Manfred Edwin Bissinger (* 5. Oktober 1940 in Berlin) ist ein deutscher Publizist.
Bissinger war u. a. zunächst Reporter beim Norddeutschen Rundfunk (NDR) im Fernsehmagazin Panorama und entwickelte ab dem Jahr 1967 den Stern von einer bunten Illustrierten zu einem linksliberalen Magazin. Danach war er von 1978 bis 1981 Pressesprecher des Hamburger Senats in dessen Presse- und Informationsamt. Er wirkte zudem als Chefredakteur von konkret (1981–1983), natur und Merian. In den Jahren 1993 bis 2000 war er Chefredakteur und Herausgeber der Wochenzeitung Die Woche, anschließend Geschäftsführer bei Hoffmann und Campe. Mit 73 Jahren gründete er eine Agentur für Publizistik.
Politisch der SPD nahestehend sieht er sich selbst als einen „klassischen Linksliberalen“ in einem ständigen „Konflikt“ zwischen „wert-konservativem“ Bewahren und dem Streben nach „Freiheit, Solidarität und Gerechtigkeit“.
Manfred Bissinger wurde als dritter Sohn des Verlegers und Journalisten Edgar Bissinger und dessen Ehefrau Luise Bissinger, geborene Kanzler, geboren. Sein Vater war Pressereferent beim wirtschaftspolitischen Amt der NSDAP und später bei der Deutschen Arbeitsfront. Er schrieb auch für den Völkischen Beobachter und wurde Leutnant der Wehrmacht. Bissinger sagte über seinen Vater: „Er war Nationalsozialist und er war es aus Überzeugung.“ Als Ausgebombte kam die Familie Anfang 1943 nach Bayern, wo die Familie seiner Mutter lebte. Nach dem Krieg schrieb Edgar Bissinger ein Buch, das ein Freund aus der Familie Ebner von der Verlagsgruppe Ebner Ulm verlegte. Das Buch zur Traumdeutung wurde nicht gegen Geld verkauft, sondern nur gegen Lebensmittel von Bauernfamilien getauscht. Bissinger und Ebner verkauften daraufhin diese Lebensmittel auf dem Schwarzmarkt und so konnte Edgar Bissinger ein Grundstück mit Haus in München-Lochhausen erwerben.
Als Vater Bissinger einen Fachverlag gründete, zog die Familie nach Köln und Manfred ging zunächst auf ein Gymnasium in Köln-Sülz. Nach einer schweren Prügelei wurde er von der Schule verwiesen, doch kein anderes Gymnasium wollte ihn mehr aufnehmen. Daher musste er nach der Mittleren Reife abgehen und seinen Berufswunsch Architekt aufgeben. Er besuchte anschließend die Handelsschule und machte einen Abschluss als Bilanzbuchhalter. Auf der Realschule lernte er seine Frau Ursula kennen, die aus einer linken sozialdemokratischen Familie kam. Durch diese Kontakte wurde Manfred Bissinger politisch interessiert, dabei lernte er kommunistische und jüdische NS-Opfer kennen. Sie heirateten jedoch erst zehn Jahre später.
Der Vater wollte Manfred als Journalisten sehen, der später im eigenen Verlag arbeiten sollte, und trotz größerer Differenzen in der Familie erkannte Manfred sein Talent zum Schreiben und fand sich damit einverstanden. Ein Volontariat in Publikumsmedien war ohne Abitur ausgeschlossen, deshalb ging Manfred zu einem Freund der Familie, dem Verlag Holzmann Medien im bayerischen Bad Wörishofen, wo er bei der Zeitschrift Vieh- und Fleischwirtschaft das Handwerk lernte. Eine Initiativbewerbung bei der Süddeutschen Zeitung 1957 war zunächst erfolgreich, die Zeitung sagte aber ab, weil sie nach der anstehenden Gründung der Deutschen Journalistenschule kein eigenes Volontärsprogramm mehr unterhalten würde. Bissinger wurde zur Augsburger Allgemeinen vermittelt, wo er sein Volontariat in der Wirtschaftsredaktion fortsetzen konnte. Noch während der Ausbildung wurde er einziger Redakteur des Kopfblatts Donau-Zeitung, wo er einen Skandal auslöste, als er als einziger Journalist in der erzkonservativen Region über die Verhaftung von zwei Priesterseminaristen wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern berichtete. Der Verleger der Augsburger Allgemeinen kündigte ihn, doch Bissinger hatte bereits Kontakte zur dpa geknüpft und nach diesem Scoop wollten ihn diese gern übernehmen.
