Maria Austria (bürgerlich Marie Karoline Oestreicher; * 19. März 1915 in Karlsbad, Österreich-Ungarn; † 10. Januar 1975 in Amsterdam) war eine österreichisch-niederländische Fotografin, die als wichtige Nachkriegsfotografin der Niederlande gilt. Neben sozialkritischen Fotoreportagen lag der Schwerpunkt ihres Schaffens, das dem Neorealismus zuzuordnen ist, in der Theater- und Dokumentarfotografie.
Marie Karoline Oestreicher wuchs im damals zur österreichisch-ungarischen Monarchie gehörenden böhmischen Karlsbad als Tochter des früh verstorbenen Bezirks- und Badearztes Karl Oestreicher (1864 – März 1915) und seiner Ehefrau Clara, geb. Kisch (1871–1945), zusammen mit ihren weit älteren Geschwistern Felix (1894–1945) und Lisbeth (1902–1989) in einer gutbürgerlichen, jüdischen assimilierten Familie in einem intellektuellen und künstlerischen Umfeld auf. Bis 1918 besaß sie die österreichische Staatsbürgerschaft, danach die tschechoslowakische. Von 1928 bis Juni 1933 besuchte sie das örtliche Mädchengymnasium, das sie mit sehr guten Noten abschloss. Während dieser Zeit begann sie zu fotografieren. Ab dem Sommer 1933 lebte sie in der Wiener Rathausstraße, kaufte sich eine Leica und eine Rolleiflex und begann am 18. September eine dreijährige Ausbildung zur Fotografin an der Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt Wien – Abteilung Photographie und Reproduktionsverfahren, einschließlich eines Praktikums von Februar 1934 bis Juli 1935 im Wiener Fotoatelier Willinger in der Kärntnerstraße. Nach dem Abschluss mit „Sehr gut“ am 4. Juli 1936 wurde sie als freie Fotografin tätig. Sie war kulturell interessiert, besuchte avantgardistische Theaterinszenierungen und kleine experimentelle Theater und fand Anregungen in den Kreisen linker Künstler und Theaterleute rund um den Wiener Naschmarkt.
Im Sommer 1937 verließ sie Österreich wegen des zunehmenden Einflusses des nationalsozialistischen Deutschlands und dem wachsenden Antisemitismus und zog zu ihrer Schwester Lisbeth in die Niederlande, die sich nach einer Ausbildung als Textilgestalterin in der Weberei am Bauhaus Dessau in Amsterdam niedergelassen hatte. Aus Wien an anspruchsvolle Aufträge gewöhnt, musste Maria sich in Amsterdam erst einen Ruf erarbeiten. Sie lernte Niederländisch, erfüllte jede kleine Aufgabe, fotografierte ab Anfang 1938 in ihrem gemeinsamen Studioatelier Model en Foto Austria (Mode- und Fotostudio Austria) die Strickmodelle der Schwester, führte Werbe- und Porträtaufträge aus. Sie entwickelte ihre Negative selbst, lieferte Reportagen und kam langsam ins Geschäft mit Zeitschriften. Sie veröffentlichte unter anderem in den Zeitschriften Libelle und Wij und knüpfte Kontakte zu politisch und kulturell Gleichgesinnten in der Nederlandsche Filmliga. So lernte sie in dieser Zeit die Regisseure Joris Ivens und John Fernhout kennen und die aus Ungarn stammende Fotografin Éva Besnyő. Mit dem Umzug in die Noorder Amstellaan im Stadtviertel Rivierenbuurt 1939 verwendete sie nur noch den Künstlernamen Maria Austria.
Nach dem Überfall auf die Niederlande am 10. Mai 1940 und der Besetzung durch die deutsche Wehrmacht wurden die Lebensbedingungen für jüdische Menschen zunehmend schwieriger durch die wachsenden Repressalien während der deutschen Besatzung wie Meldepflicht für Juden, Ausgrenzung aus dem öffentlichen Leben, Ausschluss aus Vereinen, Berufs- und Schreibverbote. Da sie vom Berufsverbot für jüdische Fotografinnen und Fotografen betroffen war, musste Austria im Mai 1941 ihre Arbeit aufgeben und begann, als Krankenschwester im Portugiesisch-Israelitischen Krankenhaus auf der Halbinsel Rapenburg im Stadtviertel Jodenbuurt zu arbeiten und als Lehrerin für Fotografie für den Judenrat Amsterdam. Im April 1942 schloss sie mit dem deutsch-jüdischen Kaufmann Hans Bial (1911–2000) eine Zweckehe, die im Dezember 1945 geschieden wurde.
