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Marcel Mauss

Französischer Ethnologe

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Marcel Mauss (* 10. Mai 1872 in Épinal; † 10. Februar 1950 in Paris) war ein französischer Soziologe, Ethnologe und Religionswissenschaftler.

Marcel Mauss stammte aus einer jüdischen Familie, die eine kleine Seidenstickermanufaktur in den Vogesen betrieb. Sein Vater war Gerson Mauss, seine Mutter die einer Rabbinerfamilie entstammende Rosine Mauss, geborene Durkheim. Vierzehn Jahre lang war sein Onkel Émile Durkheim sein Mentor. Obwohl religiös geprägt, praktizierte Mauss ab etwa 1890 wie sein Onkel die Religion kaum mehr.

Nach dem Schulbesuch am Lyzeum von Épinal studierte er ab 1890 an der Universität Bordeaux, wo sein Onkel Émile Durkheim lehrte. Besonders prägte ihn dessen bahnbrechender Kurs über Les origines de la Religion 1894/1895. 1895 bestand er die Agrégation (Staatsprüfung für das höhere Lehramt) im Fach Philosophie als landesweit Drittbester seines Jahrgangs. Anschließend wurde er Stipendiat an der École pratique des hautes études (EPHE), wo er Seminare sowohl der historisch-philologischen (IV.) als auch der religionswissenschaftlichen (V.) Sektion besuchte, u. a. bei Antoine Meillet, Sylvain Lévi und Alfred Foucher. 1896, im Todesjahr seines Vaters, lernte er Henri Hubert kennen, mit dem er in der Folgezeit eng zusammenarbeitete. 1897/98 wurde er in die Niederlande und nach England entsandt, wo er seine Studien an den Universitäten Leiden (bei Hendrik Kern und Cornelis Petrus Tiele), Utrecht (bei Willem Caland) und Oxford (bei Edward B. Tylor und Moriz Winternitz) fortsetzte. Sein Dissertationsvorhaben über das Gebet schloss er jedoch nicht ab.

Mauss lehrte ab 1901 als Maître de conférences (Dozent) an der École pratique des hautes études im Fachbereich Religionswissenschaften die „Religionen nicht-zivilisierter Völker“ (Religions des peuples non civilisés), wobei er die Nachfolge des verstorbenen Léon Marillier antrat. 1914 wurde er zum Directeur d’études an der EPHE gewählt, was einem eigenen Lehrstuhl entsprach. Zusammen mit Durkheim begründete er die Zeitschrift L’Année Sociologique, deren Herausgeberschaft er nach dem Tod des Onkels 1917 übernahm. Mauss gründete 1925 gemeinsam mit Paul Rivet und Lucien Lévy-Bruhl das Institut d’Ethnologie in Paris, dessen Generalsekretär und später Vorstandsmitglied er war. 1931 erhielt er – nach zwei erfolglosen Bewerbungen – den Lehrstuhl für Soziologie am Collège de France (1909 hatte das Collège mit knapper Mehrheit Alfred Loisy und nicht Mauss auf den Lehrstuhl für Religionsgeschichte gewählt). Von 1938 bis 1940 war er Präsident der religionswissenschaftlichen Sektion der EPHE. Aufgrund der antisemitischen Gesetze des Vichy-Regimes musste Mauss seinen Lehrstuhl im Oktober 1940 räumen und wurde in den Ruhestand versetzt. Sein Nachfolger auf dem Lehrstuhl für „Religionen nicht-zivilisierter Völker“ an der EPHE war Maurice Leenhardt.

Politisch engagierte sich Mauss während seiner Studienzeit in der marxistischen Parti ouvrier français (POF), später in der von Jean Allemane geführten Parti ouvrier socialiste révolutionnaire (POSR) und schließlich ab 1905 in der sozialistischen Partei Section française de l’Internationale ouvrière (SFIO). Er lehrte auch an der von Charles Andler gegründeten École socialiste. Sein politisches Vorbild war Jean Jaurès, dessen Freund und Vertrauter er wurde. Mauss gehörte von 1900 bis 1903 zum Redaktionsausschuss der Zeitung Le mouvement socialiste. 1904 war er einer der Gründer der Zeitung L’Humanité, deren Verwaltungsrat er von 1912 bis 1915 und erneut im Februar 1920 angehörte. Er setzte sich besonders für das Genossenschaftswesen ein und war von 1913 bis 1925 Mitglied des technischen Büros des nationalen Verbands der Konsumgenossenschaften (Fédération Nationale des Coopératives de Consommation, FNCC). Nach der Parteispaltung Ende 1920 wurde die Humanité von der Parti communiste français übernommen, danach gehörte Mauss von 1924 bis 1931 dem Verwaltungsrat der Zeitung Le Populaire an, die mit dem sozialdemokratischen Rumpf der SFIO verbunden blieb. Er war eines der ersten Mitglieder der Verlagsgenossenschaft Presses Universitaires de France.

