Marie Luise Kaschnitz, eigentlich Marie Luise Freifrau Kaschnitz von Weinberg; geborene Freiin von Holzing-Berstett (* 31. Januar 1901 in Karlsruhe; † 10. Oktober 1974 in Rom) war eine deutsche Schriftstellerin und Dichterin.
Als Tochter des preußischen Generalmajors Max von Holzing-Berstett und dessen Ehefrau Elsa, geborene Freiin von Seldeneck (14. Dezember 1875 in Karlsruhe – 11. Dezember 1941 in Bollschweil), wuchs Marie Luise in Potsdam und Berlin auf, wo ihre Eltern, beide alten badischen Adelshäusern entstammend, am preußischen Hof verkehrten. Nach dem Abitur wurde sie in Weimar zur Buchhändlerin ausgebildet (1922–1924) und arbeitete anschließend in einem Münchner Verlag und einem Antiquariat in Rom.
1925 heiratete sie den Klassischen Archäologen Guido Kaschnitz von Weinberg, mit dem sie seinem Karriereweg folgend nacheinander in Rom (1952–1956), Königsberg (Preußen), Marburg und Frankfurt am Main lebte. Mit der Dichterin Ingeborg Bachmann, die Kaschnitz in Rom 1953–1954 kennengelernt hatte, verband sie eine lebenslange Freundschaft. Zahlreiche meist aufgrund der wissenschaftlichen Interessen des Ehemannes unternommene Reisen führten das Paar nach Frankreich, Italien und Griechenland. Von 1941 bis zu ihrem Tod lebte Kaschnitz überwiegend in Frankfurt, wo ihr Mann den Lehrstuhl für Klassische Archäologie an der Universität übernommen hatte. Nach dem Tod ihres Mannes 1958 zog sie sich zeitweise auf das Familiengut in Bollschweil bei Freiburg zurück.
Ihrem ersten Roman Liebe beginnt (1933), den Marie Luise Kaschnitz anlässlich eines Preisausschreibens des Verlags Cassirer schrieb, folgten Erzählungen, Essays und Gedichte, darunter Totentanz und Gedichte zur Zeit (1947), die ganz unter dem Eindruck der Kriegserfahrung standen. 1947 und 1948 war sie Mitherausgeberin der Monatsschrift Die Wandlung. In den folgenden Werken Zukunftsmusik (1950) und dem Zyklus Ewige Stadt (1952) zeigte sich eine zunehmende Tendenz zum Dialog des lyrischen Ichs mit der Gegenwart. Seit den 1950er-Jahren wandte sich Marie Luise Kaschnitz verstärkt dem Hörspiel zu. Nach Überwindung einer zwei Jahre andauernden Lebens- und Schaffenskrise, ausgelöst durch die Tumorerkrankung und den Tod ihres Ehemannes 1958, gelang ihr mit Unterstützung von Freunden und Weggefährten der schwierige Weg ins Leben zurück, den sie in Wohin denn ich (1963) nachzeichnet. In dem Gedichtband Dein Schweigen – meine Stimme (1962) setzte sie sich mit Themen wie Tod, Entfremdung und Abschied sowie Gefühlen von Angst und Einsamkeit auseinander und verarbeitete den Schock des Verlustes, indem sie ihrer Trauer in einer Weise Ausdruck verlieh, wie dies „intellektuell erarbeitet und seelisch vertieft, in der deutschsprachigen Dichtung nicht mehr wiederholt worden“ ist. In ihrem Spätwerk nahmen essayistische Aufzeichnungen und autobiographische Schriften eine zentrale Stellung ein. Nach den römischen Aufzeichnungen Engelsbrücke (1955) erschienen unter anderem Das Haus der Kindheit (1956) und Steht noch dahin. Neue Prosa (1970), in dem das Ich die Wirklichkeit und die eigene Identität zunehmend in Frage stellt. Besondere Förderung hatte sie zeit ihres Lebens durch den ursprünglich für Cassirer tätigen, vor Kriegsausbruch aber nach Norwegen emigrierten Verlagslektor Max Tau erfahren, der sie noch 1965 in einem Interview an erster Stelle der von ihm entdeckten literarischen Talente nannte.
Marie Luise Kaschnitz starb in Rom an einer Lungenentzündung, die sie sich beim Schwimmen im Meer zugezogen hatte, und wurde in Bollschweil beigesetzt, dem Ort des elterlichen Familiensitzes, dem sie mit Beschreibung eines Dorfes (1966) ein literarisches Denkmal gesetzt hatte. Sie ruht dort zusammen mit ihrem bereits am 1. September 1958 verstorbenen Ehemann Guido Kaschnitz von Weinberg im Familiengrab unter einem Relief mit den Reitern vom Fries des Parthenon, dem einstigen Hochzeitsgeschenk des Direktors der Bibliotheca Hertziana Ernst Steinmann für das Brautpaar. An ihrem langjährigen Wohnhaus Wiesenau 8 im Frankfurter Westend erinnert eine Gedenktafel an sie. Ihr Nachlass befindet sich im Deutschen Literaturarchiv in Marbach am Neckar.
Die gemeinsame Tochter Iris Schnebel-Kaschnitz (1928–2014), die als Übersetzerin aus dem Italienischen tätig war und zusammen mit Christian Büttrich die Tagebücher ihrer Mutter sowie mit anderen Anthologien aus deren Werk herausgab, war seit 1970 mit dem Komponisten Dieter Schnebel verheiratet.
1955 wurde sie mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet.
Weitere Preise und Ehrungen folgten:
1961: Villa-Massimo-Stipendium
1964: Georg-Mackensen-Literaturpreis
1966: Goetheplakette der Stadt Frankfurt am Main
1967: Pour le mérite für Wissenschaft und Künste
1968: Ehrendoktorwürde der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
1970: Johann-Peter-Hebel-Preis des Landes Baden-Württemberg
1971: Goethe-Plakette des Landes Hessen
1960 war Kaschnitz Gastdozentin für Poetik an der Universität Frankfurt. Sie war unter anderem Mitglied des P.E.N.-Zentrums der Bundesrepublik Deutschland, der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und der Bayerischen Akademie der Schönen Künste.
Der Marie Luise Kaschnitz-Preis wird seit 1984 verliehen.
Das Marie-Luise-Kaschnitz-Gymnasium Völklingen, die Marie-Luise-Kaschnitz-Schule für Schülerinnen und Schüler in längerer Krankenhausbehandlung in Karlsruhe und die Marie-Luise-Kaschnitz-Grundschule in Bollschweil tragen den Namen der Dichterin. Die ehemalige Marie-Luise-Kaschnitz-Berufsfachschule in Wiesloch fusionierte 1991 mit den Standorten Hockenheim und Wiesloch zur Louise-Otto-Peters-Schule.