Marcus Matthias Keupp (* 29. September 1977 in Freiburg im Breisgau) ist ein deutscher Militärökonom. Als Dozent an der Militärakademie der ETH Zürich unterrichtet er angehende Berufsoffiziere der Schweizer Armee und beschäftigt sich in seiner Forschung insbesondere mit militärischer Logistik.
Im Zuge des Russisch-Ukrainischen Krieges gelangte Keupp ab 2022 zu einer größeren Bekanntheit durch die mediale Berichterstattung, wo er häufig als Interviewpartner in Erscheinung trat. Seine These vom März 2023, dass Russland im Oktober 2023 den Krieg gegen die Ukraine strategisch verloren haben werde, wurde kontrovers diskutiert. Keupp nahm zur Grundlage seiner These mathematische Berechnungen zu Daten über Russlands geschätzte Panzerbestände, Materialabnutzungsquoten und Produktionskapazitäten.
Keupp leistete nach dem Abitur Zivildienst und studierte von 1997 bis 2003 Betriebswirtschaftslehre an der Universität Mannheim. Im Rahmen seines Studiums verbrachte er von 2000 bis 2001 ein Auslandsjahr an der Universität Warwick in Großbritannien. Im Jahr 2004 ging er in die Schweiz, um am Institut für Technologiemanagement der Universität St. Gallen promoviert zu werden. Er schloss die Promotion 2008 mit einer empirischen, betriebswirtschaftlichen Arbeit ab: Subsidiary initiatives in international research and development. Im selben Jahr hielt er sich als Gast an der Universität Peking auf. Für seine Habilitation blieb er an der Universität St. Gallen und erhielt dort 2013 die Lehrbefugnis als Privatdozent. Seit Januar 2013 arbeitet Keupp als Dozent für Militärökonomie an der Militärakademie der ETH Zürich, der Ausbildungsstätte für die Berufsoffiziere der Schweizer Armee.
Seine Forschung befasst sich insbesondere mit Fragen der Versorgungssicherheit (kritische Infrastruktur, Cybersecurity, moderner Wirtschaftskrieg), Herausforderungen internationaler Wirtschaftsbeziehungen (Distributions- und Transformationsprozesse internationalen Handels) sowie mit klassischen militärökonomischen Fragen unter einem institutionsökonomischen Blickwinkel. Keupp hat seit dem russischen Überfall auf die Ukraine öffentliche Bekanntheit gewonnen und ist ein häufig geladener Gast im öffentlichen wie privaten Fernsehen wie auch häufiger Interviewpartner in den Printmedien.
Keupp kritisierte im Mai 2022 speziell die Vorschläge zu Öl- und Gasembargos, die immer auf eine Angebotsverknappung von Öl und Gas für die EU-Staaten hinausliefen und so deren Preise nach oben trieben. Dies sei auch einer der zentralen Inflationstreiber. Stattdessen wäre es nötig, mehr Angebot auf den Weltmarkt zu werfen, etwa indem das iranische Atomabkommen erneuert würde, und so „den Markt mit Öl zu fluten“. Hierdurch würden Energiepreise fallen, die europäische Inflation gedrosselt werden und die Einnahmen des russischen Staates sinken. Auch sei es eine absolute Fehlannahme, dass ein Öl-Boykott den russischen Kriegsverlauf negativ beeinflussen würde. Die russische Kriegswirtschaft funktioniere unabhängig vom Energieexportgeschäft. Der eigentliche Krieg sei für Russland sehr günstig und unabhängig von westlicher Technologie: Das Kriegsgerät stamme zumeist noch aus Sowjetreserven, die Treibstoffe für die Mobilität entstammten dem eigenen Land und Rohstoffe für neue Rüstungsgüter habe Russland genug. Ein Gas-Boykott (oder das Ausbleiben von Gas-Lieferungen) hätte fatale Auswirkungen für die europäische Industrie, die dann aufgrund des Mangels herunterfahren müsste, während die internationale Konkurrenz weiterproduzieren würde. Deutschland würde so in eine starke Rezession gleiten. Auch eine schnelle Substitution mit Flüssigerdgas sei für einige Länder wie Deutschland unrealistisch. Die weltweiten Kapazitäten seien zu gering und bereits auf Jahre ausgebucht worden. Die wirtschaftlichen Effekte von Sanktionen gegenüber russischen Oligarchen stufte Keupp als gering ein, während härtere Schritte der Enteignung von der Rechtsordnung kaum gedeckt seien. Zudem hätten viele bereits ihr Vermögen aus sanktionierenden Ländern (wie der Schweiz) abgezogen, hin in nicht-sanktionierende Länder wie Dubai, Israel oder die Türkei.
In Bezug auf Fragen der Nahrungsmittelknappheit forderte Keupp im Mai 2022 mehr Nüchternheit. Nahrung werde überwiegend dort verbraucht, wo sie auch angebaut werde. Weltweit gebe es kein Problem der Nahrungsmittelknappheit. Es gebe vordergründig ein Preis- und Logistikproblem. Und hieran müsse zügig gearbeitet werden, indem beispielsweise finanzielle Unterstützung für die ärmsten afrikanischen Länder über die UN bereitgestellt werde.
Das Hauptproblem Russlands (Stand Mai 2022) sei die mangelnde Beschaffbarkeit von Vorprodukten und Ersatzteilen in der produzierenden Industrie. Die Importsubstitution sei Russland trotz Bemühungen bis dato nicht gelungen. Die in den letzten Jahren vorangetriebene Diversifizierung der russischen Volkswirtschaft werde so torpediert; Angestellte ausländischer Unternehmen verlören ihre Arbeitsplätze. Russland habe seine starke ökonomische Ausgangslage und Zukunftsperspektive verspielt. Es handle sich um ökonomischen Selbstmord, um die Rückabwicklung einer Volkswirtschaft hin zu einem Entwicklungsland.
