Andrea Marina Hands (* 10. Januar 1975 in Paris, übliche Aussprache des Namens: [maʀina 'ɑ̃(d)s]) ist eine französische Theater- und Filmschauspielerin. Einem breiten Publikum wurde sie bekannt durch ihre Interpretation der Lady Chatterley in Pascale Ferrans gleichnamigem Spielfilm (2006), für die sie u. a. mit dem César ausgezeichnet wurde, sowie durch ihre Nebenrolle als Delphine Garnier in der Serie Black Spot (2017).
Marina Hands wurde 1975 in Paris (andere Quellen geben 1977 als Geburtsjahr an) als Tochter der französischen Schauspielerin Ludmila Mikaël und des britischen Theaterregisseurs Terry Hands geboren. Da die Ehe der Eltern früh geschieden wurde, wuchs sie in Frankreich bei ihrer Mutter auf, die sie vor dem harten Schauspieleralltag beschützte. Die Sommer verbrachte sie in jungen Jahren bei ihrem Vater in England, der sich zu jener Zeit als künstlerischer Leiter und später als Intendant der Royal Shakespeare Company einen Namen machte und seine Tochter oft zu Theaterproben oder -aufführungen mitnahm. Hands hatte nicht vor, Schauspielerin zu werden. Sie wollte sich von ihren Eltern, vor allem von ihrer Mutter, unterscheiden. In ihrer Kindheit erwärmte sich die Enkelin des Malers Pierre Dmitrienko für den Tanz und für Pferde, und so reifte sie zu einer talentierten Springreiterin heran. „Als Jugendliche nahm ich den Zug und fuhr zu meinem Pferd in die Normandie oder in den Wald. Abende mit Freunden interessierten mich nicht. Ich war nur in der Natur glücklich. Meine Freundinnen gaben mir den Namen Pocahontas.“ Sie gewann als junge Springreiterin mehrere Preise, wurde in die französische Juniorennationalmannschaft berufen und nahm an europäischen Titelkämpfen teil. Mit 18 Jahren sah sie jedoch ein, dass ihr eine erfolgreiche sportliche Laufbahn bei den Seniorinnen wohl verwehrt bleiben würde.
Nach dem Abitur nahm Hands eine einjährige Auszeit, ehe sich die 19-Jährige auf Wunsch ihres Vaters für ein Englischstudium an der Universität einschrieb, das sie jedoch schon bald abbrach. Sie entschied sich, doch in die Fußstapfen ihrer Mutter zu treten und eine Schauspielausbildung anzustreben, obwohl Ludmila Mikaël in Frankreich als erfolgreiche und vielrespektierte Theaterschauspielerin gilt. Hands fürchtete deshalb zu Beginn ihrer Karriere Kritikerstimmen, die ihre Ambitionen nicht ernst nehmen, sondern in den guten Kontakten der berühmten Eltern begründet sehen würden.
Ein Jahr später, 1995, gelang Hands der Eintritt in die Classe Libre der Pariser Schauspielschule École de l’Acteur Florent, wo unter anderem so bekannte französische Mimen wie Isabelle Adjani, Daniel Auteuil oder Sophie Marceau ihre Schauspielausbildung absolviert hatten. Am Cours Florent erhielt die zu Anfang sehr reservierte Schauspielschülerin zwei Jahre Unterricht bei Philippe Joiris, in dem sie ihren Mentor fand und der ihr Selbstvertrauen stärkte. „Ich erkannte, dass die Schauspielerei für mich therapeutisch war. Ich war sehr gehemmt, verschlossen, und plötzlich habe ich mich befreit. Als ich damit begann, beim Spielen zu experimentieren, starke Figuren zu verkörpern, hatte ich das überwältigende, verrückte Gefühl, dass da eine andere Person in mir wäre und sich offenbarte. Ich war nicht mehr die süße, engelsgesichtige Marina mit der schwachen Stimme …“, so Hands.
Danach bereitete sie sich auf die Aufnahmeprüfung am renommierten Conservatoire national supérieur d’art dramatique (CNSAD) vor und erhielt 1996 eine erste, kleine Rolle in Gérard Desarthes und François Marthourets Inszenierung von Hjalmar Söderbergs Gertrud am Pariser Théâtre Hébertot. In dem Drama bekleideten Desarthe und Hands’ Mutter Ludmila Mikaël die Hauptrollen. Von ihrer Mutter mit der Figur der Dona Prouhèze aus dem Claudel-Stück Le Soulier de satin verglichen, fand Hands wenig später Aufnahme an der CNSAD. Dort absolvierte sie bis 1999 ihre Ausbildung zur Schauspielerin. Im ersten Jahr studierte sie bei der Schauspielprofessorin Muriel Mayette. Das zweite Jahr verbrachte sie bei John Link und Collin Cook an der London Academy of Music and Dramatic Art (LAMDA), wo sie unter der Regie von John Bashford bzw. Penny Cherns in Ödön von Horváths Geschichten aus dem Wiener Wald und William Shakespeares Der Kaufmann von Venedig agierte.
