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Marie-Anne de La Trémoille

Französische Adelige, Beraterin des spanischen Königspaares Philipp V. und Maria Luisa von Savoyen

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Marie-Anne de La Trémoille de Noirmoutier, Principessa Orsini (auch als Fürstin Orsini, Princesse des Ursins oder Madame des Ursins bekannt, * 1642; † 5. Dezember 1722 in Rom), war eine französisch-italienische Aristokratin, die während des Spanischen Erbfolgekriegs als Oberhofmeisterin (spanisch: camarera mayor) der spanischen Königin Maria Luisa von Savoyen die Politik des Landes maßgeblich bestimmte. Sie ging Ende 1701 an den Hof des jungen Königs Philipp V., der die umkämpfte spanische Krone im Jahr zuvor geerbt und auf Betreiben seines Großvaters, des französischen Königs Ludwig XIV., angenommen hatte. Mit nur einer kurzen Unterbrechung übte die Fürstin Orsini 13 Jahre lang, bis Ende 1714, als Ratgeberin des jugendlichen und unerfahrenen Königspaars eine nahezu unumschränkte Macht aus. Gemeinsam mit wechselnden Botschaftern und Beratern garantierte sie den französischen Einfluss auf die spanische Politik.

Der Herzog von Saint-Simon, der Chronist des Versailler Hofes, beschreibt Marie-Anne de La Trémoille in seinen Memoiren als eine Frau mit „großen Ambitionen, die weit über den bei ihrem Geschlecht üblichen lagen und auch über den gewöhnlichen Ehrgeiz von Männern hinausreichten“ (« […] ambitions vastes, fort au-dessus de son sexe et de l’ambition ordinaire des hommes […] »). Wie bei vielen anderen Zeitgenossen, war die Fürstin Orsini bei Liselotte von der Pfalz, der Herzogin von Orléans und Mutter des späteren Regenten Philippe II. de Bourbon, duc d’Orléans, wegen ihrer engen Kontakte zu Madame de Maintenon äußerst unbeliebt. Lieselotte betitelte sie als „alte Zott“ und „Hexe“.

Marie-Anne kam als ältestes von sieben Kindern des Herzogs von Noirmoutier, Louis II. de La Trémoille, und seiner Frau Renée Julie Aubéry im westfranzösischen Poitou zur Welt. Ihr Vater stammte aus altem aber verarmtem französischen Adel. Ihre Mutter war eine Bürgerliche und Tochter eines Mitglieds des königlichen Großen Rates (französisch: Conseiller au Grand Conseil), Maître des requêtes, und Mitglied im Staatsrat (französisch: Conseiller d’État). Zu ihren Geschwistern zählte unter anderem Joseph-Emmanuel de La Trémoille, den Marie-Anne bei seiner kirchlichen Karriere nach besten Kräften unterstützte.

In erster Ehe war sie ab 1659 mit Adrien-Blaise de Talleyrand-Périgord, Comte de Chalais verheiratet, der Frankreich nach einem Duell mit dem Marquis de La Frette 1663 verlassen musste. Ihr Mann starb 1670 in Italien kinderlos. Durch Vermittlung der Kardinäle Estrées und Bouillon heiratete sie im März 1675 zum zweiten Mal. Ihr Ehemann wurde der Herzog von Bracciano, Flavio I. Orsini (französisch: Ursins), aus altem aber verarmtem Adel. In ihrer hochrangigen Stellung als Herzogin vermittelte sie die Heirat ihrer jüngeren Schwester Louise-Angelique mit dem Herzog von Bomarzo, Antonio Lante Montefeltro della Rovere, im November 1682.

Mit 17 Jahren heiratete sie den jungen Draufgänger Adrien-Blaise de Talleyrand-Périgord. Gemeinsam waren sie gern gesehene Gäste in den Pariser Salons, denn Marie-Anne wusste durch ihr sprühendes Temperament und ihren Esprit zu faszinieren. Bei einer dieser Veranstaltungen im Hôtel d’Albret lernte sie im Jahr 1661 Madame de Maintenon kennen, eine Bekanntschaft, die sich in späteren Jahren für sie auszahlen sollte.

Adrien-Blaise fiel 1663 bei König Ludwig XIV. in Ungnade, nachdem er sich in ein – zu jener Zeit verbotenes – Duell hatte verwickeln lassen (siehe Duell La Frette–Chalais). Er musste Frankreich verlassen und ging nach Spanien. Seine Frau folgte ihm nur kurze Zeit später. Dort machte sie die Bekanntschaft des Paters Johann Eberhard Neidhardt, des mächtigen Beraters der spanischen Königin Maria Anna von Österreich. Als er 1669 das Land verlassen musste, begleiteten Marie-Anne und ihr Mann ihn nach Italien.

