Margot Honecker, geborene Feist (* 17. April 1927 in Halle an der Saale; † 6. Mai 2016 in Santiago de Chile), war eine deutsche Politikerin (SED). Von 1963 bis 1989 war sie Ministerin für Volksbildung der DDR. Sie war die dritte Ehefrau von Erich Honecker.
Nach der deutschen Wiedervereinigung floh sie mit ihrem Mann zunächst nach Moskau, 1992 gewährte ihr die chilenische Regierung Asyl. Sie lebte bis zu ihrem Tode in einem Vorort von Santiago de Chile.
Margot Feist wurde am 17. April 1927 als Tochter des Schuhmachers Gotthard Feist (1906–1993) und der Matratzenfabrikarbeiterin Helene, geb. Horst (1906–1940) im Glaucha-Viertel in Halle (Saale) geboren. Die Eltern gehörten der KPD an, für die sie sich auch nach 1933 illegal engagierten. Ihr Vater Gotthard Feist war in den 1930er-Jahren im KZ Lichtenburg, im Zuchthaus Halle und von 1937 bis 1939 im KZ Buchenwald inhaftiert. Die Wohnung der Feists in der Torstraße 36 in Halle war bis 1938 eine von drei Anlaufstellen für Kuriere und Material der KPD-Abschnittsleitung aus Prag. Ihre Mutter Lene Feist starb 1940, als Margot gerade 13 Jahre alt war; danach lebte sie einige Zeit in Hamburg mit der Familie von Wolf Biermann. Sie absolvierte die Volksschule und war von 1938 bis 1945 Mitglied im Bund Deutscher Mädel, dem weiblichen Zweig der Hitlerjugend. Sie machte eine Lehre als kaufmännische Angestellte und arbeitete danach als Telefonistin und Stenotypistin. Ihr Bruder, Manfred Feist, war von 1966 bis 1989 Leiter der Abteilung für Auslandsinformation beim Zentralkomitee der SED (ZK).
Ihren späteren Ehemann Erich Honecker lernte die damals 22-jährige Margot Feist in ihrer Funktion als gerade erst ernannte Vorsitzende der Pionierorganisation Ernst Thälmann im Dezember 1949 während einer Reise der offiziellen DDR-Delegation nach Moskau anlässlich der offiziellen Feierlichkeiten zum 70. Geburtstag des sowjetischen Diktators Josef Stalin näher kennen. Der frisch mit der stellvertretenden FDJ-Vorsitzenden Edith Baumann verheiratete Vorsitzende der einzigen zugelassenen Jugendorganisation der DDR, der FDJ, begann dort eine Affäre mit der wesentlich jüngeren FDJ-Funktionärin, die er schon aus ihrer Tätigkeit in der FDJ-Fraktion des Deutschen Volksrates und der Provisorischen Volkskammer kannte, und versuchte diese Liaison geheim zu halten. Als die Beziehung ruchbar wurde, forderte Honeckers Frau den SED-Generalsekretär Walter Ulbricht auf, ein Machtwort zu sprechen. Zunächst wurde diese uneheliche Verbindung von der Parteispitze jedoch geduldet. Als nach einigen Jahren wilder Ehe von Feist und Honecker am 1. Dezember 1952 deren gemeinsame Tochter Sonja (gestorben im März 2022 in Santiago de Chile) geboren wurde, drängte Ulbricht den FDJ-Vorsitzenden, der zu der Zeit auch Kandidat des SED-Politbüros war, sich von Edith Baumann scheiden zu lassen. Honecker folgte dem, um seine Parteikarriere nicht zu gefährden. Da die Liebesbeziehung zwischen Feist und Honecker bei der Parteileitung keinen Zuspruch fand, weil sie nicht ihrer Idealvorstellung vom sozialistischen Menschen entsprach, wurden beide nacheinander für jeweils ein Jahr an die Moskauer Kaderschmiede Hochschule des Komsomol abkommandiert. Für diesen Auslandsaufenthalt 1953/1954 musste Margot Honecker ihre erst acht Monate alte Tochter in Berlin zurücklassen. Die Eheschließung mit Honecker fand nach offiziellen Angaben 1953, laut dem Literaturwissenschaftler Ed Stuhler erst 1955 statt. Das Heiratsdatum 1953 sei auf eine Manipulation der Akten zurückzuführen. Gemäß Helga Labs war Margot Honecker in der Ehe die Dominierende: „Sie war die Intelligentere und hat die Linie bestimmt – in der Ehe wie in der Politik.“
Die Ehe war zwar seit den 1970er-Jahren zerrüttet und das Paar galt die letzten 20 Jahre vor dem Fall der Mauer als getrennt; doch um des Scheins willen blieben die beiden bis zum Tod Erich Honeckers 1994 zusammen.
Politische Karriere in der SED
1945 trat Margot Feist der KPD bei. Mit der Zwangsvereinigung von SPD und KPD wurde sie 1946 Mitglied der SED und arbeitete als Stenotypistin beim FDGB-Landesvorstand von Sachsen-Anhalt.
Mit 19 Jahren absolvierte sie ihre ersten FDJ-Lehrgänge; 1946 wurde sie Mitglied des Sekretariats des FDJ-Kreisvorstandes von Halle und FDJ-Sekretärin für Agitation und Propaganda. 1948 war sie Leiterin der Abteilung für Kultur und Erziehung sowie Sekretärin für Kultur und Erziehung im FDJ-Landesvorstand Sachsen-Anhalt. 1949 war sie Sekretärin des Zentralrates der FDJ und Vorsitzende der Pionierorganisation Ernst Thälmann. Mit 21 gehörte sie zu den jüngsten Mitgliedern des Deutschen Volkskongresses. Nach der Gründungsversammlung der DDR war sie ab 1949 Abgeordnete der Volkskammer der DDR.
