Margaret Benson (* 16. Juni 1865 im Wellington College, Crowthorne, Berkshire; † 13. Mai 1916 in Wimbledon) war die erste Frau, der eine Konzession in Ägypten gewährt wurde, als Amateur-Archäologin Ausgrabungen im Tempelbezirk der Göttin Mut in Karnak durchzuführen.
Margaret war das vierte von sechs Kindern von Mary geb. Sidgwick, Schwester des Philosophen Henry Sidgwick, und Edward White Benson, dem ersten Rektor (1859–1872) des neu gegründeten Wellington College. Alle Kinder wurden hier geboren. Der Vater stieg auf im Dienst der Church of England, zunächst als Kanzler der Diözese von Lincoln 1872–77, dann Bischof der neuen Diözese von Truro 1877–82, wo er 1880 die erste Highschool für Mädchen gründete, die Margaret und ihre ältere Schwester Mary Eleanor „Nelly“ Benson (1863–1890) besuchten. 1882 wurde er schließlich Erzbischof von Canterbury. Jedes Mal war die Beförderung mit einem Umzug für die Familie verbunden. Sie lebten dann im Lambeth Palace in London, dem offiziellen Sitz des Erzbischofs. Hier begegneten Margaret und ihre Geschwister literarischen Größen, wie z. B. Alfred Lord Tennyson und Henry James. In dieser Familie waren die Erwartungen des Vaters an seine Kinder hoch, denn sie wuchsen in einer intellektuellen Umgebung auf. Drei ihrer Brüder wurden bekannte Autoren: Arthur Christopher Benson (1862–1925), unterrichtete in Eton, Edward Frederic „Fred“ Benson (1867–1940) wurde ein bekannter Schriftsteller und Robert Hugh Benson (1871–1914), Geistlicher, trat 1903 zum römisch-katholischen Glauben über, was einen Skandal auslöste. Margarets ältere Schwester Nelly starb mit 27 Jahren an Diphtherie, wie auch der älteste Bruder Martin 1878 in Winchester.
Margarets Schwester Nelly studierte bereits seit zwei Jahren Mathematik und Englische Literatur im erst zwei Jahre zuvor in Oxford eröffneten Lady Margaret Hall College für Mädchen, als sie 1883 wegen ihrer schlechten Gesundheit zurück nach Hause gerufen wurde. Nun nahm Margaret im Alter von 18 Jahren ihren Platz dort ein. Sie studierte Politik, Wirtschaft und „moral science“. Sie spielte Cricket und Feldhockey und lernte Schwimmen, so dass sie an Bootsrennen teilnehmen konnte. Als Schauspielerin gehörte sie der Shakespeare und Browning Gesellschaft an und sie hatte ein besonderes Talent im Zeichnen und Malen mit Wasserfarben. Sogar John Ruskin lobte ihre Zeichnungen und meinte, sie sollte später am College als Lehrerin bleiben. Nach drei Jahren legte sie 1886 ihre Prüfungen ab und verließ Oxford vor dem „final year“. Danach schrieb sie ihr Buch Capital, Labour, Trade and the Outlook. Margaret war jedoch von zarter Gesundheit. Die Familie reiste im Sommer oft nach Zermatt in die Schweiz und 1885 erkrankte Margaret dort an Scharlachfieber. Sie pendelte zwischen Lambeth Palace und Addington Park, dem Landsitz bei Croydon, wo sie malte und reiten lernte. 1887 reiste sie nach Menton in Südfrankreich. Im Alter von 25 Jahren litt sie an Symptomen von Rheuma und Arthritis und suchte Linderung in Aix-les-Bains. 1893 wurde ihr empfohlen, in das warme, trockene und reine Klima von Ägypten zu reisen, was damals in England groß in Mode war.
Im Januar 1894 kam sie in Alexandria an und besuchte als Touristin Kairo und Gizeh. Dann reiste sie bis nach Assuan und Philae und richtete sich in Luxor ein, um hier und in Karnak ihre Besuche zu planen, denn außer dem Esel gab es keine Fortbewegung über Land. Sie hatte von Granit-Statuen mit „Katzenköpfen“ gehört (die löwenköpfigen Statuen der Göttin Sachmet) und die Jungen mit den Eseln kannten den Weg dorthin: zum Tempelbezirk der Mut. Dieser ist an drei Seiten von einer Mauer umgeben und liegt ziemlich isoliert. Er hatte einen eigenen „heiligen See“ in Form eines Hufeisens, der ihn pittoresk, romantisch und unwiderstehlich in Margarets Augen erscheinen ließ.
Die Göttin Mut war die Gattin des Amun, von dem sie ihren Namen „Amaunet“ erhielt. Mit dem Reichsgott Amun und ihrem gemeinsamen Sohn Chons wurde sie besonders während des großen Opetfestes verehrt, indem man vor ihrer heiligen Barke Opfer darbrachte. Irgendwann wurde sie der Löwengöttin angeglichen und mit dem Kopf einer Löwin dargestellt und besaß dann – wie Sachmet – einen kriegerischen Charakter. Mut und Chons hatten ihre eigenen Tempel, aber am prächtigsten war der von Amun.