1934 heiratete Mauss seine Sekretärin Marthe Rose Dupret. Während der deutschen Besatzungszeit drängte man ihn aus seiner Position. Er selbst blieb zwar unbehelligt, aber engste Kollegen (wie zum Beispiel Maurice Halbwachs) wurden ermordet.

Nach dem Krieg lebte er sozial isoliert, hinzu traten persönliche Probleme.

„Essai sur le don“ („Die Gabe“)

Wie Durkheim war Mauss stark empirisch orientiert. Er versuchte, soziale Phänomene in ihrer Totalität zu sehen und zu verstehen. Der Austausch in archaischen Gesellschaften, den er in seinem Essai sur le don (zuerst 1923/24; deutsch unter dem Titel „Die Gabe“) darstellt, ist nach seiner Auffassung eine umfassende gesellschaftliche Tätigkeit. Sie stellt ein „soziales Totalphänomen“ dar, das gleichzeitig ökonomische, juristische, moralische, ästhetische, religiöse, mythologische und sozio-morphologische Dimensionen umfasst. Diese Totalität zeigt sich darin, dass gesellschaftliche Sphären nicht isoliert, sondern in einer dynamischen Wechselwirkung ohne feste Hierarchie untereinander betrachtet werden müssen. Diese Verständnis geht weit über das Menschenbild des rationalen Homo oeconomicus und seiner Wirtschaft hinaus.

In seiner Erforschung analysiert er die Praxis der Gabe als fundamentales Prinzip sozialer Ordnung. Sie ist Ausdruck einer dynamischen sozialen Beziehungen, da ihre strukturierte Abfolge von Geben, Empfangen und Erwidern nicht isolierte Handlungen darstellt, sondern wechselseitige Verpflichtungen erzeugen, die das gesellschaftliche Gefüge stabilisieren. Im Angebot der Gabe, in deren Annahme oder Ablehnung sowie der Erwiderung werden, laut Mauss, soziale Beziehungen, Machtverhältnisse und Hierarchien ausgehandelt und bestätigt.

Mauss untersucht die Praxis der Gabe sowohl in unterschiedlichen europäischen als auch anderen Kulturräumen. Die Arbeit untersucht wie die Praxis der Gabe in Rechtssystemen (bei den Römern oder Germanen) und kulturellen Gegebenheiten übernommen wurden und bis in heutige Zeiten die Grundlage des sozialen Zusammenhalts darstellen. Mauss zeigt damit, dass totale soziale Tatsachen grundlegende Strukturen gesellschaftlicher Ordnung prägen, indem sie verschiedene gesellschaftliche Bereiche verbinden und wechselseitige Abhängigkeiten schaffen. Der Gabentausch folgt jedoch auch dem Prinzip der Reziprozität, also der menschlichen Tendenz, erhaltene Handlungen zu erwidern – sei es in Form von Dankbarkeit, Unterstützung oder Vergeltung,

Der Essai sur le don war die erste grundlegende vergleichende ethnographische Arbeit über die Gabe. Als systematische und vergleichende Studie analysiert sie das System des Gabenaustauschs und deutet seine Funktion im Bezugsrahmen der gesellschaftlichen Ordnung. Mauss stellt das moralische, psycho-ökonomische Prinzip der Gabe in seinem Zwangscharakter und seiner Schuldverursachung heraus und bringt die Gabe mit dem zweideutigen englischen gift zusammen. Damit kann er die Prinzipien von Arbeit, Dienstleistung, Sozialstaat und Wohlfahrt analysieren. Mauss prägte hierfür den Begriff der „Schenkökonomie“

Die Nation oder Der Sinn fürs Soziale

Ein weiterer zentraler Aufsatz trägt den Titel "Die Nation", wurde zu Lebzeiten nicht fertiggestellt und in mühsamer Arbeit zusammengetragen. Die Gedanken werden als Weiterführung und Institutionalisierung der Gedanken "der Gabe" interpretiert, denn Mauss beschriebenen Nation fungiert nicht nur als politische Zentralmacht, sondern als Mechanismus zur Stabilisierung sozialer Ordnung. Ihre Legitimität beruht darauf, dass sie rechtliche Strukturen etabliert, Reziprozität sichert und gesellschaftliche Teilhabe ermöglicht. Die Nation ist das Ergebnis eines langfristigen gesellschaftlichen Entwicklungsprozesses, in dem sich vormals segmentäre Gesellschaftsformen – wie Clans, Stadtstaaten oder Feudalstrukturen – schrittweise zu einer politisch und rechtlich geeinten Nation entwickeln, Dieser Wandel erfolgt durch eine zunehmende Zentralisierung und Integration gesellschaftlicher Strukturen, die eine übergeordnete staatliche Einheit ermöglichen.

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Marcel Mauss | World in Stories