Für das letzte Jahr ihrer Ausbildung wechselte sie zurück an das Conservatoire nach Paris, um mit Patrice Chéreau und Klaus Michael Grüber zusammenzuarbeiten. Hands wurde dem Atelier des deutschen Theaterregisseurs zugeteilt und erschien im Oktober 1998 in dessen Version von Luigi Pirandellos Die Riesen vom Berge, in der sie an der Seite von Michel Piccoli spielte. Le Monde feierte sie da bereits als einen am Schauspielhimmel aufsteigenden Stern und verglich die zartstimmige, brünette Aktrice mit ihrer Mutter. „Außer der Schönheit hat sie das Mysterium, die Grazie, die Kraft, die [...] ein unbestreitbares Talent zeigen.“
Noch im dritten Jahr ihrer Ausbildung am Conservatoire erhielt sie Ende 1998 ein Engagement in Adrian Brines Pariser Inszenierung von Dion Boucicaults London Assurance, Le bel air de Londres, am Théâtre de la Porte Saint-Martin. Bereits ihre erste große Hauptrolle, in der sie als junge Erbin im England von Oscar Wilde sich mit einem alten, maßlosen und in die Jugend vernarrten Lord (gespielt von Robert Hirsch) verloben will, brachte ihr eine Nominierung für den wichtigsten französischen Theaterpreis Molière als beste Nachwuchsschauspielerin ein. Der Zusammenarbeit mit Hirsch folgte zwischen 1998 und 1999 die Titelrolle in Arthur Schnitzlers Fräulein Else auf einer dreimonatigen Theatertournee mit Didier Long, der das Stück zuvor in Paris mit Isabelle Carré erfolgreich umgesetzt hatte. Im März sowie im November/Dezember 2001 interpretierte sie in Nizza bzw. in Bobigny mit der Roxane die weibliche Hauptrolle in Jacques Webers (auf ein junges Schauspielensemble vertrauender) Version von Edmond Rostands Cyrano de Bergerac, für das sie erneut großes Lob von der französischen Kritik erntete.
Der Durchbruch als Theaterschauspielerin folgte Ende Januar 2003 mit Patrice Chéreaus opulenter Inszenierung von Phèdre, in der Hands an der Seite von Titelheldin Dominique Blanc und Pascal Greggory zu sehen war. Die mit Kostümen der preisgekrönten Designerin Moidele Bickel (Die Bartholomäusnacht) ausgestattete Racine-Tragödie wurde in Paris als „Triumph“ gefeiert und über die Grenzen Frankreichs hinaus – beispielsweise von der Süddeutschen Zeitung – als „Sensation“ beschrieben, die drei Monate später in Bochum das Ruhr-Triennale-Festival eröffnete und noch im selben Jahr in Frankreich in einer Fernsehfassung veröffentlicht wurde. Für den Part der Arikia (wurde von Chéreau ausgebaut und von der Libération als selbstbewusstes und einfaches Porträt gelobt), wurde Hands wenige Monate später als beste Nebendarstellerin erneut für den Molière nominiert, den dann aber Annie Sinigalia (Poste Restante) erhielt. Nach ihrem eigenen Bekunden war das Wiedersehen mit Patrice Chéreau ein bedeutender Wendepunkt für ihre Karriere. Phèdra ließ sie „wachsen“, und der Theaterregisseur gab ihr ihre „Selbständigkeit“. Dominique Blanc sagte der jungen Schauspielkollegin nach der Zusammenarbeit eine internationale Karriere voraus. Chéreau lobte Hands für ihre Kraft und ihre Reife, die er auf die anspruchsvolle Ausbildung in England und die bescheidenere am Conservatoire zurückführte.
Als Königin Isabelle sah man sie ein Jahr später in Thierry de Perettis Version von Shakespeares Richard II. am Théâtre de la Ville (2004), die Vergleiche zur deutschen Film- und Theaterschauspielerin Angela Winkler provozierten, ehe sie mit Jahresbeginn 2006 dem Ensemble der Comédie-Française beitrat. Am französischen Staatstheater konservierte sie ihr seit Phèdre gewonnenes Renommée als ernstzunehmende Theaterschauspielerin; dort gab sie im Frühjahr als Prinzessin in Paul Claudels Goldhaupt (März 2006) von Anne Delbée ihren Einstand, dem im Mai 2007 eine „exzellente“ Leistung als schöne Yse in Claudels Mittagswende unter der Regie von Yves Beaunesne folgte. In derselben Rolle hatte 32 Jahre zuvor Hands’ Mutter Ludmila Mikaël ihren Einstand bei der Comédie-Française gegeben. Anfang September 2007 verließ Hands das französische Staatstheater, um sich vermehrt ihrer Filmkarriere zu widmen. Noch einmal sah man sie Ende Oktober an der Comédie-Française als Célimène in Lukas Hemlebs Molière-Stück Der Misanthrop.