An diesem Tag

Maria Theresia Paradis

Österreichische Komponistin, Pianistin und Sängerin

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Maria Theresia Paradis, trotz ihrer bürgerlichen Herkunft und seit Jahrzehnten falsch als von Paradis bezeichnet (* 15. Mai 1759 in Wien; † 1. Februar 1824 in Wien), war eine österreichische Pianistin, Sängerin (Sopran), Komponistin und Musikpädagogin. Sie war seit ihrer frühen Kindheit blind. Im Wiener Musikleben war sie sehr prominent und mit vielen bedeutenden Vertretern der Wiener Klassik wie Joseph Haydn und Wolfgang Amadeus Mozart bekannt. Auf einer Europatournee von 1783 bis 1786 spielte sie vor zahlreichen hochgestellten Persönlichkeiten, darunter dem französischen Königspaar Ludwig XVI. und Marie-Antoinette sowie dem englischen König Georg III. und seiner Gemahlin Charlotte. Valentin Haüy wurde bei einem Konzert 1784 von ihr derart fasziniert, dass er sich für die Ausbildung von Blinden einzusetzen begann.

Maria Theresia Paradis war eine der Töchter des Wiener Hofbeamten Joseph Anton Paradis und seiner Gattin Maria Rosalia. Benannt wurde sie nach ihrer vor ihrer Geburt verstorbenen Schwester Maria Theresia Clotildis (3. Juni 1758 – 17. März 1759). Neben den Zwillingsschwestern Josepha und Elisabeth hatte sie noch einige weitere Schwestern und Brüder. Ihr Großvater Claudius war Kammerdiener und dann „Gräflich Esterházy’scher Regent“, ihr Onkel Leopold war Tänzer, der „1753 nach Paris ging, um ‚dort besser tanzen zu lernen‘ und 1776 die Ballettschule des Moskauer Waisenhauses übernahm“. Als Maria Theresia Paradis ungefähr drei Jahre alt war, erblindete sie. Sie erhielt neben einer guten Allgemeinbildung Musikunterricht durch Wiener Musikgrößen wie Leopold Koželuh (Klavier), Vincenzo Righini, Abbé Georg Joseph Vogler (Gesang) und Antonio Salieri (Harmonielehre), der auch für längere Zeit zum Freundeskreis der Familie zählte.

Entgegen verbreiteten, auf Franz Gräffer zurückgehenden Behauptungen war „die Paradis“ kein Patenkind der Kaiserin Maria Theresia, erhielt jedoch finanzielle Unterstützung, eine sogenannte Gnadenpension, aus der persönlichen Börse der Kaiserin, die von Joseph II. später gestrichen wurde. Sie war seit 1775 als Pianistin in Wien sehr prominent und gab zahlreiche Konzerte.

In Wien wie auch auf ihrer großen Europatournee brachte sie neben vielen Werken ihres hauptsächlichen Lehrers Koželuh auch Klavierkonzerte von Joseph Haydn (nachweislich Konzert G-Dur Hob XVIII:4) und seltener von Wolfgang Amadeus Mozart zu Gehör. In einem Brief vom 16. Februar 1785 schreibt Leopold Mozart seiner Tochter Maria Anna von einem neuen Klavierkonzert, das sein Sohn „für die Paradis nach Paris gemacht“ habe. Dabei handelt es sich nach neueren Forschungen wohl um KV 456. Salieri widmete ihr sein 1773 entstandenes Orgelkonzert, das sie höchstwahrscheinlich ebenfalls öffentlich aufführte. Sie spielte nachweislich auf der Orgel der Augustinerkirche in Wien.

Nach einem Martyrium durch eine Vielzahl damals moderner Behandlungen, die ihre Blindheit kurieren sollten, galt sie den am Wiener Hof anerkannten Medizinern als unheilbar. Danach war sie einige Monate lang Patientin des zwar in Wien berühmten, aber von Kollegen angefeindeten Arztes Franz Anton Mesmer, wonach sich ihr Zustand zeitweise merklich besserte.

Nachdem ihre Eltern sie im Juni 1777 Mesmers Behandlung entzogen hatten, fiel sie wieder in vollkommene Blindheit zurück. Inwiefern diese Blindheit entstand oder was diese auslöste, wird bislang nur vermutet.

Zeitgenössische Berichte zeichnen ein anderes Bild ihrer Erkrankung und deren Heilungsversuchen. Am 15. Juni 1779 hatte sie an Mesmer als „Ihre glücklichste und dankbarste Tochter“ einen Dankesbrief gerichtet:

Nur zehn Tage später berichtete über das „seit ihrem 4ten Jahre am schwarzen Staare blinde Fräulein von Paradis“ die Brünner Reichs-Zeitung: „jetzt ist dies Fräulein wieder blind“.