Zur dpa kam er im Jahr 1962 nach Hamburg. Die Hamburger Flutkatastrophe war sein erstes großes Thema und er machte sich schon hier einen Namen als engagierter und guter Reporter. 1965 bewarb er sich erstmals bei Henri Nannen persönlich und bekam den Auftrag, für den Stern sechs Monate in Israel zu verbringen und darüber zwei bis drei Reportagen zu schreiben. Dieses für einen jungen Journalisten herausragende Angebot sagte er jedoch ab, als ihm kurzfristig die Regie-Assistenz bei Jürgen Neven-du Mont beim NDR in der Redaktion Panorama angeboten wurde. Bei Neven-du-Mont konnte er Neues lernen und das zog er dem ersten großen Auftrag vor. Bissinger arbeitete bei Panorama anfangs an gleich zwei Projekten zu Osteuropa und machte sich einen Namen als kreativer Journalist. Er wurde vom Regie-Assistent zum Reporter und arbeitete von 1965 bis 1966 unter der Leitung von Joachim Fest. Nach der Entlassung von Fest beim NDR aus Gründen des Parteienproporzes protestierten Bissinger, Egon Monk, Winfried Scharlau, Stefan Aust und andere. Bissinger kündigte aus Solidarität und bewarb sich bei Henri Nannen und Gruner + Jahr.
In Hamburg entwickelte Bissinger sein langjähriges Netzwerk aus persönlichen Freunden, das weit über berufliche Kontakte hinaus reichte und Maler, Galeristen und Schauspieler einschloss, darunter Horst Janssen, Günter Grass, Dieter Kosslick oder Peter Rühmkorf. Ein weiterer Freund wurde Helmut Schauer, zunächst Gewerkschafter, dann Vorsitzender des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes. Das Netzwerk baute er später weiter aus, es umfasste so unterschiedliche Menschen wie Roger Willemsen, den Werber Werner Knopf oder den Manager Christian Kullmann. Jedes Wochenende führte er umfangreiche Korrespondenzen mit seinen Freunden, den Briefen legte er häufig eine Fundsache bei, die speziell für den Empfänger ausgesucht war.
In der Politik-Redaktion von Stern war keine Stelle frei, deshalb wurde Bissinger vorübergehend bei den „Leserbriefen“ beschäftigt. Unwissentlich erhielt er dadurch eine Machtposition, von der er in der Folge konsequent Gebrauch machte. Aus den eingehenden Leserbriefen und Beschwerden erkannte Bissinger schnell die Schwächen aller Redakteure und war darüber besser informiert als die Chefredaktion. Er sprach in den Redaktionskonferenzen offen darüber und signalisierte damit den Kollegen: „Achtung, stellt euch gut mit mir!“ Ab 1967 war er Redakteur, Reporter, geschäftsführender Redakteur und schließlich von 1975 bis 1978 stellvertretender Chefredakteur bei der Zeitschrift Stern. Nannen wurde Bissingers Mentor, manchmal väterlicher Freund, und er erteilte ihm einen Lehrgang in Publizistik, journalistischer Qualität und politischem Engagement. Nannen seinerseits bezeichnete Bissinger als den begabtesten Blattmacher, der jemals beim Stern war. Unter Nannen und mit Bissinger wurde der Stern zum Wegbereiter der ersten sozialliberalen Koalition. Geld spielte damals keine Rolle, in der Wirtschaftswunderära kamen mehr Anzeigenaufträge herein, als gedruckt werden konnten.
Bissingers erste große Reportage O Schlesierland, mein Heimatland von 1967 spielte in Polen und Westdeutschland. Bissinger hatte in Schlesien polnische Einwohner getroffen und in Deutschland sich mit den ehemaligen Eigentümern von deren Häusern unterhalten. Flucht und Vertreibung wurden so erstmals in der deutschen Presselandschaft in Dialogen und Zwischentönen dargestellt. Die Grundhaltung des Artikels war jedoch eindeutig: die Ostgebiete waren polnisch und eine Rückkehr ausgeschlossen. Daher sollte die Oder-Neiße-Grenze anerkannt werden. Im Bundestag waren dazu die Stimmen der FDP ausschlaggebend. Der Stern, Nannen und Bissinger schossen sich auf die Partei ein und bekämpften deren konservativen Vorsitzenden Erich Mende, der eine Aussöhnung mit Polen und der Sowjetunion ablehnte.
Bissinger enthüllte im selben Jahr, dass Mende nebenbei für den US-Finanzkonzern Investors Overseas Services arbeitete, der später als Schneeballsystem enttarnt wurde und im Jahr 1970 unterging. Mende war nicht mehr tragbar und wurde 1968 durch Walter Scheel ersetzt. So richtete sich die FDP neu aus und die sozial-liberale Koalition und die neue Ostpolitik wurden möglich. Die Bedeutung des Sterns und Bissingers dafür wurde nicht beachtet.