An diesem Tag

Marianne von Willemer

Freundin von Johann Wolfgang von Goethe

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Marianne von Willemer (* 20. November 1784 in Linz (?); † 6. Dezember 1860 in Frankfurt am Main; gebürtig wahrscheinlich als Marianne Pirngruber; auch: Maria Anna Katharina Theresia Jung) war eine aus Österreich stammende Schauspielerin, Sängerin (Sopran) und Tänzerin. Im Alter von 14 Jahren siedelte sie nach Frankfurt am Main über, wo sie die dritte Frau des Frankfurter Bankiers Johann Jakob von Willemer wurde. Diesem freundschaftlich verbunden, begegnete Johann Wolfgang von Goethe auch Marianne in den Jahren 1814 und 1815 und verewigte sie im Buch Suleika seines Spätwerks West-östlicher Divan. Unter den zahlreichen Musen Goethes war Marianne die einzige Mitautorin eines seiner Werke, denn der „Divan“ enthält auch – wie erst postum bekannt wurde – einige Gedichte aus ihrer Feder.

Marianne war die Tochter der Schauspielerin Elisabeth Pirngruber. Diese war eines von zwölf Kindern des Gutsverwalters Johann Michael Pirngruber und wuchs in Oberösterreich auf. Mit 23 Jahren gebar sie ein uneheliches Kind. Über den leiblichen Vater sowie den Geburtsort Mariannes gibt es unterschiedliche Annahmen, die bis heute nicht belegt werden konnten. Nach eigenen Angaben war sie am 20. November 1784 in Linz zur Welt gekommen und wurde auf die Namen Maria Anna Katharina Theresia getauft; ein entsprechender Eintrag in Linzer Taufregistern ist aber bis heute nicht aufzufinden.

Hingegen fand man das Heiratsdokument ihrer Mutter in der Trauungsmatrik der Domkirche von St. Pölten. Nicht ein Instrumentenbauer namens Matthias Jung, den Marianne selbst als Vater angab, sondern der Theaterleiter Joseph M. Georg Jung und Elisabeth Pirngruber waren am 31. März 1788 kirchlich getraut worden. Von diesem Zeitpunkt an erhielt die damals Vierjährige den Namen Marianne Jung, wohl um die uneheliche Geburt zu kaschieren.

Um sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen, zog die Mutter Elisabeth Pirngruber nach Wien, wo sie auf Vorstadtbühnen auftrat. Vier ihrer in Wien lebenden Geschwister kümmerten sich um die kleine Marianne. Sie entwickelte sich zu einem lebhaften und lernfähigen Kind und erhielt privaten Unterricht durch einen Pfarrer. Marianne erhielt auch früh Schauspiel- und Ballettunterricht und stand bereits als Achtjährige auf der Bühne, ein Jahr später stand sie auf einem Programmzettel eines Pressburger Theaters.

Als die Mutter, deren Gatte 1796 in Pressburg gestorben war, in Wien keine Engagements mehr erhielt, folgte sie 1798 gemeinsam mit ihrer Tochter einem befreundeten Tänzerehepaar namens Traub nach Frankfurt am Main. Das Einkommen der mittlerweile 38-jährigen und ihrer Tochter muss gering gewesen sein, so dass Elisabeth Jung nebenbei Handarbeiten ausführte, um ihren Lebensunterhalt zu sichern. Die Aussicht auf ein Engagement im fernen Frankfurt sah sie als Chance, ihrer Notlage ein Ende zu bereiten.

Doch die Mutter erhielt nur eine Stelle als Theaterdienerin. Marianne selbst dagegen stand am 26. Dezember 1798 erstmals auf dem Frankfurter Theaterzettel. Die Vierzehnjährige übernahm Rollen in Opern (Der Spiegelritter), Singspielen (Der kleine Matrose) und Ballettaufführungen (Die geraubte Braut). Ihre frühen Auftritte sorgten für Aufsehen, und sie wurde schon bald in Theaterkritiken erwähnt. So schrieb die Schauspielkunde im Mai 1799:

„Demoiselle Jung muß eine gute Lehrmeisterin gehabt haben und macht ihrer Lehrmeisterin auch keine Schande.“

Als sie im Frühjahr des Jahres 1800 im Ballett „Harlekin aus dem Ei“ einen großen Erfolg feierte, saß unter den Zuschauern neben Catharina Elisabeth Goethe, der Mutter des Dichters, Clemens Brentano, der sich nach eigenen Angaben spontan in die junge Darstellerin verliebte. Er schrieb ihr dreißig Jahre später:

„Der Harlekin im Ei, / Den einstens ich gekannt, / Bis er mir ging entzwei, / Der ist gar nicht verwandt / Mit diesem Demoisellchen … / Nein, was ich Hand in Hand / Mit dir, Lieb Herz, empfand, / Versteht sich nicht am Rand!“

