Maria Vittoria dal Pozzo (Maria Vittoria Carlotta Enrichetta Giovanna dal Pozzo della Cisterna; * 9. August 1847 in Paris; † 8. November 1876 in Sanremo) war als Gemahlin von Amadeus I. Königin von Spanien (1870–1873) und Herzogin von Aosta (1867–1876). Während ihrer Regierungszeit in Spanien zeichnete sie sich vor allem durch ihre karitativen Aktivitäten aus. Wegen ständiger Anfeindungen in Spanien, die in einem Attentatsversuch auf das Königspaar gipfelten, kehrte Maria Vittoria mit ihrem Gemahl Anfang 1873 nach Italien zurück und starb dreieinhalb Jahre später an Tuberkulose.
Maria Vittoria dal Pozzo war die älteste Tochter von Carlo Emmanuele dal Pozzo, 5. Fürst von Cisterna (1789–1864), und dessen Gemahlin Louise Caroline Ghislaine, Gräfin von Mérode (1819–1868), die einer bedeutenden belgischen Adelsfamilie entstammte. Ihr Vater lebte wegen seiner liberalen Ideen im Exil in Paris, wo Maria Vittoria im August 1847 – ein Jahr nach der Heirat ihrer Eltern – zur Welt kam. Sie hatte eine jüngere Schwester Beatrice Giuseppa (1851–1864).
1852 übersiedelte Maria Vittoria mit ihrer Familie von Paris nach Turin. Dort lebte sie mit ihren Eltern und ihrer Schwester im Palazzo della Cisterna, dem alten Palast der Familie. Die Sommer verbrachte sie mit ihren Eltern in Reano, wo ihr Vater ein feudales Schloss besaß, oder in Belgien. Sie genoss eine hervorragende Erziehung, hatte Unterricht bei den besten Lehrern Turins und erlernte Italienisch, Französisch und Englisch, ebenso die klassischen Sprachen Latein und Griechisch. Zu ihren Interessens-gebieten zählten Literatur, Wirtschaft und internationales Recht. Nach dem Tod ihres Vaters im März 1864 erbte sie dessen Titel und wurde so u. a. Fürstin von Cisterna und Belriguardo, Marchesa von Voghera und Gräfin von Ponderano. Nur einen Monat nach ihrem Vater starb auch ihre Schwester Beatrice an Typhus. Die Trauer über den Verlust ihrer beiden engen Familienmitglieder suchte Maria Vittoria durch die erneute Vertiefung in Studien zu überwinden.
Heirat mit Herzog Amadeus von Aosta
Zwei Jahre später lernte Maria Vittoria ihren künftigen Gemahl Amadeus I., Herzog von Aosta und zweiter Sohn des italienischen Königs Viktor Emmanuel II., kennen. Der Herzog war während des Dritten Italienischen Unabhängigkeitskriegs in der Schlacht bei Custozza (24. Juni 1866) schwer an der Schulter verwundet worden und hielt sich zu seiner Genesung in Moncalieri auf. Bekannte, die ihn dort besuchten, erzählten ihm von Maria Vittoria und bezeichneten diese als „Rose von Turin“. Nach seinem ersten Treffen mit Maria Vittoria holte er sich von seinem Vater die Zustimmung für die Heirat mit ihr ein. Viktor Emmanuel II. und sein Sohn reisten Ende April 1867 zum Palazzo della Cisterna, wo Amadeus um die Hand seiner Auserwählten anhielt. Maria Vittoria, die hellbraunes Haar, blaue Augen und einen blassen Teint hatte, war gut zwei Jahre jünger als ihr Bräutigam. Durch ein königliches Dekret war ihr am 19. Februar 1867 der Titel einer Hoheit verliehen worden. Ihre Hochzeit mit Amadeus fand an dessen 22. Geburtstag, dem 30. Mai 1867, in der mit dem Königspalast verbundenen Grabtuchkapelle in Turin statt. Es handelte sich um eine Liebesheirat.
Auf ihrer Hochzeitsreise begaben sich die Frischvermählten zunächst zur Weltausstellung nach Paris. Danach besuchten sie England und waren Gast bei Königin Victoria auf Schloss Windsor. Obwohl die englische Monarchin morganatischen Ehen reserviert gegenüberstand, schloss sie mit Maria Vittoria eine lebenslange Freundschaft. Nach seiner Rückkehr wurde Amadeus zum Generalleutnant befördert und erhielt Anfang 1868 den Auftrag, in Neapel die Flotte zu reorganisieren. Am 12. März 1868 erfuhr er, dass seine Schwiegermutter, die Gräfin von Mérode, zwölf Tage zuvor verstorben war. Er kehrte mit seiner Gattin nach Turin zurück und war dort mit ihr am 22. April 1868 Gast bei der Hochzeit seines Bruders Umberto mit Margarethe von Savoyen. Im Frühjahr 1869 weilten Amadeus und Maria Vittoria in der norditalienischen Stadt La Spezia, konnten aber infolge einer schweren Erkrankung des italienischen Königs nicht wie viele andere europäische Fürsten zur im November 1869 erfolgten Eröffnung des Suezkanals nach Ägypten segeln.
