(Francesca) Margherita de L’Épine (auch: Françoise Marguerite de L’Épine, Margarita de L’Epine, Margarita De l’Espine, la Margherita, Signora Margherita, Signora Margarita, Mrs. Margarita; * ca. 1680–1683; † 8. August 1746 in London) war eine Sängerin (Sopran) des Barock, deren Name mit den Anfängen der italienischen Oper in England und insbesondere mit Georg Friedrich Händel verbunden ist. Sie trat jedoch auch in englischen Werken auf und war die Frau des Komponisten Johann Christoph Pepusch.
Sie galt und gilt oft als erste italienische Sängerin, die öffentlich in England auftrat, ihr Nachname deutet jedoch auf eine französische oder französisch-italienische Herkunft, oder einen ersten französischen Ehemann – es spricht jedoch alles dafür, dass ihre Gesangsausbildung italienisch war. Sie selbst unterzeichnete auch als Françoise Marguerite de L’Épine.
Es ist auch nicht ganz gesichert, wann sie zuerst nach England kam. Manchmal wurde vermutet, dass sie identisch mit „einer italienischen Dame“ („Italian lady“) wäre, die im Januar 1692–93 in der London Gazette erwähnt wird, „kürzlich nach England gekommen und berühmt für ihren Gesang“ sei. Die besagte Sängerin ließ ankündigen, dass sie „jeden Dienstag in den York-Buildings und donnerstags in Freeman’s Yard in Cornhill auftreten“ würde. Dass es sich dabei um die de L’Épine handelte, ist jedoch nicht sehr wahrscheinlich, wenn man bedenkt, dass diese um den Jahreswechsel 1723–24 ein Kind bekam. Denn selbst wenn die „Italian lady“ von 1692 bis 1693 zu dem Zeitpunkt noch sehr jung, z. B. 18 Jahre alt, gewesen wäre (also 1673–74 geboren), wäre sie 1724 mindestens 50 gewesen.
Laut Winton Dean sang Margherita von 1698 bis 1700 in Venedig und wurde dabei als Virtuosin des Herzogs von Mantua bezeichnet. Nachweislich stand sie im Karneval 1700 im Teatro Sant’Angelo in einem Pasticcio L’ oracolo in sogno (mit Musik von Caldara, C. F. Pollarolo und Quintavalle) als Berenice auf der Bühne, neben der jungen Margherita Durastanti.
Es heißt, Margherita de L’Épine sei zusammen mit dem Komponisten Jakob Greber (als dessen Geliebte ?) nach England gekommen, welcher dort zum ersten Mal 1703 nachgewiesen ist. Mit von der Partie war wahrscheinlich auch ihre Schwester Maria Gallia, die ebenfalls Sängerin, aber nicht so erfolgreich, war. Margherita wird in England zum ersten Mal eindeutig erwähnt, als sie am 27. Mai 1703 in einem Theaterstück namens „The Fickle Sheperdesse“ sang und für diesen Auftritt die enorme Summe von 20 Guineas erhielt, etwa so viel, wie manche Schauspieler in einem halben Jahr verdienten. Margherita machte schnell Furore und sang in privaten Konzerten in den Häusern des englischen Adels. Queen Anne lud sie zu einem Konzert an den königlichen Hof und ließ ihr dafür 30 Guineas auszahlen. Für ein Hofkonzert vor Erzherzog Karl (VI.) erhielt sie 40 Guineas, mehr als alle anderen Sänger (darunter Catherine Tofts), die nur 30 bekamen. Der Earl of Nottingham, Staatssekretär der Königin, wurde ein besonders begeisterter Bewunderer und Mäzen von Margherita, und eventuell wurde sie sogar seine Mätresse.
Im Lincoln’s-Inn-Fields sang sie am 1. Juni 1703 zum angeblich letzten Male in England „vier ihrer beliebtesten italienischen Arien“ („four of her most celebrated Italian songs“), denen sie jedoch ein weiteres Konzert am 8. Juni folgen ließ, wo sie auch ein Lied namens „The Nightingale“ (die Nachtigall) vortrug.
Ihr großer Erfolg hielt Margherita de L’Épine jedoch in London. Im Drury Lane Theatre trat sie zum ersten Mal am 29. Januar 1704 auf und sang zwischen den Akten eines Theaterstücks Arien von Greber.
