN gewählt.
Bei den Parlamentswahlen 2017 wurde sie im zweiten Wahlgang erstmals in die französische Nationalversammlung gewählt; aufgrund der Regeln gegen Ämterhäufung musste sie von ihrem Europamandat zurücktreten.
Nach Antritt an der Parteispitze 2011 verfolgte Marine Le Pen eine Strategie der „Entdiabolisierung“, um auch Wählerschichten aus der bürgerlichen Mitte der Gesellschaft für die Politik des Front National zu gewinnen. Sie warb um jüdische Unterstützung, indem sie antisemitische Politiker an den Rand der Partei drängte und den Holocaust in Abgrenzung zu verharmlosenden Äußerungen ihres Vaters klar verurteilte.
In der Finanz- und Wirtschaftspolitik schlägt sie einen protektionistischen Ton an, der im Geiste eines „ökonomischen Patriotismus“ die Souveränität Frankreichs sowohl gegenüber der Europäischen Union als auch den internationalen Finanzmärkten unterstreicht. So verlangte sie den Austritt Frankreichs aus der Eurozone und die Rückkehr zum Franc, um die finanzpolitische Entscheidungsgewalt aus Brüssel nach Paris zurückzuverlagern. Rhetorisch vertritt Le Pen den Anspruch, das wahre lagerübergreifende Erbe des Gaullismus zu vertreten, im politischen Spektrum von rechts bis links. Ihre kritischen Kommentare zu Kapitalismus und Globalisierung im Zusammenhang mit der Banken- und Eurokrise alarmierten die Sozialisten, die eine Überflügelung in der Gunst der Wähler durch einen „Links-Lepenismus“ fürchteten. Gleichzeitig legte die Partei unter Le Pens Führung ihren Ruf, eine Männerpartei zu sein, ab und erfährt immer stärkeren Zulauf von weißen Frauen der Arbeiterklasse, eine Entwicklung, die den sozialistischen Finanzminister Pierre Moscovici zu der Einschätzung bewog, Marine Le Pen sei politisch „gefährlicher als ihr Vater“.