An diesem Tag

Marc Chagall

Belarussisch-französischer Maler (1887–1985)

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Marc Chagall (* 24. Junijul. / 6. Juli 1887greg. in Peskowatik, heute Stadtteil von Witebsk, Russisches Kaiserreich, heute Belarus; † 28. März 1985 in Saint-Paul-de-Vence, Frankreich) war ein russisch-französischer, jüdischer Maler.

Sein Geburtsname war Мойше Хацкелевич Шагал / Moische Chazkelewitsch Schagal.

Das familiäre Umfeld, sein Heimatort Witebsk und Motive aus der Bibel sowie aus dem Zirkus sind Hauptthemen seiner Bilder. Auch in seinen Mosaiken und in den von ihm gestalteten Fenstern und Theaterkulissen verwendete er die gleichen, stets wiederkehrenden Symbole. Chagall gilt als einer der bedeutendsten Maler des 20. Jahrhunderts. Er wird oft dem Expressionismus zugeordnet und als „Maler-Poet“ bezeichnet.

Anfänge – Witebsk und Sankt Petersburg

Marc Chagall wurde am 24. Junijul. / 6. Juli 1887greg. als ältestes von neun Kindern einer armen orthodoxen jüdischen Arbeiterfamilie im Vorort Peskowatik, heute ein Stadtteil nördlich des Zentrums von Witebsk, geboren. Witebsk hatte damals rund 50.000 Einwohner, von denen die Hälfte Juden waren. Sein Vater Sachar war Arbeiter in einem Heringsdepot, seine Mutter Feiga-Ita führte ein kleines Lebensmittelgeschäft. Nach dem Cheder in Witebsk besuchte Chagall, nachdem seine Mutter den Lehrer bestochen hatte, die städtische Schule, die normalerweise keine Juden aufnahm. Chagall sprach nun Russisch statt Jiddisch, nahm regelmäßig Gesangs- und Violinunterricht und begann zu zeichnen. 1906 schloss er die Gemeindeschule ab und wurde Schüler im Atelier des Malers Jehuda Pen. Dieser hatte an der Petersburger Kunstakademie studiert und malte Porträts und Genrebilder im Stil der Jahrhundertwende. Chagall besorgte sich die für Juden erforderliche Aufenthaltsgenehmigung für Sankt Petersburg, um nach seiner Lehrzeit bei Jehuda Pen in der Hauptstadt eine gründliche Ausbildung zum Künstler zu erwerben.

Im Winter 1906/07 zog er mit seinem Freund Viktor Mekler nach Sankt Petersburg, wo er die Aufnahmeprüfung für die Kunstakademie nicht bestand. Daraufhin begann er im Frühjahr 1907 gemeinsam mit Mekler eine Ausbildung an der von Nicholas Roerich geleiteten Schule der Kaiserlichen Gesellschaft zur Förderung der Künste. Im Juli 1908 verließ Chagall die Schule und ging für kurze Zeit an die Privatschule Saidenberg. In dieser Zeit malte er das berühmte schwarz-weiße Bild Der Tote, das oftmals ausgestellt wird.

Von 1908 bis 1910 besuchte Chagall die Schule von Jelisaweta Swanzewa, durch deren Leiter Léon Bakst er mit der neueren Malerei bekannt wurde. Während seiner Studienzeit bei Bakst fuhr Chagall oft nach Witebsk und lernte dort seine spätere Frau Bella Rosenfeld kennen.

Mit dem Erlös aus dem Verkauf zweier Bilder und einem kleinen Stipendium seines Gönners Maxim Winawer reiste Chagall im September 1910 nach Paris, wo er sich neue Anregungen für seine Kunst versprach, und bezog sein erstes eigenes Atelier in der Impasse du Maine (heute Rue Antoine Bourdelle), in der Nähe des Gare Montparnasse.

Er hoffte auf Unterstützung durch die dort lebenden russischen Künstler. Die russische Kunstszene hatte in Paris – mehr als im eigenen Land – zu dieser Zeit eine große Resonanz erfahren. „Nur die Entfernung, die zwischen Paris und meiner Heimatstadt liegt, hat mich abgehalten, sofort wieder zurückzukehren“, beklagte sich Chagall über die neuen Lebensumstände, mit denen er zunächst nicht zurechtkam. Später nannte er Paris jedoch sein „zweites Witebsk“.

Chagall begann mit Aktstudien wie beispielsweise Liegender weiblicher Akt (1910) und Roter Akt (1911). Gelegentlich besuchte er den Abendakt in Privatakademien, unter anderem bei sogenannten Modernisten wie Henri Le Fauconnier.