Ihre Schwester Lisbeth wurde 1942 im Lager Westerbork interniert, ebenso wie 1943 ihre Mutter und ihr Bruder mit Familie, die 1938 in die Niederlande geflohen waren. Maria Austria tauchte stattdessen unter, lebte ab Mitte 1943 in wechselnden Unterkünften und begann für den niederländischen Widerstand zu arbeiten. Während dieser Zeit lernte sie im Versteck im Dachgeschoss des Hauses in der Amsterdamer Vondelstraat 110 ihren späteren Mann Hendrik („Henk“) Pieter Jonker kennen, dem sie das Fotografieren beibrachte. Jonker war als Beamter für das Amsterdamer Einwohnermelderegister tätig. Gemeinsam mit ihm und anderen jüdischen Fotografen und Fotografinnen wie Éva Besnyő fertigten sie für den Widerstand falsche Personalausweise und Maria übernahm unter dem Pseudonym Elizabeth Huijnen Kurierdienste. Ihre Mutter kam im April 1945 im KZ Bergen-Belsen um, ihr Bruder Felix und dessen Frau starben kurz darauf an den Folgen der Belsener Haft. Lisbeth überlebte in Westerbork und nahm die drei verwaisten Nichten Beate, Helly und Maria auf, die von ihr und Maria Austria betreut wurden.
Nach dem Krieg nahm sie Aufträge für Modeberichte an und gründete 1945 gemeinsam mit Henk Jonker, Aart Klein und Wim Zilver Rupe nach der Kapitulation der deutschen Wehrmacht am 4. Mai 1945 am Willemsparkweg 120 die Fotoagentur Particam (Partizanen Camera). Die kanadischen Alliierten lieferten anfänglich den Fotografen Filmmaterial für die Dokumentation des Lebens in den zerstörten Städten. Mit Genehmigung der Nationalen Streitkräfte entstanden sozialkritische Fotoreportagen des Wiederaufbaus und Elends für die freie niederländische Presse. Die dokumentarischen Berichte, bei denen das Alltagsleben der Bevölkerung im Fokus stand, erschienen in Zeitungen und Zeitschriften. Von 1949 bis Anfang der sechziger Jahre hatten Maria Austria und Jonker auf der Rückseite des Algemeen Handelsblad eine Serie mit einem festen Fototeil zu wechselnden gesellschaftlichen Themen.
Daneben fotografierten sie Personen der darstellenden Künste in den Niederlanden. Diese Fotografien erschienen in Programmheften und Theatervitrinen. Sie wurden eingeladen, die ersten Vorstellungen in der Stadsschouwburg Amsterdam zu dokumentieren. Zum wichtigen Auftraggeber wurde ab 1947 das Holland Festival in Amsterdam. Sie fotografierten auch ab 1949 Aufführungen in De Nationale Opera (Niederländische Opernstiftung (De Nederlandse Operastichting)) und Orchester, wie ab 1951 das Concertgebouw-Orchester. Im März 1950 heiratete Maria Austria Henk Jonker und wurde ins Niederländische eingebürgert. Zunehmend konzentrierte sie sich auf Reportagen von Theateraufführungen und experimentellen Musik- und Tanzdarbietungen, Opern- und Ballettproduktionen. Nach dem Weggang von Wim Zilver Rupe und Aart Klein 1956 und der Scheidung von Henk Jonker 1963 führte sie das Büro Particam alleine weiter, beschäftigte Assistenten und Lehrlinge, u. a. Vincent Mentzel, Jaap Pieper und Bob van Dantzig. Die Ehe mit Henk Jonker wurde am 28. Oktober 1969 aufgelöst. Sie war bis zu ihrem Tod 1975 Hausfotografin des seit 1972 in Amsterdam ansässigen Mickery Theaters, Spielort für internationales, alternatives Experimentelles Theater und eine der wichtigsten Bühnen für freie Ensembles in Europa. Für das Holland Festival und Mickery Theater fotografierte sie tagsüber die Empfänge und Proben, abends die Aufführungen oder Konzerte und entwickelte danach die Fotos, um sie morgens vor Redaktionsbeginn an die überregionalen Zeitungen und Agenturen zu liefern. Die Fotos der hochkarätigen Auftritte verschafften ihr nationalen Ruhm.
Maria Austria war unter anderem Mitglied der Nederlandse Vereniging van Fotojournalisten (Vereinigung der Niederländischen Fotojournalisten) und von 1945 bis zu ihrem Tod Vorstandsmitglied der Abteilung Fotografie der Vereniging van Beoefenaars der Gebonden Kunsten (später: Gebonden Kunstenaars federatie (Verband für Angewandt Kunst) (GKf)). In dieser Eigenschaft setzte sie sich für die Anerkennung der Fotografie als vollwertige Kunstdisziplin ein und plädierte beim Ministerium für Bildung, Kunst und Wissenschaft für einen eigenen Etat im Staatshaushalt zum Ankauf und zur Ausstellung von Fotografien in den Museen. Sie bestand auf der Namensnennung bei der Veröffentlichung ihrer Fotos in Zeitschriften und untersagte das Beschneiden ihrer Bilder. Am 10. Januar 1975 starb Maria Austria in Amsterdam nach einer schweren Grippe.