Manfred Spitzer (* 27. Mai 1958 in Darmstadt) ist ein deutscher Neurowissenschaftler und Psychiater. Er war Professor für Psychiatrie an der Universität Ulm und war ärztlicher Direktor der Psychiatrischen Universitätsklinik in Ulm, an der er auch die Gesamtleitung des 2004 dort eröffneten Transferzentrums für Neurowissenschaften und Lernen (ZNL) innehatte, das sich vor allem mit Neurodidaktik beschäftigt.
Neben seiner wissenschaftlichen Tätigkeit ist er auch als Autor zahlreicher populärwissenschaftlicher Bücher erfolgreich.
Manfred Spitzer wurde als Sohn des kaufmännischen Angestellten Heinz Spitzer und dessen Frau Maria in Darmstadt geboren und wuchs in Lengfeld im Odenwald auf. Seine Eltern waren Vertriebene aus dem Sudetenland und aus Schlesien. Nach dem Abitur am neusprachlich-naturwissenschaftlichen Max-Planck-Gymnasium in Groß-Umstadt im Sommer 1977 studierte Spitzer Medizin, Philosophie und Psychologie an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Von 1978 bis 1980 absolvierte er zudem eine Grundausbildung in Gesprächspsychotherapie. Im Sommer 1980 legte Spitzer das Erste Staatsexamen in Medizin und das Vordiplom in Psychologie ab; im Sommer 1982 folgte das Zweite Staatesexamen in Medizin. Von 1982 bis 1983 absolvierte er sein Praktisches Jahr am St. Vincentius-Krankenhaus Karlsruhe und schloss im Frühjahr 1983 in Freiburg mit einer Arbeit über Freuds Traumtheorie vor dem Hintergrund des Standes der physiologischen Forschung von damals und heute bei Johannes Mischo in Freiburg die Diplomprüfung in Psychologie ab. Im Herbst 1983 folgte das Dritte Staatsexamen in Medizin. Im Januar 1984 wurde Spitzer bei Peter Clarenbach an der Abteilung für Neurologie und Neurophysiologie der Universitätsklinik Freiburg mit einer Arbeit über Nächtliche Vasopressinfreisetzung bei selektivem REM-Schlafentzug in Medizin promoviert. Im Dezember 1985 folgte, ebenfalls in Freiburg, die Promotion in Psychologie bei Friedrich Uehlein mit einer Arbeit über Allgemeine Subjektivität und Psychopathologie. 1989 habilitierte sich Spitzer in Freiburg mit Untersuchungen zum Wahnproblem und wurde Facharzt für Psychiatrie.
Von 1990 bis 1997 war Spitzer an der Psychiatrischen Universitätsklinik in Heidelberg als Oberarzt tätig. Zweimal war er als Gastprofessor an der Harvard University; ein weiterer Forschungsaufenthalt führte ihn an das Institute for Cognitive and Decision Sciences der University of Oregon.
Im Jahr 1997 wurde Manfred Spitzer auf den neu geschaffenen Lehrstuhl für Psychiatrie der Universität Ulm berufen. Kurze Zeit darauf wurde Spitzer Herausgeber der Fachzeitschrift Nervenheilkunde, eines Fortbildungsorgans für Ärzte und Verbandsorgans vieler Verbände aus dem psychiatrischen und psychotherapeutischen Bereich. Dort veröffentlicht er auch regelmäßig eigene Arbeiten und Editorials, die er später, in Büchern zusammengefasst, gesondert wieder herausgibt.
Über die Fachkreise hinaus bekannt wurde Spitzer durch populärwissenschaftliche Vorträge und allgemeinverständliche Bücher.
Von 2004 bis 2012 wurde unter Federführung des Bayerischen Rundfunks die Serie Geist & Gehirn in 194 Folgen ausgestrahlt, in der Spitzer Erkenntnisse aus der Gehirnforschung vorstellte. Diese Sendungen sind auch auf DVD erhältlich und können auf BR-alpha angesehen werden. Er ersann mit dem Transferzentrum das Konzept zu Spielen macht Schule, einem Wettbewerb für Grundschulen. Spitzer ist Mitglied des Kuratoriums der Stiftung Louisenlund.
Im Herbst 2018 wurde er von der AfD als Experte für die Enquete-Kommission „Berufliche Bildung in der digitalen Arbeitswelt“ des Bundestages vorgeschlagen, sagte jedoch ab, weil er nicht mit der AfD in Verbindung gebracht werden wollte.