Sehr bald kam es jedoch mit der englischen Sängerin Catherine Tofts zu einer ernsthaften Rivalität, die durch das teilweise nationalistische Publikum, das sich in zwei Lager spaltete, noch aufgeheizt wurde (ähnlich wie später bei den „rival queens“ Cuzzoni und Bordoni). Schon bei De L’Épines zweitem Auftritt im Drury Lane am 5. Februar 1704 wurde sie von einer Zofe oder Magd der Tofts namens Ann Barwick ausgepfiffen und mit Orangen beworfen. Um dem Verdacht vorzubeugen, dass die Frau von ihr persönlich angestiftet worden sein könnte, entschuldigte sich Catherine Tofts allerdings in einem Brief an den Manager des Theaters und verlangte eine gerechte Strafe für das Fehlverhalten der Barwick. Der „Sängerinnen-Krieg“ ging jedoch weiter und inspirierte mehrere Zeitungsschreiber und Poeten. Dabei wurde sie von einigen Leuten mit Spottnamen wie „Greber’s Peg“ („Grebers Nagel“) oder „The Tawny Tuscan“ (frei etwa: „die toskanische Eule“) bezeichnet.
John Hughes beschrieb in einem Gedicht die Wirkung von Margherita de L’Épines Gesang und erwähnte dabei einige ihrer adligen Bewunderer:
Margherita de L’Épine und Catherine Tofts waren zu dieser Zeit die bestbezahlten Sängerinnen Londons und erhielten mit 400 Pfund pro Saison eine für die damalige Zeit sehr hohe Gage, die das normale Gehalt eines Schauspielers weit überstieg. Nur der berühmte Kastrat Nicolino bekam mit 430 Pfund noch etwas mehr.
1705 sang Margherita einige Arien (oder Kantaten?) vor und nach der Oper Arsinoe, und in Grebers Oper The Temple of Love hatte sie 1706 laut Burney die weibliche Hauptrolle. In Libretti oder auf Plakaten wurde sie häufig als „Signora Margherita“ (oder „Signora Margarita“) bezeichnet. Im Drury Lane Theatre sang sie im April 1706 die Titelrolle in Thomyris, einem von Pepusch arrangierten Pasticcio mit Musik von Alessandro Scarlatti und Bononcini (ein Jahr später sang sie darin die Rolle des Tigrane).
Nicht selten übernahm sie Männerrollen (anstelle von Kastraten), so sang sie am Drury Lane im Dezember 1706 den Prenesto in Bononcinis Camilla in einer Adaption von Haym, welches laut Dean die erste italienische Oper in London war (aber noch teilweise in englischer Sprache).
Von 1708 bis 1714 war sie dann am noch ganz neuen Queen’s Theatre. Im Februar 1708 sang sie dort die Partie des Olindo in Love’s Triumph und später die Rolle des Mario in Alessandro Scarlattis Pirro e Demetrio (arrangiert von Haym). Es folgten 1708–1709 die Titelrollen in Camilla (anstelle von Catherine Tofts) und in La Clotilde, und 1710 in dem Pasticcio Almahide (mit Musik von Bononcini u. a.), der ersten Londoner Opernproduktion, die vollständig in italienischer Sprache gehalten war. Im selben Jahr trat sie neben Nicolino in dem erfolgreichen L’Idaspe fedele (oder Hydaspes) von Francesco Mancini auf; 1711–1712 sang sie in Francesco Gasparinis Antioco und Ambleto.
Am 23. Januar 1712 sang sie zum ersten Mal in einem Werk von Händel, und zwar als Goffredo in dessen Rinaldo. In der Folge komponierte Händel für sie die Rollen der Eurilla in Il pastor fido (1712), der Agilea in Teseo (1713) und wahrscheinlich der Flavia in Silla (1713). Möglicherweise war sie 1718 auch die erste Galatea in der privaten Uraufführung von Händels Acis and Galatea in Cannons.
Daneben sang sie am Queen’s Theatre bis 1714 in mehreren Pasticci: in Ernelinda, Dorinda, Creso und Arminio.
Die de L’Épine beschränkte sich keineswegs nur auf die italienische Sprache, sondern sang auch in Englisch und machte sich durchaus für die englische Oper oder Masques stark. Schon 1707 in Camilla hatte sie nur „teilweise italienisch“ gesungen, im Jahr 1715 konnte sie dann „tolerably well“ (ganz akzeptabel) Englisch singen. Davon zeugen auch die Partien, die sie zwischen 1714 und 1716 am Drury Lane Theatre übernahm, wie der Adonis in Pepuschs Masque Venus and Adonis, die Titelrolle in Myrtillo, Apollo in Apollo and Daphne, sowie die Dido in The Death of Dido (Der Tod der Dido) von Pepusch und Booth.
Im Frühling 1717 wechselte sie wieder an das Lincoln’s Inn Fields Theatre, wo sie in Camilla, in Calypso and Telemachus, in Venus and Adonis und in Circe sang.
Nach dem 28. Mai 1719 scheint sie sich von der Bühne zurückgezogen zu haben, sprang jedoch im Juni 1720 für die erkrankte Ann Turner Robinson ein und sang für die neugegründete Royal Academy of Music in Domenico Scarlattis Narciso und in Giovanni Portas Numitore, sowie als Polissena in Händels Radamisto.