Marie („Mimi“) Gräfin von Schleinitz-Wolkenstein, geb. von Buch (* 22. Januar 1842 in Rom; † 18. Mai 1912 in Berlin) war eine der bedeutendsten Berliner Salonnièren in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und die wichtigste Gönnerin Richard Wagners.
Marie von Schleinitz spielte in dem halben Jahrhundert zwischen preußischem Verfassungskonflikt (1859–1866) und Ausbruch des Ersten Weltkrieges (1914) eine führende Rolle in der höfischen und kulturellen Berliner Gesellschaft. Als liberal gesinnte Gattin des preußischen Hausministers Alexander von Schleinitz übte sie gesellschaftlichen Einfluss aus. Als Salonnière verlieh sie dem deutschen Salonleben in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine entscheidende Prägung. Als Mäzenatin und Kunstfreundin förderte sie leidenschaftlich Richard Wagner, verhalf ihm in Deutschland zum gesellschaftlichen Durchbruch und setzte sich maßgeblich für die Realisierung der Bayreuther Festspiele ein. Als eine enge Freundin Wagners und besonders seiner Frau Cosima stand sie mit vielen großen Musikern der Zeit in Verbindung, unter ihnen Franz Liszt.
Marie von Schleinitz war die Tochter des preußischen Diplomaten Ludwig August von Buch (1801–1845) und seiner Frau Marie, geb. von Nimptsch (1820–1897), die 1847 in zweiter Ehe Hermann Anton Fürst von Hatzfeldt zu Trachenberg (1808–1874) heiratete. Sie kam in Rom zur Welt, wo ihr Vater damals preußischer Ministerresident war. Anfang der 1860er Jahre lebte sie in Paris, wo ihre Mutter und Großmutter sie in die feine Gesellschaft einführten, bevor sie 1865 heiratete und sich als preußische Ministergattin dauerhaft in Berlin niederließ. 1886 ging sie mit ihrem zweiten Mann, einem österreichischen Diplomaten, nach Sankt Petersburg, 1894 nach Paris. 1903 kehrte sie in die deutsche Hauptstadt zurück. Im Alter verbrachte sie mit ihrem Gatten die warme Jahreszeit auf Schloss Ivano im Trentino, dem Familienbesitz der Grafen Wolkenstein-Trostburg.
Marie von Schleinitz starb 1912 siebzigjährig in Berlin und wurde an der Seite ihres ersten Ehemanns auf dem Dreifaltigkeitsfriedhof I an der Baruther Straße beerdigt. Ihr Grab ist nicht erhalten.
Marie von Buch heiratete am 1. Januar 1865 den preußischen Minister des königlichen Hauses Alexander Freiherr von Schleinitz (1807–1885). Ihr Bräutigam war 35 Jahre älter als sie. Am 11. Juni 1879 wurde er mit seiner Gattin von Kaiser Wilhelm I. aus Anlass der Goldenen Hochzeit des Kaiserpaares in den Grafenstand erhoben. Alexander starb am 18. Februar 1885 in Berlin.
Am 16. Juni 1886 ging die verwitwete Gräfin Schleinitz eine zweite Ehe mit dem österreichischen Diplomaten Anton Graf von Wolkenstein-Trostburg (1832–1913) ein, mit dem sie seit 1879 – er war damals Botschaftsrat in Berlin – befreundet gewesen war. Seither nannte sie sich „Gräfin Schleinitz-Wolkenstein“ und folgte fortan ihrem Mann in den jeweiligen Ort seiner dienstlichen Bestimmung, bis sie sich 1903 dauerhaft in Berlin niederließen.
Ihre Freundin Anna von Helmholtz bemerkte über die zweite Ehe der Gräfin Schleinitz:
Maries Mutter Marie Fürstin Hatzfeldt wirkte ebenfalls als Salonnière. Ebenso gehörte sie zum Freundeskreis Wagners.
Ihre Großmutter mütterlicherseits – und womöglich Vorbild als Salonnière – war Léocadie von Nimptsch, geb. von Gilgenheimb (1802–1867), die in den 1830er Jahren auf ihrem schlesischen Gut Jäschkowitz einen Kreis von Künstlern und Gelehrten um sich scharte, darunter Heinrich Laube und August Heinrich Hoffmann von Fallersleben.
Maries Halbbruder war der preußische Politiker Hermann Fürst von Hatzfeldt zu Trachenberg (1848–1933), ihre Stiefschwester die Fürstin Elisabeth zu Carolath-Beuthen (1839–1914), ihre Stieftante die Sozialistin Sophie von Hatzfeldt.