Die Sanktionen würden eine Bankenkrise in Russland auslösen und, so Keupp im März 2022, „der Kollaps des russischen Finanzsystems [sei] nur noch eine Frage von Tagen“. Danach beendete die russische Zentralbank die freie Konvertierbarkeit des Rubels und führt seither Währungsmanipulationen durch, um den Kurs künstlich zu stützen (u. a. Kapitalverkehrskontrollen). In den darauf folgenden Monaten verdoppelte der Rubel seinen Wechselkurs zum Dollar und erreichte ein 7-Jahres-Hoch. Keupp nannte Androhungen von Putin, nur noch gegen Rubel Gas zu verkaufen, eine „Drohgebärde“ und eine Verbalintervention der Zentralbank zur Stützung des Rubels. Er betonte die Chancen, die sich aus einer westlich orientierten Ukraine ergäben.
Auf die Frage, weshalb Russland derartige Probleme im Krieg habe, nannte Keupp im Mai 2022 zahlreiche Faktoren. Erstens sei der übergriffige Umgang (Dedowschtschina) mit den eigenen Soldaten zu nennen (bereits seit dem Zarenreich), was die Moral der Truppe untergrabe. Zweitens habe sich insbesondere am Anfang des Krieges eine schlampige Operationsführung gezeigt. Das heiße, Systeme seien einzig aufgrund falscher oder fehlender Wartung (oder mit leeren Tanks) liegengeblieben, nicht weil sie abgeschossen worden seien. Drittens sei die Logistik häufig durch geringe Transportfähigkeit überfordert gewesen, weil sich die russisch-sowjetische Logistik auf einen 150 km Radius von einem Eisenbahn-Versorgungspunkt ausrichte; es sei der Ukraine gelungen, diese Routen mit sehr einfachen Mitteln empfindlich zu stören. Viertens gebe es ein Korruptionsproblem unter manchen Kommandanten und lokalen Politikern, die diese Probleme weiter befeuerten. Fünftens fehle Russland militärisch das Moment der Überraschung. Die Ukrainer seien vorbereitet und angestammt im Gebiet; deshalb rechne er mit einem langen Abnutzungskrieg. Russland sei wohl lernfähig und nehme die Ukraine nun als Gegner ernst.
Bei der Frage nach der Legitimität von Waffenlieferungen verwies Keupp auf Kapitel 7 der UN-Charta (insbesondere Artikel 51). Die Frage der Lieferung schwerer Waffen (Panzer, Artillerie) sei seiner Auffassung nach diffiziler. Da jedoch der Offensiv-Charakter der gelieferten Systeme nicht zum Tragen komme, sondern sie defensiv verwendet würden, gelte ihre Lieferung wohl als legitimiert. Es zeige sich nur, dass es sich um einen Krieg der Weltanschauungen handle, der nicht durch Besänftigungen gegenüber Russland gewonnen werden könne. Es gehe, auch bei Besuchen von Politikern in der Ukraine, um die militärische Zukunft Europas. Die von Keupp im Spätsommer angekündigte erfolgreiche Großoffensive der Ukraine bei Cherson zeige, wie das 21. Jahrhundert – die Ukraine – gegen das 20. Jahrhundert – Russland – kämpfe, da Russland technologisch auf Altbestände bis zum Ende der 90er Jahre zurückgreife. Die Chancen Russlands in diesem Kampf bewertet Keupp als gering: An der Panzertruppe zeige sich exemplarisch, dass der Westen die Effektivität der Russischen Streitkräfte sogar noch überschätzt habe. Russland gingen die Panzer aus, von 2700 einsatzfähigen Panzern seien bereits 1100 abgeschossen, Russland verlöre täglich 5,5 Panzer. Das hieße, dass in 280 Tagen (d. h. am 29. Juni 2023) Russland keine Panzer mehr besitzen werde. In einem Interview äußerte sich Keupp optimistisch für die Ukraine: Die Ukraine habe die Initiative erkämpft und werde diese auch nicht mehr aus den Händen geben: „nichts [an den Bedingungen des Winters] wird die Ukraine davon abhalten, in diesem Winter eine weitere Offensive durchzuführen“, während Russland nur dilettantisch improvisiere. Im Weiteren bezeichnete Keupp die mobilisierten russischen Truppen als „Kanonenfutter“, das „verheizt“ werde. Russland habe Ausfallquoten von 400 bis 600 Mann am Tag, die russische Ausrüstung – falls es welche gäbe – sei „aus irgendwelchen ex-sowjetischen Depots zusammenimprovisiert“ und habe eine „negative Kampfkraft“. Die einzige Funktion der mobilisierten russischen Soldaten sei es, zu sterben, bis die regulären russischen Truppen und die Wagner-Söldner sich im Hinterland eingegraben hätten. „Das ist das zynische Kalkül dieser mobilisierten Truppen. Das dürfen Sie jetzt aber nicht verwechseln mit Offensivpotenzial. Für das Offensivpotenzial haben sie weder gut ausgebildete Truppen, noch haben sie genügend operationelle Reserven.“ Als besonders entscheidend bewertet Keupp den Angriff dreier Tupolew-141 Drohnen auf die Militärflugplätze Engels-2 und Djagilewo: diese seien eine neue Realität für die Russen, eine Blamage der russischen Flugabwehr, und alle potentiellen Ziele im 1000-km-Aktionsradius der Drohne seien nun nicht mehr sicher. Damit gewönne die Ukraine nicht nur die Initiative im ukrainischen Kampfraum, sondern auch in Russland selber.