Manfred Spitzer hat fünf Kinder. Er ist der Vater des Autors und Comedians Thomas Spitzer und der Schwiegervater von Hazel Brugger.
Forschungsarbeiten zur Neurodidaktik und Pädagogik
In seinen Veröffentlichungen und populärwissenschaftlichen Vorträgen kritisiert Spitzer die Digitalisierung an Schulen mit der Begründung, dass Heranwachsende aufgrund ihrer Gehirnentwicklung mit digitalen Medien noch nicht umgehen oder gar mit oder von ihnen lernen können und sie darüber hinaus eine gravierende negative gesundheitliche Auswirkung haben. Dabei stützt er seine Thesen auf Studien, die eine negative Korrelation zwischen schulischen Leistungen und Medienkonsum nachweisen. In diesem Zusammenhang kritisiert er den vielmals verwendeten Begriff der Medienkompetenz, wie er von staatlichen Einrichtungen mit Einführung des Digitalpaktes benutzt wird.
Daher plädiert er für eine Reduktion der Verwendung digitaler Medien, insbesondere von Smartphones und Laptops im Unterricht.
Spitzer begründet seine Theorie zum Lernen u. a. mit dem sogenannten Hermeneutischen Zirkel, nach dem ein Vorwissen nötig ist, um etwas Neues in einer unstrukturierten Umgebung zu lernen.
Deswegen sei auch keine Medienkompetenz nötig, sondern im Gegenteil verleite sie zu unvernünftigem Umgang mit dem Computer oder anderen technischen Geräten. Dies könne zu einer Abhängigkeit (hier Computersucht) führen; Spitzer spricht dabei im Drogenjargon vom „Anfixen“.
Spitzer plädierte in einem Fachartikel und in Interviews im Jahr 2021 für eine Öffnung der Schulen während der COVID-19-Pandemie. Spitzer warnt darin, dass Schulschließungen lebenslange Spuren bei den Betroffenen hinterlassen werden. Nach Spitzer sind die negativen Folgen von Schulschließungen deutlich gravierender einzustufen als die mit einer SARS-CoV-2 Infektion verbundenen Risiken. In einem Interview mit der Schwäbischen Zeitung führte Spitzer dazu aus, dass Schulschließungen nahezu lebenslang Spuren in den Biografien der betroffenen Menschen (hinterlassen): weniger Bildung, geringerer Lebenszeitverdienst und größere Wahrscheinlichkeit von psychischen Problemen oder gar Erkrankungen. Kurzfristige Folgen von Schulschließungen sind laut Spitzer: verminderte Lern- und Ernährungssicherheit, erhöhte Angst, Gewalt gegen Kinder, Kinderarbeit, Teenager-Schwangerschaften; langfristige Folgen: Kurzsichtigkeit, schlechtere Ernährung, Gewichtszunahme, Anstieg von Schlaganfällen, Herzinfarkten, Krebs und Blindheit. Darüber hinaus befürchtet er eine Zunahme von Isolation, erlernter Hilflosigkeit, wirtschaftliche und existenzielle Unsicherheit, Depressionen, erhöhte Selbstmordraten und eine geringere wirtschaftliche Produktivität der Gesellschaft.
Der Mensch: Zum Lernen geboren
Nach Spitzer zeige die Gehirnforschung nicht nur, dass wir zum Lernen geboren seien und gar nicht anders könnten, als lebenslang zu lernen, sondern auch die Bedingungen für erfolgreiches Lernen. Sie ermögliche uns damit ein besseres Selbstverständnis im besten Sinne des Wortes und leiste einen wichtigen kulturellen Beitrag. Es sei an der Zeit, dieses Verständnis für die Gestaltung von Lernumgebungen zu nutzen.
Da alle Handlungen „Spuren im Gehirn“ hinterließen – umso intensiver, je häufiger sie ausgeführt werden –, sei es nicht egal, was Kinder und Jugendliche den ganzen Tag tun. Kinder lernten deutlich schneller als Erwachsene. Das Gehirn eines Erwachsenen unterscheide sich grundlegend von dem in der Entwicklung begriffenen Kindergehirn. Handeln und Begreifen (im Wortsinn gemeint, vgl. Jean Piaget) spielten nicht nur für das Erlernen konkreter einzelner Dinge eine Rolle, sondern auch beim Erlernen allgemeinen Wissens (semantisches Gedächtnis und sogar abstrakte Begriffe wie Zahlen). Darum plädiert Spitzer für Fingerspiele statt Laptops in den Kindergärten und handschriftliches Schreiben mit dem Bleistift statt Tippen an der Tastatur.