Maria Vittoria und Amadeus hatten zusammen drei Kinder:
Emanuel Philibert (* 13. Januar 1869; † 4. Juli 1931), Herzog von Aosta, Marschall von Italien, verheiratet mit Hélène von Frankreich (1871–1951), einer Tochter von Philippe von Orléans
Vittorio Emanuele, Graf von Turin (* 24. November 1870; † 10. Oktober 1946)
Luigi Amadeo, Herzog der Abruzzen (* 29. Januar 1873; † 18. März 1933), Vize-Admiral der königlich-italienischen Marine.
Wahl von Amadeus I. zum König; Ankunft in Spanien
Nach dem Sturz der Königin Isabella II. im September 1868 herrschte in Spanien ein zweijähriges Interregnum (siehe Spanische Thronfolge 1868–1870). Der General Juan Prim suchte an europäischen Fürstenhöfen nach einem geeigneten neuen König und favorisierte nach dem Scheitern der Thronkandidatur Leopolds von Hohenzollern (Juli 1870) erneut die Inthronisation des Herzogs von Aosta als spanischen Monarchen. Nach der Gefangennahme Napoleons III. ließ der italienische König Viktor Emmanuel II. im September 1870 Rom besetzen. Papst Pius IX. fühlte sich im Vatikan wie ein Gefangener. Maria Vittoria bemühte sich, die Lage des Heiligen Vaters zu verbessern. Inzwischen setzte der italienische König seinen sich sträubenden Sohn Amadeus unter Druck, den ihm angebotenen spanischen Thron anzunehmen. Am 2. November 1870 lenkte Amadeus ein, verlangte aber, dass er durch ein deutliches Votum der Cortes zum König gewählt würde.
Das Votum der Cortes vom 16. November 1870 fiel auch eindeutig zugunsten von Amadeus aus. Eine vom Parlamentspräsidenten Manuel Ruiz Zorrilla angeführte Abgeordnetenkommission traf Anfang Dezember 1870 in Florenz ein. Sie sollte den Herzog von Aosta nach Spanien geleiten. Zunächst reisten die spanischen Delegierten nach Turin, wo sie von der gerade von ihrem zweiten Sohn Vittorio Emanuele entbundenen Maria Vittoria empfangen wurden. Während die Herzogin von Aosta, die durch die Wahl ihres Gatten zur spanischen Königin avanciert war, noch in Italien blieb, schiffte sich Amadeus Ende Dezember 1870 nach Spanien ein, erfuhr bei der Landung in Cartagena vom tödlichen Attentat auf Prim und leistete am 2. Januar 1871 in Madrid den Eid auf die spanische Verfassung. Von Anfang an hatte der neue Monarch mit der Opposition vieler Hocharistokraten und der Geistlichkeit zu kämpfen. Die drei Regierungsparteien bemühten sich aber zunächst um eine Stabilisierung der innenpolitischen Lage und billigten die Thronrede des Königs. So konnte Maria Vittoria, die mit ihren beiden kleinen Söhnen in Turin wartete, am 9. März 1871 nach Spanien aufbrechen. Acht Tage später landete sie mit ihren Söhnen in Alicante und traf dort mit ihrem Gatten zusammen. Bei ihrem Einzug in Madrid besuchte die neue Königin die Basilika von Atocha und bezog dann mit ihrem Gatten im Palast die Gemächer der ehemaligen Königin Isabella II. Am nächsten Morgen empfing sie Politiker und Generäle, die sie kennenlernen wollten.
Am 23. März 1871 protestierten adlige Frauen aus dem Umfeld des späteren Königs Alfons XII. sowie der Carlisten gegen Maria Vittoria, indem sie mit ihren Kutschen den Paseo de la Castellana entlang fuhren und dabei in beleidigender Absicht als Zeichen ihrer Kastengesinnung die traditionellen Mantillas und bourbonischen Lilien trugen. Die Königin, die an den Vortagen auf derselben Straße mit ihrer Kutsche gefahren war, erschien bei diesem Vorfall nicht und ersparte sich so den Anblick des Protests der ihr abgeneigten Aristokratinnen.
Karitative Tätigkeit; Förderung von Künstlern; Regierungskrisen
Maria Vittoria hielt sich aus der Politik heraus und widmete sich vor allem wohltätigen Projekten, durch die sie eine gewisse Popularität erlangte. Auf ihre Initiative ging die Gründung einer Tagesstätte und einer Schule für die Kinder von Waschfrauen zurück. Die von ihr mit 100.000 Reales finanzierte Errichtung dieser Gebäude am Fluss Manzanares dauerte bis zum Januar 1872, doch wurden diese Bauten Jahrzehnte später im Spanischen Bürgerkrieg zerstört. Sie gründete auch ein Internat für Zigarettenarbeiterinnen in der königlichen Tabaktrafik und ließ über eine Suppenküche Fleischrationen an bedürftige Madrider verteilen. Ferner stiftete sie eine Augenklinik, die lang Bestand hatte. Hingegen strahlte der Hof des Königspaars keinen Glanz aus. Die Witwe von Prim und die Ehefrau von Serrano wurden zu den obersten Hofdamen der Königin ernannt, konnten einander aber nicht leiden.