Die Beziehung zu Johann Jakob Willemer

Ein weiterer Bewunderer war Johann Jakob Willemer (* 29. März 1760; † Oktober 1838), ein gerade erst in die Oberdirektion des Theaters gewählter Frankfurter Bankier. Er entstammte einfachen Verhältnissen, hatte sich als 29-Jähriger zum Geheimen Rat emporgearbeitet und als 33-Jähriger sein Patent zum „Kgl. Preuss. Hofbanquier“ erhalten. Über seine Herkunft und seinen mühsamen Aufstieg schrieb er an Goethe am 11. Dezember 1808:

„Ich bin ohne Erziehung aufgewachßen, und habe nichts gelernt. Arm gebohren und daher nach Franckfurter manier von jedem über die Achsel angesehen und das schlägt tiefe Furchen in einem zarthen Gemütht, weckt das Lebens Quaal, einen grentzenloßen Ehrgeitz mußt ich alles was ich besize mir selbst verdienen, darüber verstrich der schönste Theil meines Lebens, und ich konnte mich mit nichts befassen als mit Gelderwerb, nach nichts streben als nach Schein-ehre.“

Dass Willemer arm und ohne Erziehung aufgewachsen sei, trifft allerdings so nicht zu. Sein Vater Johann Ludwig Willemer hatte bis zu seinem frühen Tod das Bankhaus Franck & Co. geleitet. Zwar gingen daraufhin die Geschäfte zurück, doch seine Mutter leitete das Unternehmen weiter, bis es der junge Johann Jakob Willemer übernehmen konnte. Nicht zuletzt durch die Mitgift seiner ersten Frau Meline, die aus einem reichen Berliner Kaufmannshaus stammte, war er bereits als 24-Jähriger ein vermögender Mann. Er konnte es sich leisten, einen Landsitz am Mainufer, die Gerbermühle, zu pachten. Zudem erstand er nach dem Verkauf des Elternhauses in der Töngesgasse 49 das Haus „Zum Roten Männchen“ am Fahrtor.

Willemer war zweimaliger Witwer. Aus seiner ersten Ehe mit Magdalena Lange, genannt Meline, waren die vier Töchter Rosette, Käthe, Meline und Maximiliane hervorgegangen. Nach dem plötzlichen Tod seiner Frau 1792 heiratete er neun Monate später die um siebzehn Jahre jüngere Jeannette Mariane Chiron. Die zweite Ehe dauerte nur drei Jahre; Jeannette starb im Alter von nur 20 Jahren im Kindbett. Aus dieser Verbindung stammte der Sohn Abraham, genannt Brami.

Willemer fühlte sich zum Schriftsteller berufen und schrieb neben pädagogisch-moralischen Schriften unter anderem fünf Dramen, war allerdings mit seinem eigenen Werk stets unzufrieden. Der Theaterliebhaber Willemer hatte Marianne Jung schon längere Zeit beobachtet. Er überredete Mariannes Mutter, ihm die Tochter gegen eine Summe von 2.000 Gulden sowie eine Rente als Ziehtochter zu überlassen. Dafür gab er das Versprechen, für Mariannes Erziehung und eine musische Ausbildung zu sorgen. Elisabeth Jung nahm dieses Angebot an und reiste zurück nach Linz. Es erscheint auf den ersten Blick ungewöhnlich, dass eine Mutter ihre 16-jährige Tochter bei Fremden zurücklässt; verständlich wird dieser Schritt, wenn man sich die Situation von Theaterschauspielerinnen in dieser Zeit vor Augen hält; Elisabeth Jung kannte sie aus eigener Erfahrung: Sie waren den Wünschen der Theaterbesitzer ausgeliefert und erhielten nur bis zu einem bestimmten Alter Rollen, ihre soziale und gesellschaftliche Stellung war gering. Der mittellosen Elisabeth Jung erschien das Angebot Willemers wohl als Chance, dass damit wenigstens für die Zukunft ihrer Tochter gesorgt war.

Am 25. April 1800 stand Marianne zum letzten Mal auf der Bühne. Sie wurde im Willemerschen Haus in Frankfurt als Pflegetochter aufgenommen und neben seinem Sohn Brami und seinen Töchtern erzogen. Brami entwickelte über die Jahre eine tiefe Herzensbindung zu Marianne. Ihr Naturell tat ihm und der ganzen Familie gut. Zu sehr war das Haus durch den Tod der Ehefrauen und einiger Kinder in den letzten Jahren belastet. Über die Beziehung in den ersten Jahren zum alten Willemer wurde viel spekuliert. Es wurde sogar angenommen, dass bereits zwei Jahre nach Aufnahme im Haus die 18-Jährige und der 42-Jährige ein Paar wurden. Der oben bereits genannte Brief an Goethe vom 11. Dezember 1808 zeigt aber ein anderes Bild der Beziehung. Er schrieb:

„Zukunft ist an eine törichte Hoffnung verspielt – von der eine 8jährige Erfahrung mich belehrt hat, daß sie nie in Erfüllung gehen wird. So ziehe ich mich jeden Tag mehr in mich selbst zurück, werde ernster und stiller.“

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