„Mimi“ Schleinitz, wie sie seit Kindertagen und auch als Salonnière genannt wurde, erhielt als Kind eine solide pianistische Ausbildung. Mit siebzehn Jahren wurde sie Schülerin des berühmten Virtuosen Carl Tausig, der über sie an seinen Lehrer und Freund Wagner schrieb:
Sie war sehr gebildet, kannte und verehrte Johann Wolfgang von Goethe und Arthur Schopenhauer, las später Friedrich Nietzsche und stand zu vielen großen Musikern ihrer Zeit in mehr oder weniger engem Kontakt – so zu Franz Liszt, der seit ihrer Pariser Zeit mit „Serenissima“, wie er Mimi brieflich nannte, befreundet war und ihr zwei seiner Wagner-Bearbeitungen für Klavier widmete: Isoldens Liebestod aus Tristan und Isolde und Am stillen Herd zur Winterszeit aus den Meistersingern. Sowohl durch ihr Äußeres als auch durch ihre geistigen und musischen Fähigkeiten wusste sie ihre Zeitgenossen zu beeindrucken. Marie Lipsius beschrieb sie so:
Vor allem aber gehörte Mimi zu den ersten bedingungslosen Anhängerinnen und enthusiastischen Förderinnen Richard Wagners. Ihre Zeitgenossin, die Sängerin Lilli Lehmann, schätzte ihre Rolle so ein:
Nachdem sie Wagner bei einem Konzert im Dezember 1863 in Breslau näher kennengelernt hatte – bereits 1860 waren sie einander flüchtig begegnet –, wurde Mimi Schleinitz alsbald neben Malwida von Meysenbug seine „liebste und werteste Freundin“. Sie engagierte sich maßgeblich im von Tausig ins Leben gerufenen Bayreuther Patronatsverein, der sich Ende 1870 mit dem Ziel konstituiert hatte, die Bayreuther Festspiele durch Spenden in einer angestrebten Höhe von 300.000 Talern zu ermöglichen, „warb unermüdlich in Hofkreisen für die Wagnersche Musik“ und verhalf dem Komponisten bei vielen Fürstlichkeiten und bei der feinen Gesellschaft ihrer Zeit in den 1860er und frühen 1870er Jahren zum Durchbruch, als sein Erfolg noch keineswegs gewiss war. Schon bald galt sie, wie Liszt schrieb, als „Patronin der neuen Musik in Berlin“:
Mimi selbst schwärmte nicht nur für Wagner, sondern organisierte teils sogar die Proben für seine Opern. Bald ging sie in Wagners neu geschaffenem Bayreuther Domizil, der Villa Wahnfried, ein und aus, wurde die engste Freundin Cosima Wagners und genoss im privaten Familienkreis der Wagners eine privilegierte und nicht einflusslose Stellung. So nahm sie in den 1880er Jahren auf Cosimas Wunsch deren Tochter aus erster Ehe, Daniela von Bülow, spätere Frau Henry Thodes, in ihre Obhut und führte sie in die große Berliner Gesellschaft ein. Dass sie auch ganz persönlich von der Musik ihres Idols eingenommen war, belegt ein Brief Carl Friedrich Weitzmanns an Hans von Bülow aus dem Jahr 1869:
Im Jahr 1876 schließlich erreichte Mimis Einsatz für Wagner seinen gesellschaftlichen Höhepunkt: Sie bat Kaiser Wilhelm I., der bereits 1870 auf ihre Ermunterung hin die deutsche Erstaufführung der Meistersinger besucht hatte, bei der Eröffnung der Festspiele am 13. August in Bayreuth zu erscheinen und damit für zusätzliche Werbung zu sorgen; und der alte Grandseigneur, obwohl selbst eher nüchternen Geschmacks, erwies der „hübschen, phantasievollen und künstlerisch begabten“ Aristokratin, die „stets für jünger gehalten wurde, als sie war“, tatsächlich den Gefallen – wenngleich, wie Cosima Wagner wohl richtig vermutete, mehr aus Courtoisie ihr gegenüber als aus musikalischer Begeisterung. Wagner selbst war ihr herzlich zugetan: Er widmete ihr seinen Aufsatz Das Bühnenfestspielhaus zu Bayreuth von 1873 und revanchierte sich für ihr aufopferndes Engagement mit diesem Gedicht:
Indem Marie Schleinitz sich für die Finanzierung von Wagners gewohnt ausgreifenden Projekten einsetzte, etwa durch Kunstbasare und Auktionen, betrieb sie sogar eine Vorform von Kulturmanagement. Als geistreiche Vermittlerin zwischen Kultur und Gesellschaft vermochte sie noch bis ins frühe 20. Jahrhundert hinein einen Kontrapunkt gegen das von Nietzsche früh beklagte Phänomen der „Exstirpation des deutschen Geistes zugunsten des deutschen Reiches“ zu setzen. Ihre Wirkung auf die Wagner-Gemeinde im Haus Wahnfried beschreibt Wagners Biograph Carl Friedrich Glasenapp:
Freilich hatte Maries Einsatz für Wagner bisweilen sektiererische Züge, die auch ihr eigenes Naturell, ihre geistige und emotionale Orientierung prägten. Die nüchternere Anna von Helmholtz schrieb wenige Tage nach dem Tod Wagners 1883 an ihre Schwester über den „Wagner-Fanatismus“ ihrer Freundin, welcher mit ihrer „Schopenhauer-Manie“ sich ergänzte: