Manfred Kremser (* 30. Juli 1950 in Wiener Neustadt; † 3. März 2013 in Wiesen im Burgenland) war ein österreichischer Ethnologe und Bewusstseinsforscher und von 2001 bis zu seinem Tode außerordentlicher Universitätsprofessor am Institut für Kultur- und Sozialanthropologie der Universität Wien, wo er zuvor seit 1980 wissenschaftlich tätig war.
Als seine Spezialgebiete galten die religiöse Kultur Afrikas und der Karibik sowie die Religions-/Bewusstseinsforschung, wobei er hier die praktische Erfahrung im Ritual in den Mittelpunkt seiner Forschung stellte. Daneben beschäftigte er sich mit Cyberanthropologie und gilt hierbei wie in der von ihm initiierten Religions-/Bewusstseinsforschung als Pionier am Wiener Institut. Ebenso war er für den Ausbau des wissenschaftlichen Angebotes am Institut in Zusammenarbeit mit Karl R. Wernhart und Wittigo Keller mit der Erforschung der afrokaribischen Diaspora mitverantwortlich.
Erste Forschungen & Dissertation (1971–1978)
Kremser veröffentlichte zu seiner Zeit im damals alternativlosen Grundwehrdienst des österreichischen Bundesheeres Berichte, die den ungeschönten Alltag in der Kaserne wiedergaben. Um einer drohenden Verurteilung nach dem Ende seiner Dienstzeit zu entgehen, verließ er Österreich für ein Jahr in Richtung Südafrika. Nichtsdestotrotz war Kremser in späteren Jahren Mitglied des Sozialwissenschaftlichen Beirats der Wissenschaftkommission beim Bundesministerium für Landesverteidigung und Sport.
Kremser begann nach seiner Rückkehr 1971 Völkerkunde (heute Kultur- und Sozialanthropologie) und Psychologie an der Universität Wien zu studieren. Daneben besuchte er Lehrveranstaltungen aus 8 weiteren Fächern. Bereits 1972 unternahm er gemeinsam mit Armin Prinz seine erste Feldforschungen bei den Azande im damaligen Zaire. Anhand dieser Erfahrungen vollendete er 1978 unter Walter Hirschberg seine Dissertation zum Thema Hexerei, wobei er sich mit dem kulturspezifischen Begriff der Krankheit unter Berücksichtigung des Phänomens Mangu beschäftigte, welches eine Person "verhext", wenn diese soziale Normen verletzte.
Universitätsassistent & Habilitation (1980–2001)
1980 wurde Kremser zum ersten Assistenten von Karl R. Wernhart am Wiener Institut für Völkerkunde und arbeitete mit diesem an einer Neuformulierung der Wiener Ethnohistorie, wobei ihm die verstärkte Fokussierung auf die Feldforschung zugerechnet wird. Ebenso beteiligte er sich an Wernharts Forschungen der afrokaribischen Diaspora, welche erstmals am Wiener Institut behandelt wurde. Daraus entstand auch eine zehnjährige interdisziplinäre Kooperation in St. Lucia (1982–1992). In diesem Zusammenhang war er an den Ergebnissen, die in einer Reihe an Buchpublikationen veröffentlicht wurden, als Co-Autor, Herausgeber oder Mitherausgeber beteiligt. Im Rahmen dieses Projektes beschäftigte er sich mit dem Kélé-Kult.
Ein ähnliches Projekt zu Generationenbeziehungen verfolgte er gemeinsam mit dem Soziologen Leopold Rosenmayr in Mali, wobei Kremser ihn mit seinem Wissen über afrikanische Kulturen beriet und unterstützte.
2001 habilitierte er zum außerordentlichen Universitätsprofessor am Institut für Kultur- und Sozialanthropologie der Universität Wien. In seiner zweibändigen Habilitationsschrift Shangó-Transformationen: Vom traditionellen Donnergott der Yoruba zum digitalen Blitzgewitter im Cyberspace untersuchte er den Zusammenhang von transzendenter Spiritualität und kultureller Kreativität am Beispiel des Yoruba-Donnergottes Shangó. Hierbei beleuchtete er Shangós Veränderungen vom historischen König von Oyo zum Donnergott der Yoruba wie auch seine Uminterpretationen in der afrokaribischen Diaspora (atlantischer Sklavenhandel). Auch betrachtete er die Übernahme und die damit verbundenen Abwandlungen der Gottheit in die digitale Diaspora.
Österreichische Gesellschaft für Parapsychologie und Grenzbereiche der Wissenschaften
Kremser befasste sich neben seinen forschenden Tätigkeiten an der Universität Wien auch mit den Grenzgebieten der Wissenschaftlichkeit, wodurch er Anfang der 1970er Jahre im Rahmen seiner Feldforschungen bei den Azande in Kontakt mit der Österreichischen Gesellschaft für Parapsychologie kam, was sein wissenschaftliches Werk stark beeinflusste, ohne dass er jemals für sich selbst reklamiert hätte, parapsychologische Spezialkenntnisse zu besitzen.
1997 löste Kremser den schwer erkrankten Hellmut Hofmann als Präsident der Gesellschaft ab.
Gleichzeitig wurde damals für die Gesellschaft der Zusatz "und Grenzbereiche der Wissenschaften" eingeführt, zumal sich Kremser stets um einen interdisziplinären Ansatz bemühte. Als Höhepunkt seiner Amtszeit gilt für die Gesellschaft die als "Weltkongreß der Parapsychologie" bezeichnete 47th Convention of the Parapsychological Association, die internationale Berufsvereinigung der wissenschaftlich arbeitenden Parapsychologen, die 2004 in Wien stattfand.
Kremser blieb bis zu seinem Tod Präsident.
Vizepräsident der Society for Caribbean Research (SOCARE) (1988–99)
Obmann des Vereins für Interkulturelle Arbeit (1992–99)
Vizepräsident der Gesellschaft für Theaterethnologie (1997–2002)
Präsident der Österreichischen Ethnomedizinischen Gesellschaft (2005–2009)