Seit Beginn ihrer Reise war sie von den antiken Stätten fasziniert, ebenso wie von den Tieren und Vögeln. Sie begann mit dem Studium der alten ägyptischen und arabischen Sprachen und als sie im März abreiste, wusste sie bereits, dass sie im Herbst wiederkommen würde.
Die Konzession für den Tempelbezirk der Göttin Mut
Margaret verfolgte hartnäckig die Idee, das Gebiet der Göttin Mut in Karnak auszugraben. Ende November 1894 war sie wieder in Ägypten und kümmerte sich in den Schwefelquellen von Helwan, südlich von Kairo gelegen, um Linderung ihrer rheumatischen Leiden. Gleichzeitig bat sie die ägyptischen Behörden um Genehmigung ihres Projekts, die jedoch verweigert wurde, obwohl professionelle Archäologen bisher keinerlei Interesse an diesem Teil von Karnak gezeigt hatten. Hilfe erhielt Margaret von Édouard Naville, der für den Egypt Exploration Fund (EFF) in Deir el-Bahari an Hatschepsuts Tempel arbeitete. Er schrieb an Jacques de Morgan, dem Direktor des Antikendienstes, und trug ihm Margrets Bitte vor. Ihr Antrag wurde noch einmal geprüft und im Januar 1895 erhielt sie ihre Konzession. Das war der aufregendste Moment nicht nur in ihrem Leben, sondern der ganzen Familie, die darüber sehr besorgt war.
Ihr Bruder Fred (Edward. Frederic Benson) schrieb 1921 darüber in seinem Buch:
David George Hogarth, der sich bei Naville in Deir el-Bahari aufhielt, beriet sie über die Richtung, welche die Ausgrabung nehmen sollte und Percy Newberry hob sich heraus durch seinen unermüdlichen freundlichen Rat, Vorschläge und Korrekturen. Er beschäftigte sich mit den Inschriften, die er später als Bestandteil von Margrets Buch veröffentlichte. Man hatte sie gewarnt, nicht allzu große Erwartungen zu hegen, hier etwas Großes zu finden, denn Auguste Mariette hatte das Gelände als „geräumt“ bezeichnet.
Die erste Saison 1895 in Karnak
Margaret wohnte in Pagnon’s Hotel, zwischen dem Winter Palace und dem Luxor-Tempel. Ihr Bruder Edward („Freddy“) reiste aus Griechenland an und unterstützte sie auch in den Folgejahren. Er hatte 1892–95 in Athen für die British Archaeological Society gearbeitet.
Édouard Naville half Margaret bei den Vorbereitungen für die Ausgrabung und der Planung der Arbeit. Der Anfang war schwierig, denn Margaret sprach kein Arabisch. Sie musste schließlich einen der Jungen, der die Esel bereithielt, als „Übersetzer“ ihrer Anweisungen nehmen, was ihr nicht recht behagte, denn ein Junge als Mittelsmann hatte wenig Autorität. Am ersten Arbeitstag waren gleich doppelt so viel Arbeiter mit Hacke und Körben erschienen, als sie beschäftigen konnte. Margaret empfand es als beschämend, dass sie so viele wegschicken musste. Später hörte sie jedoch, dass es durchaus üblich war, denn diese Arbeit war sehr begehrt. Auch mit ihrem ersten Rais (Aufseher) hatte sie wenig Glück. Zum einen verlangte er höheren Lohn, als im Durchschnitt gezahlt wurde (10d anstelle von 7 ½), und zum anderen empfand er es unter seiner Würde, unter einer Frau zu arbeiten, so dass sie ihn bald entlassen musste. Der neue Aufseher war dann besser geeignet. Am Zahltag sorgte er dafür, dass die Jungen gemäß ihren Aufgaben in einer Reihe vor ihr standen, dahinter die Männer und etwas abseits die Mädchen mit dem Trinkwasser. Sie wurden aufgerufen, und so lernte Margaret nach und nach auch deren Namen. Margaret zahlte wöchentlich den Lohn an ihre Arbeiter: zwei Piastres, was damals fünf Pence entsprach, für Männer und 1½ Piastres für Jungen bei einem Arbeitstag von zehn Stunden. Sie unterstellte dabei, dass die Entlohnung der Kaufkraft einer halben britischen Krone entspräche. Flinders Petrie, der am Ramesseum tätig war, hatte eine Belohnung für diejenigen Arbeiter eingeführt, die ein wertvolles Objekt fanden. Er orientierte sich dabei in etwa am Schwarzmarkt-Preis. Der EFF in Deir el-Bahari zahlte einen Tageslohn als Belohnung, praktizierte jedoch eine strengere Bewachung der Ausgrabung.