Im Winter 1911/1912 zog Chagall in ein neues, größeres Atelier, genannt La Ruche („Der Bienenkorb“), eine 1902 vom Bildhauer Alfred Boucher gegründete Künstlersiedlung im 15. Arrondissement. Dort befand er sich inmitten der internationalen Bohème von Paris. Er begegnete den Avantgardisten des Montparnasse wie den Dichtern Guillaume Apollinaire, Max Jacob, Blaise Cendrars und den Malern Robert Delaunay, Albert Gleizes, Fernand Léger und Amedeo Modigliani. Mit Apollinaire, Cendrars, Delaunay und Léger verband ihn bald eine besondere Freundschaft. Im neuen Atelier konnte Chagall sich auch größeren Bildformaten zuwenden. Die dortigen Maler und Dichter nannten Chagall le poète („Dichter“).

Chagall liebte das Licht in Paris, das der französischen Hauptstadt den Beinamen la ville lumière („die Lichtstadt“) gab, er nannte es sogar la lumière-liberté („das Licht der Freiheit“), denn mit Paris und dem Eiffelturm, seinem Wahrzeichen, verband der aus dem zaristischen Russland stammende Künstler die Idee der Freiheit, was er später durch den in seinen Bildern oft verwendeten Eiffelturm ausdrückte.

Chagall lebte allein und besuchte tagsüber Galerien und Museen, wo er erstmals die Original-Gemälde von Gauguin, Van Gogh und anderen bekannten Künstlern sah. Besonderen Eindruck machten auf ihn die Arbeiten von Matisse im Herbstsalon des Louvre. Wenn er spät abends von seinen Spaziergängen mit den Eindrücken von Paris und den besuchten Galerien und Museen in sein Atelier zurückkehrte, malte er die Tageserlebnisse, wobei er seiner Phantasie freien Lauf ließ.

Kurz nach dem Einzug in sein Atelier im La Ruche nahm Chagall am Salon des Indépendants und dem Salon d’Automne teil, wo er in das Zentrum der französischen Kunst von 1910 eindrang. Im Salon sah er erstmals die explosiven Farben der Fauvisten und die ihm abstrakt scheinende Konstruktionsweise der Kubisten. Von der befreiend revolutionären Reichweite des Fauvismus war Chagall nahezu überwältigt. Später schrieb er in seiner Autobiografie Mein Leben: „Hier trat ich voll ein […] keine Akademie hätte mir all dies geben können, was ich entdeckte, als ich mich in die Ausstellungen von Paris, in die Schaufenster der Galerien, in seine Museen verbiss.“ Er sah in den freien Farben, den Deformationen und den vom inneren Vorstellungsbild beeinträchtigten Formen fürs Erste die grenzenlose Freiheit.

Erste Versuche mit dem Kubismus sind in Chagalls Bild Intérieur II (1911) festzustellen; eine erste eigene, zeitgemäßere Form entwickelte er mit Meiner Braut gewidmet (1911), dessen sexuelles Bildmotiv, das als pornografisch erachtet wurde, dazu führte, dass der Künstler es erst 1912 auf dem Pariser Frühjahrssalon ausstellen konnte. Für Chagall war der Kubismus die „Sprache, in welcher sich die Magie der Welt ausdrücken ließ“. Chagall fand seinen Zugang zum Kubismus, anders als zeitgenössische Kollegen, nicht über Picasso, sondern über Robert Delaunay. Der Paroxysmus der Farben der Kubisten war es auch, der Chagall ermutigte, sich seiner explosiven Phantasie zu überlassen.

Viele der in dieser Periode entstandenen Bilder datierte Chagall später, wie heute bekannt ist, mit einer falschen Jahreszahl. So wurde etwa Ich und das Dorf auf 1911 datiert, obwohl es schon im La Ruche gemalt worden war. Der wichtigste Gefährte in den Pariser Jahren war der Dichter Blaise Cendrars, aus dessen Feder die Titel Ich und das Dorf, Meiner Braut gewidmet sowie Russland, den Eseln und den anderen stammten. Bei Literaten wie Cendrars fand Chagall Anerkennung und Bestätigung für seine Arbeit, da er – außer für einige Grafiken – in dieser Zeit noch keine Käufer für seine Bilder gefunden hatte. So war es dann Apollinaire, der die Bildwelten Chagalls, die sich trotz der Nähe zum Kubismus davon abgrenzten, den Namen surnaturel („übernatürlich“) gab. Später nannte Apollinaire sie dann surreal.

Chagall sah und entdeckte in Paris für sich Gouache – die Technik der mit Wasser angesetzten Deckfarbe auf Papier – und setzte diese nun als sein bevorzugtes Ausdrucksmittel ein. Sie ermöglichte ihm ohne Weiteres, seine spontanen Improvisationen zu malen, da das Material nicht teuer war. Während seiner vier Jahre in Paris malte Chagall Hunderte von Gouachen. Nur wenn er von vornherein ein greifbares Ergebnis erwartete, verwendete er Leinwände. Er bemalte kaum mehr als vierzig Leinwände, die er durch die Malereien mit Gouache vorbereitete. Chagall hatte sich die neuen französischen Malverfahren angeeignet, aber diese für sich verändert bzw. angepasst, damit sie seiner malerischen Phantasie halfen, seine Erinnerungen umzusetzen.

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