Herzogin von Bracciano, Fürstin Orsini

Durch den Tod ihres Mannes im Jahr 1670 stand sie quasi mittellos da. Marie-Anne kehrte jedoch nicht nach Frankreich zurück, sondern ging in ein römisches Kloster. Dort verbrachte sie die ersten Jahre ihrer Witwenschaft und konnte während dieser Zeit mächtige Männer als ihre Gönner gewinnen. So wurde sie zum Beispiel durch den Kardinal César d’Estrées protegiert, mit dem sie eine Liaison gehabt haben soll. Dieser machte seinen Einfluss am französischen Hof geltend und empfahl Ludwig XIV., die junge Witwe als Vertreterin der französischen Interessen beim Heiligen Stuhl einzusetzen. Als sich der König damit einverstanden erklärte, war es notwendig, Marie-Anne zu dem dafür nötigen gesellschaftlichen Ansehen zu verhelfen. Dazu heiratete sie 1675 in zweiter Ehe den 21 Jahre älteren Flavio Orsini, Herzog von Bracciano. Der Palazzo Orsini in Rom wurde unter der Haushaltsführung der neuen Herzogin zum Treffpunkt von Gesandten sämtlicher europäischer Fürstenhöfe, doch die aufwändige Hofhaltung verschlang Unsummen, die Flavio Orsini schon bald nicht mehr zu zahlen bereit war. Erschwerend kam hinzu, dass er politische Pläne und Interessen unterstützte, die denen Frankreichs und damit denen seiner Frau zuwiderliefen. Es kam zum Zerwürfnis des Paares, und Marie-Anne ging nach Frankreich zurück, im Jahr 1677 zuerst nur für einige Monate, ab 1693/94 für mehrere Jahre bis 1698. In dieser Zeit intensivierte sie die Bekanntschaft mit Madame de Maintenon und gewann ihr Vertrauen.

Ihr Ehemann hinterließ Marie-Anne bei seinem Tod im April 1698 zwar sein Vermögen, doch gab es lange und erbitterte Rechtsstreitigkeiten mit der Familie Orsini-Gravina um das Erbe, bei denen die Witwe schließlich unterlag. Sie musste auch auf den Titel einer Herzogin von Bracciano verzichten, da ihr Mann das Herzogtum schon 1696 an die Familie Odescalchi verkauft hatte. Sie nahm stattdessen den nicht existierenden Titel einer Fürstin Orsini (italienisch: Principessa Orsini; französisch: Princesse des Ursins) an, der sich mit der Zeit einbürgerte. Kurze Zeit später begann Madame des Ursins, wie sie jetzt meist genannt wurde, ihren Aufstieg zur zeitweise mächtigsten Person im Königreich Spanien.

Camarera mayor der spanischen Königin

Die spanische Erbfolge war bereits seit Jahren Gegenstand umfangreicher diplomatischer Aktivitäten in Europa, da der Tod des kranken und kinderlosen Königs Karl II. von Spanien absehbar war. Sowohl das französische Königshaus der Bourbonen als auch der österreichische Zweig der Habsburger erhob Ansprüche auf das riesige Erbe, das neben Spanien und seinem Kolonialreich die Spanischen Niederlande, das Königreich Neapel und das Herzogtum Mailand umfasste. Nach dem soeben erst beendeten Pfälzischen Erbfolgekrieg waren sowohl Frankreich als auch seine Gegner, das Habsburgerreich, England und die Vereinigten Niederlanden, weitgehend erschöpft. Zur Vermeidung eines erneuten Krieges einigten sie sich auf einen Kompromiss: Kurprinz Joseph Ferdinand von Bayern, Sohn des Kurfürsten Maximilian II. Emanuel von Bayern, sollte die Nachfolge auf dem spanischen Thron antreten, Mailand dagegen an die Habsburger und Neapel an die Bourbonen fallen. Der überraschende Tod des jungen Prinzen Anfang 1699 machte diese Übereinkunft jedoch hinfällig und sorgte angesichts des nahen Todes Karls II. für diplomatische Betriebsamkeit an allen europäischen Höfen.

Schon im Juni 1699 kam ein neuer Teilungsvertrag zustande, der den zweiten Sohn Kaiser Leopolds I., den österreichischen Erzherzog Karl, als neuen König von Spanien vorsah. Doch wie schon der erste Teilungsplan stieß auch dieser neue Kompromiss bei der Mehrzahl der spanischen Granden, darunter der einflussreiche Kardinal Luis Manuel Fernández de Portocarrero, auf Widerstand. Im Interesse der Machtstellung Spaniens wollten sie das Erbe Karls II. ungeteilt erhalten, was aber ohne Krieg kaum zu bewerkstelligen war. Daher bedrängten sie und der französische Gesandte am Hof von Madrid, Henri d’Harcourt, den todkranken Karl II., Philipp von Anjou, einen Enkel Ludwigs XIV., testamentarisch zu seinem Universalerben zu bestimmen. Denn hinter Philipp stand mit Frankreich die damals stärkste Militärmacht Europas.

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