1954 kam sie auf Wunsch Walter Ulbrichts ins Ministerium für Volksbildung (MfV), wo sie die Abteilung Organisation im Bereich der Lehrerbildung leitete. Durch einen neuen Ideologieschub wurden in der Volksbildung und in den Erziehungswissenschaften Maßregelungen eingesetzt, mit denen die seit Mitte der 1950er Jahre aufkommenden Reformbestrebungen und Liberalisierungstrends abgewürgt werden sollten. Infolgedessen wurden der Staatssekretär Fritz Lange und der Minister Hans-Joachim Laabs unter dem Vorwurf des „Revisionismus“ und „Dogmatismus“ abgelöst, und Alfred Lemmnitz erhielt den Ministerposten. Margot Honecker stieg zum stellvertretenden Minister des MfV auf, und in der Folge gelangten Personen aus dem Partei- und FDJ-Apparat in Leitungsfunktionen des Ministeriums, denen es an Fachkompetenz mangelte. 1963 räumte Lemmnitz den Ministerstuhl, und sie wurde und blieb Minister für Volksbildung mit der Anrede „Genossin Minister“ bis 1989. Ab 1963 gehörten ausschließlich SED-Mitglieder zu ihrem Führungsstab, allen voran Staatssekretär Werner Lorenz, den sie aus Karl-Marx-Stadt nach Berlin holte und dem der Ruf vorauseilte, „ihr Mann fürs Grobe und Verbindungsmann zur Stasi zu sein“. Ab 1963 krempelte sie das Bildungssystem in der DDR ideologisch im Sinne der orthodoxen Lehre des Realsozialismus um. Honecker war hauptverantwortlich dafür, dass Kinder, deren Eltern wegen „ungesetzlichen Grenzübertritts“ oder „Spionage“ inhaftiert worden waren, oft ohne die Einwilligung der Eltern, zur Zwangsadoption freigegeben wurden. Oft leitete sie Beschwerden an ihr Ministerium direkt an das MfS weiter.
Als neu ernannte Bildungsministerin nahm Margot Honecker weder die ZK-Abteilung Volksbildung, als oberste Kontrollinstanz für die Bildungspolitik der SED, noch deren Leiter Lothar Oppermann sonderlich ernst. Der Machtantritt ihres Mannes im Mai 1971 brachte ihr schließlich einen Zuwachs an Machtfülle und Autorität, der ihre Kompetenzen als Ministerin weit überstieg. Dadurch wurden ihre bildungspolitischen Entscheidungen nahezu unangreifbar. Wiederholt beschwerte sich der Abteilungsleiter Oppermann bei ihr und bemängelte ihren autokratischen Führungsstil, was sie jedoch verhallen ließ. Zielstrebig hatte sie seit ihrem Amtsantritt 1963 darauf hingewirkt, jeglichen Einfluss auf das Schulwesen seitens des für das Bildungswesen zuständigen ZK-Sekretärs, Kurt Hager, zu schmälern und ganz zu unterbinden. Schließlich schaffte es Margot Honecker, die Volksbildung zum einzigen Ressort zu machen, in dem ein Ministerium den Vorrang vor der zugehörigen ZK-Abteilung und sogar dessen ZK-Sekretär hatte. Sie misstraute allem Westlichen, aber auch Mitgliedern in den eigenen Reihen, hatte Vorbehalte gegenüber den „bürgerlichen“ Wissenschaften, erstickte risikoscheu neue Entwicklungen im Keim und ging argwöhnisch notwendigen Veränderungen aus dem Weg, um den Status quo beizubehalten. Unter ihrer Leitung entwickelte sich das Ministerium für Volksbildung nach Auffassung von Historikern zur letzten Hochburg des Spätstalinismus. Der Historiker Jürgen Kuczynski äußerte bezüglich kolportierter Kontroversen, inwieweit sie ihren Mann politisch maßgeblich beeinflussen könne: „Sie war klüger als er, aber ein Biest“.
In einem System von Spezialheimen der Jugendhilfe, in denen in straff organisierten Jugendwerkhöfen mittels politisch-ideologischer Kollektiv- und Arbeitserziehung Jugendliche durch militärischen Drill und ein ausgeklügeltes System aus Lob und Strafe zu sozialistischen Persönlichkeiten umgeformt werden sollten, war der einzige geschlossene Jugendwerkhof (GJWH) in Torgau ausschließlich dem Ministerium Margot Honeckers rechenschaftspflichtig. In dieser strafvollzugsähnlichen „Umerziehungsanstalt“ wurden unangepasste, verhaltensauffällige und politisch widerständig gewordene Jugendliche durch tägliche Appelle, Drill und Strafen drangsaliert. Der GJWH war eine praktisch grundrechtsfreie gefängnisähnliche Disziplinierungsanstalt, in der Teenager willkürlich und ohne entsprechendes Strafurteil zwangseingewiesen und gefangen gehalten wurden, um sie durch Psychoterror, physische Gewalt und Isolationshaft nachhaltig zu widerspruchslosem Gehorsam zu zwingen.