Am 20. September 1813 ließ sie notariell beurkunden, sich getäuscht zu fühlen, und es sei keine Besserung ihres Sehvermögens durch Mesmers Behandlung eingetreten, was Johann Riedinger (s. u.) und Anton Peck bezeugten:

Eine große Tournee führte die Pianistin von 1783 bis 1786 unter anderem nach Hamburg, wo sie mit Carl Philipp Emanuel Bach zusammentraf, Berlin, in die Schweiz, nach Frankreich, England, in die Österreichischen Niederlande und nach Böhmen. Begleitet wurde sie von ihrer Mutter Maria Rosalia und von Sigmund Falgara (1752–1790, Musiker, mindestens bis Februar 1784) und ihrem Librettisten, Violinisten und späteren Lebensgefährten Johann Riedinger (vermutlich ab Herbst 1785), der ihretwegen eine Blindennotenschrift erfand. Nahezu alle Konzertbeschreibungen dieser Zeit lauten ähnlich:

Durch diese Konzertreise wurde Maria Theresia Paradis über die Grenzen Österreichs hinaus bekannt und beeindruckte und beeinflusste insbesondere Valentin Haüy und Johann Wilhelm Klein, die Begründer der ersten Blindeninstitute in Paris, Wien und Berlin. Für ihre Korrespondenz verwendete sie einen von Wolfgang von Kempelen, ihrem früheren Hauslehrer, entwickelten Setzkasten, eine Vorform der Blindenschreibmaschine. Damit war mit der Grundstein gelegt zur heutigen Blindenschrift von Louis Braille. Ihre Reisestationen lassen sich auch anhand ihres Stammbuchs, das sie auf der Reise mit sich führte, belegen – und dadurch auch etliche Persönlichkeiten, die sich darin eingetragen haben. Zwar reisten viele Musiker und Komponisten in dieser Zeit durch Europa, meist aber nur, um von ihrem Arbeitgeber z. B. zur Fortbildung nach Italien und zurück zu gelangen. Maria Theresia Paradis’ Reise ist – ähnlich wie die Wunderkinder-Reise der Mozarts von 1763 – etwas Außergewöhnliches. Eine weitere blinde Zeitgenossin von Maria Theresia Paradis, Marianne Kirchgeßner, war nahezu zeit ihres ganzen Lebens auf Tournee. Eine besondere Herausforderung stellten die Logistik, das teils noch schlecht ausgebaute Straßensystem und vor allem die teils üblen Unterkünfte in jener Zeit dar.

Bereits vor ihrer dreijährigen Konzertreise, die hauptsächlich ihren Ruf als Pianistin in die Welt trug, hatte Maria Theresia Paradis begonnen, Klaviermusik und Lieder zu komponieren. Während ihrer Reise dann entstanden ihre Zwölf Lieder, deren Druckkosten von Luise Eleonore von Sachsen-Meiningen, einer Förderin aus Begeisterung, erstattet wurden. Nach ihrer Rückkehr widmete sich Maria Theresia Paradis in Wien intensiver der Komposition. Eine weitere bedeutende Förderin für ihr Vorankommen wurde ihre Brieffreundin Sophie von La Roche. Spätere vorgesehene Konzertreisen nach Italien und Russland kamen nicht zustande.

Paradis komponierte neben Liedern ein Melodram, Kantaten, Kammermusik, Klavierkonzerte, Singspiele und Opern. Erst wenig davon konnte bisher erforscht werden, da diese Kompositionen zum großen Teil nur durch Aufführungsdaten und zeitgenössische Besprechungen bekannt sind. Ihre Singspiele und Opern, die sie in den 1790er-Jahren schrieb und die im Theater am Kärntnertor uraufgeführt wurden, fanden Anklang.

Bei der von Valentin Haüy 1784 in Paris gegründeten Institution royale des jeunes aveugles („Königliche Anstalt für junge Blinde“), gehörte sie zu den Mitinitiatoren.

1808 gründete sie in ihrer Wohnung zum „Schab den Rüssel“ in der Rothenturmstraße CN. 482 in Wien ein Institut für musikalische Erziehung, an dem sie blinde und sehende Mädchen und junge Frauen in Klavier, Gesang und Musiktheorie unterrichtete. Dies war möglich durch einen eigens für sie angefertigten Notensetzkasten, mit dem Musik begreifbar gemacht werden konnte:

„Sie hat kleine Karten, auf welche ausgeschnittene Noten in ihrer wahren Gestalt aufgeklebt sind. (...) Nun gibt sie den Kindern diese Noten zu erkennen (da sie erhaben auf den Karten liegen, so sind sie ihr so geläufig wie die geschriebenen) und um ihnen den Wert derselben recht begreiflich zu machen, handelt sie spielend mit derselben; sie gibt z. B. eine ganze Note hin, und lässt sich den Werth derselben nach und nach in Halben, Vierteln u.s.w. dafür geben, auf andern Blättern hat sie die ganze Scala der Violin und des Basses; (...) Um Geläufigkeit im Spiele, und den Fingersatz bald zu lernen, gibt sie ihnen Läufe und gewisse Passagen durch alle Tonarten, (...) um überhaupt sicher zu seyn, das sie überall die rechten Finger nehmen, auch die Hände schön halten, schwebt immer ganz leicht ihre Hand darüber her. Da nun ihr Eifer, ihr Fleiss und Unverdrossenheit unermüdet sind, so erreicht sie den schönen Zweck eine Schule zu bilden, die einstens von der Zeit ihren Ruf bekommen und gewürdigt werden wird.“ „Wirklich sind sie [die Schülerinnen] sich auch alle mit schwesterlicher Liebe zugethan, und alle hängen mit ganzer Seele an ihrer Meisterinn, von der sie nie ein böses Wort, sondern nur Liebe empfangen.“

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